20 März 2017 | Geschichte

Die Wiege der Luftfahrt stand in Südafrika

In der Geschichtsschreibung gilt der Deutsche Otto Lilienthal, der seit 1891 zahlreiche Gleitflüge ausführte, gemeinhin als frühester Luftfahrt-Pionier. Kaum bekannt ist hingegen, dass ein Südafrikaner namens John Goodman Houshold schon zwei Jahrzehnte vorher einen Gleitsegler konstruiert hatte, mit dem er mindestens zwei erfolgreiche Flugversuche unternommen hatte.

Geboren am 9. Dezember 1845 in Walsoken, Norfolk, England, fuhr er mit seinen Eltern und Geschwistern fünf Jahre später an Bord des Emigrantenschiffes „Minerva“ nach Südafrika. Dieses strandete bei den Fountain Rocks an der Küste von Natal, doch die meisten Auswanderer konnten gerettet werden, so auch die Familie Houshold, die ab 1864 die Farm „Der Magtenburg“, rund 30 Kilometer nördlich der Howick-Wasserfälle in den Natal Midlands, bewirtschaftete. Aufgrund von Vogel-Beobachtungen träumte der junge John Goodman schon früh davon, selbst einmal zu fliegen. Er studierte den Flug von Geiern, die er gelegentlich schoss und von deren Flügelspannen er dann Maß nahm. Auch ließ er sich vom Sekretär-Vogel inspirieren, der einen langen Anlauf benötigt, um in die Lüfte zu steigen, und so ging er, nachdem er jahrelange Forschungsarbeit betrieben und schriftliche Skizzen angefertigt hatte, die letztlich der Realisierung seines Kindheitstraums dienen sollten, an die handwerkliche Ausgestaltung. Hilfe und Unterstützung erhielt er dabei von John William Colenso, dem damaligen ersten Bischof der anglikanischen Kirche in Natal, der auch gelehrter Mathematiker war und der die Pläne seines jungen „Schülers“ absegnete.

Zusammen mit seinem Bruder Archer baute John Goodman zunächst einen Gleiter aus mit Seide bespannten Stahlrohren, der sich jedoch als fluguntauglich erwies, weil er vermutlich zu schwer war. Deshalb konstruierte man ein neues Fluggerät aus einem Bambusholzrahmen, verstärkt durch Riedgras und bespannt mit Ölhaut (geöltem Papier) und Baumwollstoff. In der Mitte hing unter dem Gleiter ein Sitz für den Piloten, die Flügel fielen besonders groß aus, um das Gewicht des Fliegers zu tragen. Damit unternahm er dann einen ersten erfolgreichen Flugversuch von den etwa 300 Meter hohen Karkloof Ridges, von dem er ungefähr 500 Meter weit flog. Bei der etwas unsanften Landung verstauchte er sich einen Fuß, was ihn aber nicht davon abhielt, einen zweiten Versuch zu starten, in dessen Verlauf er rund einen Kilometer weit flog und dabei eine Höhe von 50 bis 80 Meter über dem Gelände hielt. Die Landung verlief allerdings ebenfalls nicht ganz glatt, denn er geriet in einen Baumwipfel und brach sich ein Bein. Auch der Gleiter wurde erheblich beschädigt. Dieses Ereignis veranlasste nun seine Mutter zu der Bitte, er möge künftig nicht mehr fliegen, zumal sie als gläubige Frau ohnehin der Ansicht war, die Menschen sollten auf der Erde bleiben und ein Abheben in die Lüfte sei „unchristlich“. John Goodman fügte sich dem Wunsch der Mutter und stellte seinen Gleitapparat in einer Scheune ab, wo er vermutlich später verbrannte. Damit aber vergab er zugleich die Chance einer weiteren Entwicklung auf dem Gebiet der Luftfahrt, die dann Otto Lilienthal in Deutschland und den Brüdern Wright in den USA vorbehalten blieb.

Der genaue Zeitpunkt des Geschehens in Südafrika ist nicht überliefert, aber es soll zwischen 1871 und 1875 gewesen sein. Auch ist nicht bekannt, um wie viele Flugversuche es sich insgesamt handelte, doch zumindest hat es die zwei genannten gegeben, die beide als erfolgreich galten. Damit aber darf John Goodman Houshold zweifellos als frühester dokumentierter Luftfahrt-Pionier der Geschichte bezeichnet werden, dem ein Flug mit einem Gerät gelang, das schwerer als Luft war.

Houshold lebte später in Umkomaas, Natal, und starb am 18. März 1906 unverheiratet in Pietermaritzburg, wo sich auf dem Alten Friedhof noch heute sein Grab befindet, das jedoch keinen Hinweis auf die Bedeutung der hier beigesetzten Person enthält. Leider gibt es auch keine Unterlagen über seine Flugversuche, denn nach seinem letzten Willen sollten alle Schriftstücke und Skizzen davon vernichtet werden, was dann wohl auch geschah. Erst im September 1995 - im Jahr des 75. Gründungsjubiläums der South African Air Force (SAAF) - setzte die Lions River Heritage Society dem Pionier der Luftfahrtgeschichte auf dem Gelände der einstigen Farm „Der Magtenburg“ bei Curry’s Post ein Denkmal (Goodman Houshold Aviation Memorial). Jean Griffin, deren Urgroßvater George Curry die Farm von der Familie Houshold gekauft hatte, erzählte dabei, dass sie oft von ihrem Großvater Alfred Curry (Sohn von George) die Geschichten über die Flugversuche von John Goodman Houshold gehört habe, die auch in den „Stories from the Karkloof Hills“ von Charles Scott Shaw beschrieben worden seien und in denen John Goodman’s Bruder als einziger Zeuge genannt werde mit den Worten: “When all was ready, he went to the top of a fairy hill with a gentle slope, took a run and suddenly found himself gliding through space down the hillside for some distance, when he suddenly crashed and lay there, with the wings in pieces strewn around him... He never attempted to fly again.” Bei der Enthüllung des Gedenksteins anwesend waren zudem Percy und Cyril Croudace, deren Mutter eine Nichte von John Goodman Houshold war und die ihren Kindern häufig die Geschichten ihres Onkels erzählt hatte. Im November 2015 wurde der „Memorial Stone“ im Tal des Karkloof River nach einer Renovierung im Beisein zahlreicher Gäste dann erneut eingeweiht.

Wolfgang Reith, Neuss & Kapstadt

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