20 Oktober 2021 | Geschichte

Der weiße Buschmann

Vom Wilderer zum Wildhüter

Im Jahre 1929 in Windhoek geboren, lernt Peter Stark, wie so viele „Südwester“, schon als Kind den Umgang mit einer Jagdwaffe und von einem Farmarbeiter das Verhalten des Wildes. Sein Leben zur freien Natur, dem Reitsport und vor allem der Jagd, verführten ihn zu Abenteuern, die ihn oft in Schwierigkeiten brachten. Seine Einstellung zur Jagd ändert sich drastisch, als er vom Ministerium für Naturschutz angestellt wird un d er nun die Wilddiebe aufspüren muss, um das Wild im Etoscha-Nationalpark als Wildhüter zu beschützen.

15. Folge

Jagd auf Voigtskirch

Voigtskirch war sehr wildreich und ich hatte viel Gelegenheit zur Jagd. Sehr oft fuhr Tante Irmchen sonnabends auf der Farm herum, um schnell einen Kudu für die Küche zu schießen. Das war Fleischbeschaffung, aber keine Jagd. Zum waidgerechten Jagen braucht man Zeit und Ruhe. Deshalb ging ich sonntags oft zu Fuß in den Busch und erlegte dann einen guten Bullen. Ich schlug ihn meist allein aus der Decke, zerlegte ihn und holte anschließend das Fleisch mit der Eselkarre. Autofahren konnte ich ja noch nicht. Das dazugehörige Braten von Leber, Mark und Fleisch war ein fester Brauch geworden.

Aber auch gewildert habe ich dort. Mit dem Nama Dirk und seinen Hunden ging es nachts bei Mondschein auf Stachelschweinjagd. Wenn wir ein oder zwei Stachelschweine mit den Hunden in einem Busch eingekesselt hatten, erschlugen wir sie mit Knüppeln. Dann wurden die Stachelschweine gerupft und Dirk hat sie an seinem Pontok zubereitet. Solches Fleisch schmeckte immer besonders gut. Einmal, als ich im Dunkeln auf ein Stachelschwein zuschlug, traf ich einen Rückenstachel, der mir ungefähr vier Zoll tief, zwischen Mittel- und Ringfinger, in die Hand eindrang. Ich konnte den Stachel nicht selbst herausziehen. Dirk musste beiderseitig vom Stachel mit dem Taschenmesser und im Schein einer Taschenlampe, zwei tiefe Kerben ins Fleisch schneiden. Dann zog er mit beiden Händen und mit voller Kraft und endlich war der dicke Stachel raus. Ich hätte bei der Prozedur vor Schmerz schreien können. Die Hand schwoll zusehends an und schmerzte unerträglich. Am nächsten Morgen war der ganze Unterarm geschwollen, ebenso die Drüsen in den Achselhöhlen. Ich legte meinen Unterarm auf den Kopf und lief so herum. Der Pulsschlag pochte wie irre in meiner Hand. Wiese hatte kein Erbarmen. In Ovio wurde ein Zaun gezogen; ich musste zu Fuß dorthin gehen, da ich nicht reiten konnte, um wenigstens das Drahtspannen zu beaufsichtigen. Ich lief die ganze Zeit mit dem Arm auf dem Kopf umher. Tante Irmchen hat mir abends ein heißes Seifenbad mit Dettol gerichtet und da musste die Hand hinein. Ein Gefühl wie im Paradies! Nach drei Tagen ließ die Schwellung nach, aber die Wunde eiterte noch lange, bis sie endlich heilte. Stachelschweine wurden jedoch weiterhin nachts gejagt, obwohl mit weitaus längeren Knüppeln!

An einem Sonntagmittag hatte ich eine sehr feiste Kudufärse geschossen. Es war herrliches Fleisch; beim Abhäuten wurde Feuer gemacht, Leber, Dickdarm und Fett auf die Kohle gelegt und dann was haste, was kannste, „gefressen“. Essen konnte man das nicht nennen. Am nächsten Morgen war mir hundeübel. Kurz drauf fing ich an zu erbrechen. Es wurde immer schlimmer, ich hatte rasendes Herzklopfen und sowie ich vom Bett aufstand, musste ich mich erbrechen. Ich konnte nichts mehr bei mir behalten und war nach kurzer Zeit nur noch Haut und Knochen. Endlich, nach ungefähr zwei Wochen, fuhr Tante Irmchen mich nach Windhoek zu Doktor Leitner. Als ich zu ihm ins Zimmer trat, sagte er ohne zu grüßen: „Mensch, Peter, hast du aber eine Gelbsucht!“ Er griff sofort unter den Tisch, holte einen Nachttopf hervor und sagte kurz in seinem bayrischen Dialekt: „Da, schiff rein!“ Da sah ich zum ersten Mal mit Bewusstsein, dass mein Urin schwarzbraun war. „Ab ins Krankenhaus, Junge und ’ne Woche nicht gerührt!“ Ich wollte noch aufmucken, aber Dr. Leitner war ein handfester Bayer und sein Wort war Gesetz. So lag ich dann zwei Wochen im „Katholischen“ mit strengster Diät unter der Aufsicht von Schwester Berlindes. Sie konnte reichlich ruppig werden und saftige Backpfeifen austeilen, war aber ein herzensguter Mensch.

Ja, das kommt davon, wenn man zuviel Fett isst! Danach musste ich noch monatelang mit meiner Diät aufpassen. Eine Weile später war es fast wieder soweit. Auf Voigtskirch arbeitete ein Mischling, Hendrik Bezuidenhout. Er half Frau Wiese in der Küche und im Haus. Ich freundete mich mit ihm an, da er auch in meinem Boxclub war. Alle jungen Mischlinge und Schwarzen hatte ich überredet, abends nach dem Dienst zu mir zu kommen, um Unterricht im Boxen zu nehmen. Wir hatten auch allerlei Stangen und Gewichte zum Heben, um Kraftübungen zu machen. Die Veranda vor meinem Zimmer diente als Boxring.

Mit Hendrik zusammen braute ich Honigbier und er bereitete so manches illegale Stück Wildbret zu, das wir dann spät abends verzehrten. Illegal war zum Beispiel „Pau“ (Riesentrappe). Damals gab es davon noch viele auf Voigtskirch, sie waren aber gesetzlich geschützt, immer schnickefett und schmeckten vorzüglich.

Ich hatte einmal wieder einen fetten Pau geschossen und Hendrik nahm ihn freudestrahlend in Empfang. Nach dem Abendessen hatte ich länger bei Wieses gesessen und kam dadurch später als üblich in mein Zimmer. Als ich mein Zimmer betrat, wusste ich sofort, dass Hendrik da gewesen sein musste, das Zimmer roch stark nach Pau. In meinem Kleiderschrank stand ein großer Dreifußtopf mit gekochtem Pau, noch schön warm. Die Fleischstückchen schwammen im eigenen Fett. Da aber das Zimmer so stark nach Pau roch, wollte ich so schnell wie möglich damit fertig werden, falls Tante Irmchen Zimmerinspektion macht und uns auf die Schliche kommt. Also aß ich wieder übermäßig viel. Das Resultat war verheerend; am nächsten Morgen musste ich ständig reihern. Damit sich die Gelbsucht nicht wiederholt, musste ich wieder eine zeitlang streng auf Diät achten. Es war eben noch mal gut gegangen. Auf Voigtskirch habe ich danach nie wieder einen Pau geschossen; nur der Geruch allein genügte, um den Appetit auf Pau zu verscheuchen.

Anfang auf Farm Onguma

Ich hatte nun schon drei Jahre auf Voigtskirch gearbeitet. Diese Jahre waren schön und lehrreich. Bei Herrn Wiese habe ich viel gelernt, vor allem zu gehorchen und im gegebenen Augenblick den Mund zu halten. Das hat meine spätere Berufssoldatenzeit erheblich erleichtert. Gegen Ende des dritten Jahres kam ein gewisser Herr Böhme nach Voigtskirch, um für seine Pferde einen Zuchthengst auszusuchen. Herr Böhme war ein hagerer, älterer Mann, der nur einen Arm hatte. Den linken Arm hatte er durch einen Löwen verloren. Seine Farm Onguma lag im äußersten Norden des besiedelten Farmgebietes in Südwest. Die Farm hatte einen großen Wildreichtum, grenzte mit der Westgrenze an die Etoscha Pfanne, mit der Nordgrenze an das damals unbesiedelte „Kronland“, welches wieder an das Mangettigebiet grenzte. Onguma selbst war 20 000 Ha groß; aber da es nicht eingezäunt war, war es für Herrn Böhme grenzenlos. Herr Böhme, der zwei Tage auf Voigtskirch blieb, erzählte viel von Onguma.

Vor allem seine Erlebnisse mit Löwen interessierten mich. Als ich von ihm hörte, dass er auf der Suche nach einem fleißigen jungen Mann sei, war ich sofort Feuer und Flamme und bewarb mich für den Posten. Da ich nun drei volle Jahre auf Voigtskirch gearbeitet hatte und mich verändern wollte, hatte Herr Wiese Verständnis und ließ mich gehen. Zum Abschied wurde Banner mir, wie schon gesagt, geschenkt. Die Arbeiter hatten für mich einen großen Behälter voll Silbermünzen gesammelt und überreichten ihn mit den Worten: „Damit du dir Essen kaufen kannst“. Der alte Fritz war der Urheber dieser großzügigen Geste; nur mit Mühe konnte ich Tränen der Rührung unterdrücken.

Von Windhoek bis Tsumeb konnte ich Banner mit der Bahn verladen. Ab Tsumeb musste ich reiten; damals noch auf einer Schlängelpad über die Farmen, es waren ca. 84 Meilen. Herr Böhme hatte mir geraten, diesen Weg in zwei Tagen zurückzulegen und auf der Farm Sandhup zu übernachten. Auf dem Ritt fiel mir am meisten der Klimaunterschied auf. Im Norden Namibias war es doch erheblich wärmer als auf Voigtskirch. Vegetationsmäßig waren da viele Bäume und Pflanzen, die mich beeindruckten, vor allem die Palmen und die enormen Marulabäume. Am zweiten Tag kam ich nachmittags mit Banner auf Onguma an. Mein erster Eindruck waren die fünf Löwenfelle, die über dem Zaun des Hühnerkamps hingen. Da Herr Böhme uns auf Voigtskirch erzählt hatte, dass er wegen seines Armes, sowie seiner schwachen Augen, keine Löwen mehr schießen könnte, fragte ich ihn gleich, wer die Löwen geschossen hätte. Seine knappe Antwort: „Die hab ich vergiftet!“ Ich war äußerst enttäuscht, denn ich hasse Gift!!! Beim Abendbrot, wurde wieder über Löwen geredet. Ich beschloss, den Stier bei den Hörnern zu packen und bat Herrn Böhme, mit dem Gift aufzuhören. Ich wollte die Verantwortung für die Rinder übernehmen. Damals verlor Herr Böhme durchschnittlich 62 Rinder pro Jahr durch Löwenriss. Herr Böhme lachte mich jedoch aus und sagte nur: „Hier in diesem Dickbusch müssten Sie ein außerordentlich schneller und guter Schütze sein; eine Bewegung und die Löwen sind entweder weg, oder da. Hier kann man eigentlich nur nachts vom Ansitz aus Löwen schießen“. Diese Worte waren für mich eine große Herausforderung, ich wollte es versuchen. Ich sagte nichts weiter, dachte nur bei mir selber „Das wollen wir sehen!“

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