01 Juni 2012 | Gesellschaft

Die Frau im gläsernen Käfig

Die Performance-Künstlerin hat mit ihrer Aktion "Label" großes Aufsehen erregt. An zwei Tagen stellte sie sich stundenlang mitten in der Maerua Mall und auf einem Flohmarkt in einem Glaskasten. Bunte Klebezettel sollten von den vorbeikommenden Menschen beschriftet und an daran geklebt werden. Das Ergebnis wird jetzt im Goethezentrum im Rahmen ihrer Ausstellung "Conscious Connections" ausgestellt.

"Ich wollte darauf aufmerksam machen, dass wir alle Vorurteile haben", sagt die 31-Jährige, "wir alle stellen unsere Mitmenschen damit unbewusst in einen Glaskasten, urteilen vorschnell." Sie ist in Swakopmund geboren, hat hier an der Universität von Namibia Kunst studiert, ursprünglich mit Gemälden angefangen, dann aber ihre Liebe zur Performance-Kunst entdeckt.

"Ich kann mich so besser ausdrücken", sagt sie, "wenn du ein Bild malst, hast du nur eine bestimmte Fläche zur Verfügung und dann ist es irgendwann abgeschlossen. Aber Performance ist interaktiv, ich habe mehr Möglichkeiten, Musik, Bilder, Sprache einzubauen." Die Künstlerin kann die Reaktionen auf ihre Kunst live miterleben.
Viele Leute bleiben erst einmal irritiert stehen, lachen, tuscheln miteinander. "Wie kann man nur so seine Zeit verschwenden?", sagt eine Passantin laut. Wechselberger gefällt das - die unmittelbaren Reaktionen sind das, worauf sie aus war, als sie das Projekt "Label" begann. Die meisten Menschen bilden sich innerhalb von Sekunden Urteile über Andere. Selten haben sie die Möglichkeit dieses Urteil auch noch mitzuteilen, doch so richtig funktioniert es auch in der Kunst nicht. "Ich habe festgestellt, dass die Leute die Labels, die sie mir gaben, filtern", sagt sie, "manchmal habe ich gehört, wie sie schlecht über mich sprachen, dann aber etwas Nettes auf den Glaskasten klebten. Verrückt!"

Ist es nicht verletzend, sich solchen Kommentaren auszusetzen? Nein, meint Wechselberger, schließlich sei sie nicht als Privatperson, sondern Kunstobjekt dagewesen und auch die Glaswand habe geholfen, Distanz zu den Sprüchen der Passanten zu gewinnen. Im wirklichen Leben sei man diesen Kommentaren viel schutzloser ausgeliefert.

Das ist auch der politische Aspekt in ihrer Arbeit. Wechselberger will wissen: Wie wichtig ist es den Menschen, dass ich eine Frau bin, dass ich weiß bin, dass ich lila Haare trage?

In Namibia ist Kunst immer auch politisch, glaubt sie. Besonders das Interagieren von Menschen, soziale Komponenten und Kommunikation hat sie immer fasziniert.
Schon als Kind malte sie gerne, doch keiner in ihrer Familie hatte je etwas mit Kunst zu tun, also dachte auch Kirsten Wechselberger zuerst an eine Karriere an der Schule. Heute arbeitet sie tatsächlich auch als Kunstpädagogin im Katutura Community Art Centre, versucht aber vor allem mit ihrer Kunst Geld zu verdienen. Und langsam scheint es zu klappen, Wechselberger wird bekannter im Land, hat jetzt ihre erste Einzelausstellung im Goethezentrum.

Diese besteht eigentlich aus drei Teilen, die größtenteils interaktiv sein sollen: Der Glaskasten mit den "Labels" wird ausgestellt und begehbar sein, so dass die Besucher hineintreten und nachfühlen können, was Wechselberger gefühlt haben muss, als sie dort stand. Zusätzlich wird sie Gemälde ausstellen, die vom Publikum mit kleinen Klebern "gemocht" oder "nicht gemocht" werden können ¬ eine Anspielung auf das soziale Netzwerk Facebook, indem ganz normale Privatpersonen breitwillig ihr Innerstes nach außen kommunizieren. "Das Internet fasziniert mich", sagt sie, "weil sich die Menschen dort oft ganz anders präsentieren, als sie in Wirklichkeit sind. Sie erschaffen sich ein Profil, dem sie gerne entsprechen würden. Ich bin da keine Ausnahme. Auch ich denke darüber nach, welche Fotos ich posten will, was ich lustiges Schreiben kann, oder ähnliches."

Eine Video-Installation wird die Ausstellung ergänzen. In dem Kunstfilm vermischt sie Gemälde mit Aufnahmen aus dem Glaskasten und untermalt sie mit Musik, alles thematisch nach "Labels" gebündelt. Eine Ausstellung also, die dem Zuschauer eine ganze Menge an Mitmach-Möglichkeiten bietet.

Für das Publikum nicht nur eine Gelegenheit sich Kunst anzuschauen, sondern sich auch damit auseinanderzusetzen, an was für Klischees sie selber glauben. Ein Vorurteil sei die hochnäsige Empfangsdame im Vorzimmer der Vernunft, sagte der Schriftsteller Karl Heinrich Waggerl einmal. Für Wechselberger ist es noch mehr: Es ist ein Gradmesser der Konflikte in unserer Gesellschaft und eine Hilfe zur Einordnung in einer schnelllebigen Zeit.

Ihre Kunst ist aufwendig. Stundenlang zu stehen und betrachtet zu werden, wie ein Tier im Zoo ist nicht nur körperlich anstrengend. "Ich war sehr nervös", gesteht Kirsten Wechselberger. Ob alle Passanten verstanden haben, worauf sie hinauswollte, weiß sie nicht. Einer klebte ihr auch nur ein "Call me!" (Ruf mich an!) auf die Scheibe, andere gingen kopfschüttelnd an ihr vorbei, als wäre sie schlichtweg verrückt. Die meisten fanden die Aktion nur lustig und ahnten wohl nicht, dass sie jetzt Teil eines größeren Kunstprojekts geworden sind.

Wer sich selber ein Bild davon machen will, sollte im Goethezentrum vorbei kommen, interessant ist es allemal. Und ja, es ist irgendwie verrückt, wenn sich ein erwachsener Mensch in einem Glaskasten ausstellt. Es ist aber auch sehr mutig und vielleicht ist es sogar große Kunst.

Katrin Wechselbergers Ausstellung "Conscious Connections" läuft noch bis 25. Juni im Goethezentrum in Windhoek, der Eintritt ist frei.

Julia Dombrowsky

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