01 März 2012 | Reiseberichte

Die Plotter vom Swakop-Rivier

Unzählige Geschichten ranken sich um den Swakop und sein wildes, schönes Flussbett auf seinem langen Weg durch das Inland bis hin zum Atlantik. Schon lange vor der ersten festen Besiedlung war das Swakoptal ein Leben verheißender Zufluchtsort für Mensch und Tier.
Die erste Erwähnung des Bereiches nahe der heutigen Stadt Swakopmund findet man um das Jahr 1700, als Wasserstelle der Bergdama bei "Hunidas", dem heutigen Nonidas, 10 km von der Küste entfernt. Um 1750 nutzte der Herero-Häuptling Tjiponda eine Zeit lang das wildreiche Tal als Rastplatz.
Der vom Kap stammende Großwildjäger Pieter Pienaar erforschte als erster Europäer das Swakoptal und berichtete von Nashörnern, Elefanten, Büffeln, Löwen und Antilopenherden in dem Flussbett, das selbst zu Trockenzeiten stets ausreichend Grundwasser führte und streckenweise eine üppige Vegetation hervorbrachte.

Um 1850 diente das hier weit gestreckte Tal als Weideplatz der Händler am Baiweg, dem Hauptversorgungsweg zwischen der Küste und dem Inland, der sich von Walvis Bay über Rooibank, an Nonidas in Richtung Goanikontes vorbei und dann bis nach Windhoek hin erstreckte.
Um diesen wichtigen Verbindungsweg zu sichern, ließ Hauptmann Curt von Francois im Jahr 1892 eine Polizei- und Zollstation errichten "zur Überwachung der Transporte aus Walfischbucht", und besetzte ihn mit einem Unteroffizier und einem Reiter.
Die Schönheit des Tals Der einstige Stationschef von Swakopmund schrieb im Jahre 1899: "Wir sind hier in Nonidas, dem jetzigen Ausspannplatz vor Swakopmund. Schon von Kanikontes (heute Goanikontes) aus hatten wir ein ununterbrochenes dumpfes, grollendes Geräusch gehört, das hier in Nonidas noch deutlicher an unser Ohr schlägt: Das Toben der Meeresbrandung, die sich donnernd an den Klippen und Felsen der Küste bricht. (...) Dünne Wasseradern durchziehen kreuz und quer das dicht mit Queckgras, Schilf, Binsen und wilden Tabakstauden bewachsene Flussbett, und Schwärme von Enten, Flamingos und Reihern beleben die Landschaft, welcher die gelbroten Dünenmatten, die von der englischen Seite des Riviers herüberleuchten, ein einzigartiges Gepräge geben. Flussaufwärts sieht man hinein in den beginnenden Canyon; aus Nordosten grüßt, als Abschluss einer weiten, allmählich ansteigenden Hochebene, aus blauer Ferne das Hanoasgebirge herüber (...) und erhebt sich aus niederen gelben Stein- und Kieshügeln die pechschwarze Felspyramide des Nuberowkop."

Schon immer brachte das Swakoptal mannigfaltiges Leben hervor, und so ist es eng verwoben mit der Geschichte des Landes.1897 begann der Bau der Eisenbahn von der Küste ins Inland, die ersten Stationen waren Nonidas und das acht Kilometer flussaufwärts gelegene Richthofen. 1898 wird eine Schlachterei Köstens genannt, 1903 Gartenbetrieb mit Gasthaus Märtens (der 1906 von Wilhelm Brock übernommen wurde), 1904 Gasthaus Levermann mit Kegelbahn und 1907 Schlachterei Hauck. In der "Geschichte der Wasserstelle Nonidas" erwähnen die Autoren Fahrbach und Steffan: "Damals wurden viele frohe Feste auf Nonidas gefeiert, es gab zum Beispiel ein jährliches Pferderennen, der Kegelclub, Gesangverein, Schulen und Turnverein kamen zu festlichen Anlässen nach Nonidas".
Zu Beginn des zweiten Weltkrieges wurde Ende 1914 mit dem Abbau der Bahngleise begonnen, Anfang 1915 stationierte General Botha seine Truppen bei Nonidas.
Nonidas als historische Stätte Die bewegte Geschichte des Swakoptals verzeichnet unter anderem die Vermessung der "Eierfarm" bei "Kilometer 6" für Franz Lartz im Jahr 1911. 1923 erwarb die Familie Schieri-Lartz nach dem Verlust des landwirtschaftlich genutzten Gebietes durch das starke Abkommen den Swakops die ehemalige Polizeistation und errichtete später sein endgültiges Domizil bei "Kilometer 10", dem heutigen Sitz der Nachkommen, Familie Stiemert.

Achtzehn Jahre lang bauten Renate und Fritz Stiemert (seine Mutter war eine geborene Schieri) über den Mauerresten der ehemaligen Polizeistation eine weithin sichtbare Burg und eröffneten 1982 das "Burghotel Nonidas", das heute noch weithin sichtbar auf einem kleinen Hügel liegend. Inzwischen wurde die Burg verkauft und beherbergt den Hauptsitz des geplanten "Heritage Hill" Wohngebietes.
Im Laufe der Jahre siedelten sich weitere Betriebe und Privatleute im fruchtbaren Tal des Swakopflusses an, und heute sieht man über viele Kilometer hinweg fruchtbare Plantagen, Kleinfarmen, Herstellungsbetriebe, Anbieter von Freizeitaktivitäten und Privathäuser derjenigen, die der vermeintlichen Enge der Kleinstadt entfliehen möchten und sich hier in freier Natur ansiedelten: Im Volksmund liebevoll "Die Plotter" genannt.

Bleiben wir zunächst bei Nonidas, bei Familie Stiemert, die lange Zeit das erste Gebäude nach der Stadtgrenze besiedelten. Milch- und Landwirtschaft bildeten ihren Lebensunterhalt. Der Vater des heute 80-jährigen Fritz Stiemert arbeitete als Schmied "überall im Land". Aus Palmhorst war Fritz als kleiner Junge mit seinen Eltern nach Nonidas gekommen, um später bei dessen Milchwirtschaft zu helfen und nach dem Tod des Onkels den Betrieb zu übernehmen.

Dadurch bedingte sich die Schließung des Burghotels im Jahre 1989, denn beide Unternehmen ließen sich nicht gut nebeneinander führen und die Gäste wurden weniger, wie das Ehepaar Stiemert berichtet: "Damals wurde ,kein Alkohol am Steuer' propagiert und so wurden auch die Gäste zunehmend weniger".
Während dieser Zeit gründeten sie auch eine Autowerkstatt, die in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen feiert und von Sohn Fritz junior geleitet wird.
Unzählige Familiengeschichten ranken sich um die historische Stätte, die gleichsam Heimat für viele Generationen ist.
Kamele in der Namib Ein Kamel in der Wüste? Das scheint das Natürlichste der Welt zu sein. Doch im Gegensatz zur Sahara sind in der Namib ursprünglich keineswegs Kamele beheimatet, auch wenn die Schutztruppen sie einst als Reittiere nutzten.
Dass Elke Erb heute auf ihrem knapp zehn Hektar umfassenden Grundstück gleich neun Kamele hält, die auch zum Reiten zur Verfügung stehen, grenzt nahezu an eine Sensation. Besonders für Familien mit Kindern ist eine kleine Kamel-Safari über die Plots ein reines Vergnügen. Auch bei Hochzeiten und Firmenausflügen kommen die Kamele mit ihren illustren Namen wie Halfpad, Kalahari, Buschmann oder Olga zum Einsatz.
Seit 1972 ist der Plot im Besitz von Elke Erb, der Grundstein für das ursprüngliche Farmhaus, das liebevoll renoviert ist und inmitten eines originell angelegten Gartens mit einheimischen Wüstenpflanzen liegt, wurde vor rund 60 Jahren gelegt und war damals als Café geplant. Dattelpalmen, ein kleiner Baobab und sogar Welwitschia mirabilis wachsen und gedeihen auf dem sandigen Boden und spiegeln auf diesem originellen Plot die Vielfalt des Landes wider.
Süßwasserfische am Meer Dass man an der Atlantikküste reichlich mit Fisch versorgt wird, scheint logisch, doch auf der zwölf Hektar umfassenden Farm Santa von Iris und Manfred Grabow gibt es nicht etwa Salzwasser-, sondern Süßwasserfische. Tilapias aus der Familie der Buntbarsche, wie sie unter anderem am Okavango vorkommen, werden hier in Anzuchtbecken und Fischteichen gezüchtet. In Ostafrika ist der Tilapia wegen seines herzhaften Geschmacks sehr beliebt. An der namibischen Küste jedoch ist man zunächst noch etwas skeptisch, bis man sich an den ungewohnten Geschmack gewöhnt haben mag.
Grabows, ehemalige Farmer der Farm Wunderland bei Steinhausen im Bezirk Gobabis, erwarben ihren Plot 2005. Auch diese Kleinfarm hat eine lange Geschichte, war ursprünglich von Ravenscroft erschlossen worden, der die Palmenallee anlegte, von der gesagt wird, sie sei aus Gastgeschenken entstanden, indem jeder Gast gebeten wurde, eine Palme mitzubringen.
Später hatte Peter Weichert hier ein Restaurant mit Bar, das weit über die Plots hinaus Furore machte. Ein ehemaliger Flugzeughangar, Bestandteile früherer Werkstätten und damals angelegte Wanderwege zeugen noch heute von einer lebhaften Zeit des ausgiebigen Feierns.
Neben der Fischzucht hat Sohn Rainer Grabow in den ehemaligen Werkstätten eine Schreinerei eingerichtet, in der er sich auf den Bau von Treppen, Fenstern und Türen und vor allem auf die Renovierung antiker Möbel spezialisiert hat.
Camping und deutsche Hausmannskost Wer die klare Luft der Plots im grünen Tal genießen möchte, kann dies besonders gut auf Sophia Dale erleben. Michaela und Manfred Lütz kauften diese knapp drei Hektar Freiheit im Jahr 2009 von Bettina May, deren Sohn Hendrik sich als erster Skifahrer in der Wüste und gleichzeitig Weltrekord-Halter einen Namen gemacht hat.
Sieben Bungalows, die als Selbstversorger-Wohnungen für Gäste aus aller Welt zur Verfügung stehen, werden ergänzt durch sechs Gästezimmer und einen malerischen Campingplatz für Individualtouristen und größere Gruppen. Hierher fahren auch die Swakopmunder gerne zum Mittag- oder Abendessen, um nicht nur die unberührt anmutende Natur zu erleben, sondern auch die vorzügliche Hausmannskost des Fleischermeisters zu schlemmen. Familie Lütz stammt ursprünglich aus der Nähe von Bonn und war 2007 zum ersten Mal in Namibia, zu Besuch bei Freunden in Walvis Bay. Als Manfred und Michaela sich zum Auswandern entschlossen, kamen Manfreds Eltern prompt mit. Vor knapp einem Jahr wurde Töchterchen Merle als erste waschechte Namibierin in der Familie Lütz hier im Land geboren.


Im nächsten Teil geht es weiter mit dem Leben am Swakop Rivier, mit Geschichte und Geschichten außergewöhnlicher Menschen, die die Wüste urbar machen und aus sandigen, trockenen Flächen grüne Oasen entstehen lassen.

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