26 Juli 2021 | Natur & Umwelt

Die Angst um das Riff

Zum 23. Juli: Australien im Visier der UN

Vor der Küste von Queensland erstreckt sich über 2300 Kilometer das größte Korallenriff der Welt. Aber dem Great Barrier Reef droht die Zerstörung. In der Kritik steht auch die australische Regierung - dem Klimasünder könnte das nun teuer zu stehen kommen.

Von Carola Frentzen, dpa

Sydney

Wer am Great Barrier Reef vor der australischen Nordostküste taucht oder schnorchelt, kann sich der Faszination dieser einzigartigen Unterwasserwelt nicht entziehen. Spektakuläre Korallenformationen, sanft schwingende Seeanemonen und unzählige Meereskreaturen: Das Riff gilt als eines der atemberaubendsten Naturwunder der Erde. Aber es steht vor dem Kollaps: Drei verheerende Korallenbleichen innerhalb der vergangenen fünf Jahre - 2016, 2017 und 2020 - sowie die Industrialisierung entlang der Küstenregionen haben ihm schwer zugesetzt. Jetzt ist sein Welterbe-Status in Gefahr.

Experten warnen, dass die steigenden Wassertemperaturen die 25 Millionen Jahre alte Pracht bald gänzlich vernichten könnten. Schon als die erste der drei verheerenden Korallenbleichen eingesetzt hatte, berichtete Terry Hughes vom Institut für Korallenforschung an der James Cook-Universität: „Ich habe die Ergebnisse unserer Luftaufnahmen nach einem Überflug meinen Studenten gezeigt. Und dann haben wir geweint.“

Seither ist die Lage eher schlimmer als besser geworden. Deshalb will die Unesco am Freitag bei ihrer Sitzung im chinesischen Fuzhou entscheiden, ob das Great Barrier Reef auf die Liste gefährdeter Naturerbestätten gesetzt wird. Die langfristigen Aussichten für das Riff, das seit 1981 zum Welterbe gehört, hätten sich von „schlecht“ zu „sehr schlecht“ entwickelt, so die UN-Organisation. Das will die Regierung in der Hauptstadt Canberra weder hören noch öffentlich diskutiert haben - und suchte bis zuletzt nach Schlupflöchern im Unesco-Text, um eine Entscheidung möglicherweise hinauszuzögern.

Fakt ist aber, dass Australien eine der höchsten CO2-Emissionsraten pro Kopf hat und der größte Kohleexporteur der Welt ist. Erst vor wenigen Monaten kündigte der konservative Premier Scott Morrison, die Gasindustrie weiter auszubauen und dafür 58 Millionen australische Dollar (37 Millionen Euro) im Budget zu veranschlagen. Zudem sollen 600 Millionen australische Dollar (380 Millionen Euro) an Steuergeldern in ein neues Gaskraftwerk an der Ostküste fließen.

Während sich immer mehr Länder dem Kampf gegen die Erderwärmung verpflichten, will Down Under also offenbar langfristig an fossilen Brennstoffen festhalten. Doch viele Korallengärten vertragen keine Erwärmung - besonders, wenn sie so komplex sind wie das Great Barrier Reef. Hinzu gesellen sich weitere Probleme. Das Riff befinde sich „in akuter Gefahr, als Industriegebiet und Schiffs-Autobahn missbraucht zu werden“, warnte der WWF im Januar. „Durch den geplanten Ausbau von Kohlehäfen steigt das Risiko für irreparable Riffschäden, für Umweltkatastrophen durch Schiffsunglücke sowie für Wasserverschmutzung dramatisch. Das darf nicht passieren.“

Der Weltklimarat IPCC warnte schon 2018, dass 70 bis 90 Prozent aller tropischen Korallenriffe der Welt absterben könnten, wenn die globale Temperatur um 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit steigt. Eine Studie ergab, dass das mehr als 340 000 Quadratkilometer große Great Barrier Reef innerhalb von gut zwei Jahrzehnten bereits mehr als die Hälfte seiner Korallen verloren hat. „Wir dachten immer, das Great Barrier Reef sei durch seine schiere Größe geschützt“, so die Autoren. Dies sei ein Irrglaube gewesen.

Erstmals hatte das Welterbekomitee der australischen Regierung 2014 damit gedroht, eine Gefährdungseinstufung des Great Barrier Reef in Betracht zu ziehen. Der Regierung wurde aber Zeit gegeben, eine langfristige Strategie zu entwerfen. Das tat sie auch und legte 2015 den so genannten „Reef 2050 Plan“ vor. Es wurde ins Riff-Management investiert, in wissenschaftliche Projekte, in die Verbesserung der Wasserqualität. Abladungen von Aushub in dem gesamten Gebiet wurden verboten - bis dahin war das Abkippen von Baggergut in der Umgebung des Great Barrier Reefs jahrzehntelang die Norm.

Das sei aber bei weitem nicht genug – „stärkere und klarere Verpflichtungen“ seien dringend nötig, mahnt die Unesco. Dem widerspricht Umweltministerin Sussan Ley: „Ich stimme zu, dass der globale Klimawandel die größte Bedrohung für die Riffe dieser Welt ist. Aber es ist unserer Ansicht nach falsch, das weltweit am besten gehandhabte Riff für eine Liste gefährdeter Stätten herauszugreifen.“

Der offizielle Riff-Botschafter der Regierung, Warren Entsch, lud gar ein gutes Dutzend internationaler Botschafter zum Schnorcheln am Riff - wohl in der Hoffnung, dass die Diplomaten ihren Regierungen vor der Abstimmung vom vermeintlich gesunden Korallenparadies vorschwärmen. Denn eine Herabstufung könnte dazu führen, dass das Great Barrier Reef seinen Welterbe-Status gänzlich verliert.

Und das wäre folgenschwer: Das Riff mit seinen Inseln und Atollen ist eine riesige Touristenattraktionen und somit ein maßgeblicher Wirtschaftsfaktor. Die Lebensgrundlage von mehr als 64 000 Menschen im Bundesstaat Queensland hängt davon ab. Vor Corona kamen jedes Jahr rund zwei Millionen Besucher. Experten schätzen den Vermögenswert des Riffs allein für den Tourismus auf umgerechnet rund 20 Milliarden Euro. Bei schlechter Presse drohen erhebliche Einbrüche.

Kurz vor Toresschluss brachte Australien deshalb noch einen Änderungsvorschlag zu dem vorgesehenen Unesco-Text ein, der von 12 der 21 Mitgliedstaaten des Welterbekomitees unterstützt wird. Darunter befinden sich etwa Mali, Saudi-Arabien und Äthiopien. Australien bekäme dann mehr Zeit, das Thema würde erst 2023 erneut behandelt.

„Die Regierung scheut keine Mühen oder Kosten, um die schlimme Situation des Great Barrier Reef zu vertuschen“, schrieb die Klimaexpertin Lesley Hughes von der Macquarie-Universität in einem Beitrag im „Sydney Morning Herald“. Gleichzeitig treibe sie die Verbrennung fossiler Brennstoffe weiter voran. Die Bemühungen des Landes zur Eindämmung des Klimawandels seien „bestenfalls als erbärmlich“ zu bezeichnen.

Es stehe viel auf dem Spiel, warnte Hughes. Denn wenn das Riff wirklich von der Welterbeliste gestrichen würde, sei das „sowohl demütigend als auch wirtschaftlich verheerend“ für Australien.

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