15 Oktober 2021 | Geschichte

Der weiße Buschmann

Vom Wilderer zum Wildhüter

Im Jahre 1929 in Windhoek geboren, lernt Peter Stark, wie so viele „Südwester“, schon als Kind den Umgang mit einer Jagdwaffe und von einem Farmarbeiter das Verhalten des Wildes. Sein Leben zur freien Natur, dem Reitsport und vor allem der Jagd, verführten ihn zu Abenteuern, die ihn oft in Schwierigkeiten brachten. Seine Einstellung zur Jagd ändert sich drastisch, als er vom Ministerium für Naturschutz angestellt wird und er nun die Wilddiebe aufspüren muss, um das Wild im Etoscha-Nationalpark als Wildhüter zu beschützen.

14. Folge

Bienen

Voigtskirch war reich an Bienennestern. Mein ganzes Leben hatte ich eigentlich mit Bienen zu tun, aber ich will zurückgreifen, wie das eigentlich angefangen hat. Ich muss ungefähr 13 oder 14 Jahre alt gewesen sein, als ich auf dem Grundstück von Tante Ecke hoch oben in einer Felswand, in einer Felsspalte, ein uraltes Bienennest fand. Rundherum war es schwarz geräuchert, wo andere schon versucht hatten mit Hilfe von Feuer oder Rauch Honig aus dem Stock zu holen. Diese Bienen waren äußerst angriffslustig. Wenn der Wind für die Bienen günstig war, kamen sie schon von weither und begannen zu stechen. Ich be-schloss, mit diesen Bienen einen „Plan“ zu machen. Ich besprach das mit Helmut Machts, einem Freund aus der Nachbarschaft. Wir wollten beide, in dicken Kleidern und Moskitonetzen eingehüllt, Eimer voll Honig ernten. Gesagt, getan. Ich selbst nahm den Tropenhelm meiner Mutter, stülpte diesen über den Kopf, darüber ein Moskitonetz, dessen Enden ich in einen dicken alten Militärmantel steckte. Dazu Handschuhe und Gamaschen und so war ich bienensicher an-gezogen, Helmut desgleichen. Mit einem geflochtenen Draht, dessen Enden rückwärts gebogen waren, wollte ich die Honigwaben haken und aus der Höhle herausziehen, wie Moses mir das beigebracht hatte. Feuer und Rauch wollte ich nicht machen, wir waren ja stichfest angezogen. Auf ging’s, hin zum Bienen-nest, bewaffnet mit großen Schüsseln. Als wir dort ankamen, begannen die Bienen auf uns niederzuregnen. Ich fühlte mich sehr siegessicher, denn kein Stich drang durch die dicke Kleidung. Bei der Felswand angelangt, wollte ich die drei Meter hohe Felswand hochklettern, bis zur Höhle. Dort wollte ich die Waben herausziehen, um sie dann in die Schüsseln zu werfen, die am Fuß der Felswand bereitgestellt waren. Als ich aber bei der engen Höhle anlangte, war unter den Bienen Hochbetrieb. Wie Hagel prasselten sie gegen den Tropenhelm. Mit dem Drahthaken kam ich nicht an die Waben heran, also musste ich auf allen Vieren näher herankriechen. Die Höhle verjüngte sich immer mehr und der dicke Tropenhelm fing an sich festzuklemmen. Ich wollte aber noch ein kleines Stück näher an die Waben heran, die herausfordernd im Halbdunkel der Höhle glänzten. Da geschah es: Ich drückte noch einmal mit dem Kopf gegen die engen Felswände, als ich ein verdächtiges Geräusch hörte, als ob Stoff reißt. Schon öffnete sich vor meinem Gesicht das Moskitonetz und die Bienen hatten freie Bahn. Sie prasselten auf mein Gesicht ein und stachen un-aufhörlich; in die Augen, um und auf die Nase, Lippen, Wangen, Ohren. Mein Gesicht brannte wie Feuer. In der ersten Panik wollte ich umdrehen, aber unmöglich, die Höhle war viel zu eng. So wie ich hereingekommen war, musste ich auch wieder hinaus, langsam und vorsichtig auf allen Vieren. Endlich konnte ich mich im Höhleneingang umdrehen. Nix wie weg. Die Mühe, die Felswand herunterzuklettern, habe ich mir nicht gemacht. Im Freiflug, wie eine Fledermaus, sprang ich oben vom Höhleneingang herunter. Helmut war schon längst fort. Dann stürmte ich den Rest des Berges hinunter und hätte es wohl mit jedem Klippspringer aufnehmen können. Ich sprang von Felsblock zu Felsblock; zwischendurch rollte ich mich in dem hohen, harten Berggras. Die Bienen ließen nicht locker, sie stachen emsig weiter. Ich raste um Tante Eckes Berg herum zu unserem Haus hin. Vor dem Haus waren zwei flache Brunnen, die mit Wasser gefüllt waren. Kopfüber sprang ich, ohne zu zögern, in den einen hinein und tauchte unter Wasser. Kopf nur mal ab und zu aus dem Wasser um Luft zu holen. Endlich verzogen sich die restlichen Bienen. Mein Oberkörper brannte wie Feuer und mein Gesicht fing an anzuschwellen. Meine Mutter machte sich daran, mit einem Messer die Stacheln abzuschaben. Als sie fertig war, hatte sie 62 Stacheln entfernt. Ich lasse mir nicht erzählen, dass über 40 Bienenstiche tödlich sein sollen. Am nächsten Tag war ich natürlich das Gespött der Schule.

Auf Voigtskirch gab es, wie gesagt, viele Bienennester, sowohl in hohlen Bäumen als auch in ausgestorbenen Termitenhügeln. Von den Schwarzen habe ich gelernt, behutsam mit Bienennestern zu arbeiten. Man sollte nie ein Bienennest vollkommen ausräubern. Ich habe immer ungefähr die Hälfte des Honigs im Nest zurückgelassen, auch alle Brutwaben. Hauptsache, das Nest wird nach dem Ausnehmen wieder gut zugemacht, um es gegen Honigdachse und Menschenhand zu schützen. Bei den Schwarzen in Namibia herrscht der Brauch, dass das Nest demjenigen gehört, der es findet. In Etosha hatte ich ca. 20-30 Bienenbäume, die mir gehörten und die ich über 12 Jahre beschützte, aber auch genutzt habe.

Ich gebrauchte folgende Taktik: Findet man einen Baum oder Termitenhügel, muss der Finder das Nest markieren, jeder Honigsucher hat sein eigenes Zeichen. Findet man ein Nest, welches von jemand anderem bereits gezeichnet wurde, lässt man das Nest in Frieden, Ehrensache!

Nun will ich aber den Vorgang erklären, wie man ein Nest ausnimmt ohne dem Nest Schaden zuzufügen: Um nicht sofort gestochen zu werden, sollte man sich einem Nest immer unterhalb des Windes nähern. Dann muss man das Nest beobachten. Wenn viel schwarzer Bienenschweiß um das Einflugloch sichtbar ist, ist es ein altes Nest oder umgekehrt. Dann muss man sehen, wie viele Einfluglöcher vorhanden sind, um an der geeignetsten Stelle eine Öffnung zu finden. Als Zugang habe ich meist zwei Kerben parallel miteinander so tief gesägt, bis man den Hohlraum im Baum erreichen konnte. Vorher mache ich aber auf dem Boden ein Feuer aus armdicken Ästen, wobei immer nur ein Ende jedes Astes im Feuer liegt. Wenn die Enden angefangen haben zu brennen, lösche ich die Flammen, so dass das Astende nur noch glimmt und stark raucht. Dann nehme ich es und halte es unter das Haupteinflugloch und blase Rauch in das Nest. Man hört dann gleich wie die Bienen vom Einflugloch wegziehen. Mit einem Handbeil oder Meißel und einem schweren Hammer verbinde ich die beiden Kerben der Länge nach, damit ich später eine Art Deckel abnehmen kann, sodass ein Arm bequem in die Öffnung passt. Hat man den Deckel vorsichtig abgehoben, liegt meist schon ein Teil der Waben bloß. Dabei blase ich immer wieder Rauch auf die Waben. Man darf nicht zuviel Rauch auf einmal in das Nest blasen, sonst werden die Bienen zu sehr verängstigt und stechen aus Notwehr. Man muss den Bienen immer Zeit lassen, um in Ruhe von dem Rauch wegzuziehen. Die bloßliegenden Waben schneide ich dann mit einem langen Messer ab und blase mit dem Mund etwaige Bienen von den Waben oder fege sie mit einem Grasbüschel ab. Die Honigwaben in einem Nest sind oft in der Nähe des obersten Einflugloches. Deshalb bringe ich die Öffnung gewöhnlich kurz unterhalb des obersten Einflugloches an. Die herausgenommenen Honigwaben lege ich schön sauber in einen Eimer. Wie schon erklärt, lasse ich immer einen Teil Honig und die Brutwaben zum Überleben des Bienenvolkes im Nest. Hat man nun genug Honig herausgeholt, wird das Nest wieder zugemacht. Der entfernte Deckel wird über die Öffnung gestülpt und mit starkem Bindedraht befestigt, damit Honigdachse den Deckel nicht wegkratzen können. Im nächsten Jahr wenn die Bienen noch dort sind, muss man nur, wie beschrie-ben, Feuer machen, die Bienen mit Rauch verscheuchen, den Draht mit einer Zange öffnen, vorsichtig den Deckel abheben und schon liegen die neuen Honigwaben zur Ernte bereit. Auf die Art habe ich sehr oft, ohne die Bienen groß aufzuregen und ohne einen einzelnen Stich zu bekommen, Honig aus einem Nest herausgeholt. Nie habe ich einen Schutz getragen.

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