13 Oktober 2021 | Geschichte

Der weiße Buschmann

Vom Wilderer zum Wildhüter

Im Jahre 1929 in Windhoek geboren, lernt Peter Stark, wie so viele „Südwester“, schon als Kind den Umgang mit einer Jagdwaffe und von einem Farmarbeiter das Verhalten des Wildes. Sein Leben zur freien Natur, dem Reitsport und vor allem der Jagd, verführten ihn zu Abenteuern, die ihn oft in Schwierigkeiten brachten. Seine Einstellung zur Jagd ändert sich drastisch, als er vom Ministerium für Naturschutz angestellt wird und er nun die Wilddiebe aufspüren muss, um das Wild im Etoscha-Nationalpark als Wildhüter zu beschützen.

13. Folge

Pferde und Reitsport

Banner war, wie sein Urgroßvater Ermanrich, ein sehr großer Rappe. Niemand hatte auf Voigtland den Mut, Banner zu reiten, er konnte unwahrscheinlich bocken. Trotz seiner Größe bockte er wie ein professionelles Rodeopferd. Er ging bei jedem Bocksprung steil in die Höhe, warf sich dann 90 Grad herum, so dass man beim Landen in die entgegengesetzte Richtung schaute. Dabei bockte er minutenlang auf einer Stelle, kaum größer als eine Zimmerfläche. Kopf und Hals eingezogen, auch sein Hinterteil schien jedes Mal zu verschwinden. Beim Bocken röhrte er gewöhnlich wie ein Ochse. Nach einiger Zeit verlässt auch der sattelfesteste Reiter so ein Pferd. Bei Banner musste ich außerdem aufpassen, dass ich während meines Fluges nach unten nicht noch seine zwei Hinterhufe in die Rippen bekam, da Banner bewusst nach seinem fallenden Reiter ausschlug. Ich musste so flach wie möglich fallen können. Das geeignete Pferd für Peter Stark; alle anderen Reiter bekreuzigten sich, also wurde er mein „Dienstpferd“. Banner hat mich am Anfang jedes Mal, aber auch jedes Mal, erst heruntergebockt. Danach war er zufrieden und ich konnte ihn reiten. Er war ein besonders gutes Springpferd und wir haben damals so manches Turnier gewonnen.

Herr Wiese und ich ritten eines Morgens wieder zu dem Posten Ovio, um nach dem Vollblut-Devonbullen Clampit zu sehen, der sehr bösartig werden konnte. Als ich im Kral auf ihn zuging, nahm der Bulle mich an. Ich schlug Clampit mit dem Holzknüppel auf die gesenkten Hörner. Dabei ging ich rückwärts, der Bulle trat auf meinen linken Fuß. Im nächsten Moment lag ich unter dem Bullen, der mir seinen breiten Kopf auf den Brustkorb drückte, dass mir Hören und Sehen verging. Nur durch das spontane, mutige Auftreten des Postenhalters, dem Herero Franz, ließ der Bulle von mir ab. Ich war mit gequetschten Rippen und einem Mordsschreck davongekommen. Als ich mit Herrn Wiese wieder nach Hause ritt, kamen wir unten im Rivier an dem Garten von Franz vorbei. Der Garten war ringsherum hoch mit Dornenbüschen eingezäunt, für Herrn Wiese das ideale Hindernis zum Springen. „Na, Peta, wie ist das, rüber Mann.“ Mit einer Kopfbewegung nickte er zu dem Gartenzaun. Der Sprung war hoch und breit. Ich ritt mit Banner an und drüber waren wir, mitten im Garten. Banners Schweif hatte jedoch die Dornen gestreift und ein großer Zweig hing an seinem Schweif. Erst klemmte Banner den Schweif samt Dornenzweig zwischen die Hinterbeine, dann ergriff ihn die Panik. Wie wahnsinnig fing er an zu bocken und zu röhren. Trotz aller Bemühungen flog ich aus dem Sattel. Als ich noch nicht den Boden erreicht hatte, traf Banner mich mit voller Wucht mit einem Hinterbein hinten am Kopf. Herr Wiese sagte später, es hätte geklungen als ob jemand mit einem Hammer auf eine Holztischplatte geschlagen hätte. Mir wurde schwarz vor Augen und ich hörte „die Engel im Himmel“ singen. Banners Hinterhuf hatte mich genau am Haaransatz/Genickende getroffen. Ich war kaum bei Bewusstsein und fühlte mich völlig kraftlos, ich hörte Herrn Wiese immer wieder rufen: „Peta, steh auf Mann, steh auf.“ Er ritt auf der anderen Seite des Dornenkrals auf und ab. Banner tobte innerhalb der Einzäunung im Garten umher, bockte und keilte fortwährend bis er endlich den Dornenzweig zwischen seinen Hinterbeinen losgekeilt hatte. Nach einiger Zeit kamen so nach und nach meine Lebensgeister wieder zurück. Franz, der oben vom Kral den Zirkus gehört hatte, kam angerannt und fing Banner ein. Ich rappelte mich mühsam wieder hoch. Noch immer konnte ich nicht richtig sehen, alles flimmerte vor meinen Augen. Franz machte in seinem Zaun einen Ausgang und führte Banner aus dem Gemüsegarten. Vollkommen schwindelig und noch immer mit dem Flimmern vor Augen, ritten Wiese und ich im Schritt nach Hause. Mein Kopf schmerzte als ob er platzen wollte. Ich bekam natürlich eine Riesenbeule am Hinterkopf und lag den Rest des Tages mit kalten Umschlägen auf dem Bett. Das war das einzige Mal, dass Herr Wiese um mich besorgt schien. An jenem Abend hatte ich aber auch genug, erst der Zusammenstoß mit dem Bullen, danach das Debakel mit Banner. Es war entschieden nicht mein Glückstag.

Es gab Zeiten, in denen ich Banner das Genick brechen wollte. Ich musste oft zum Klippdamm reiten, einem Posten der gute 10 Kilometer vom Haus entfernt war, um Schafe beim alten Max zu zählen. Beim Aufsitzen am Haus musste Banner mich wie gewohnt erst mal absetzen. Ich war danach oft so wütend, dass ich Banner anschließend im gestreckten Galopp über Stock und Stein querfeldein zum Klippdammposten jagte. Ich zählte bei Max die Schafe, trank bei ihm noch schnell einen Becher „Omeire“ (saure Dickmilch) und jagte Banner dann wieder nach Hause. Der Rappe war dann oft schneeweiß und mit Schweiß bedeckt, nur ... am nächsten Tag warf er mich wieder ab. Einmal wäre es mir fast gelungen auf Banner zu bleiben. Als er wieder wie gewöhnlich bockte, kam ich gut mit dem Rhythmus zurecht. Ich hatte einfach das sichere Gefühl: Heute kriegst du mich nicht runter. Er bockte und bockte und grunzte wieder wie ein Ochse, aber ich saß. Nach längerer Zeit bemerkte ich, dass der Sattel unter mir anfing zu schwanken. Ich ahnte nichts Gutes. Da Banners Kopf und Hals mal wieder zwischen den Vorderbeinen steckten, rutschte der Sattel bei jedem Bocksprung weiter nach vorne, bis der Sattel vornüberkippte und ich Banner mitsamt Sattel verließ. Beim Fallen streifte ich noch Banners Trense vom Kopf. Da lag ich nun auf der harten Erde; den Sattel noch zwischen den Beinen, in der einen Hand das Zaumzeug und eine böse Muskelzerrung in der rechten Schulter. Erst dachte ich, der Sattelgurt wäre gerissen, aber nein, er war unversehrt und noch geschlossen. Banner hatte das Kunststück fertiggebracht, sich aus dem geschlossenen Sattel herauszubocken.

Als ich Voigtskirch verließ, schenkte man mir Banner und ich habe ihn nach Onguma mitgenommen. Ihn konnte und wollte niemand reiten.

Billiger Jerepigo

Auf Voigtskirch standen immer eine Menge junger oder schwieriger Pferde, die geschult werden mussten. Wir bekamen oft Deutschlandbesuch, häufig Reiter, die sich das bekannte Gestüt ansehen wollten. Natürlich mussten für die Gäste die Pferde gesattelt werden, um am Nossob entlang auf einem Ausritt mitzureiten.

Wir hatten einen alten Pferdejungen, Fritz, ein Damara. Fritz, Hans Wiese und ich hatten unter uns eine „Trainersprache“. Jeder verstand Herrn Wiese, ohne dass er die direkten Worte aussprach. Unter den Pferden waren auch Pferde mit Sattelzwang. Man musste sie erst ganz langsam nachgurten und zwischendurch viel herumführen oder ablongieren ehe man aufsitzen konnte. Meist kamen die Besucher erst nachmittags oder abends an. Bei einem Gläschen Jerepigo wurde viel über Pferde und die Reiterei diskutiert und je nachdem, was die Reiter von sich gaben, teilte Herr Wiese die Pferde im Geiste ein. Diejenigen, die behaupteten gute Reiter zu sein und sehr selbstbewusst waren, bekamen die schwierigen Pferde ohne es zu ahnen. Fritz und ich bekamen die Aufträge, welche Pferde für wen gesattelt werden mussten und wie zu satteln war. Wenn irgendwelche Reiter Herrn Wiese nicht gefielen, bekamen sie Pferde mit Sattelzwang. Wir bekamen dann den Auftrag im letzten Moment solche Pferde zu satteln und „den Gurt, weil der Sattel rutscht, anzuziehen“. Wir wussten sofort Bescheid. Kaum war der Reiter aufgesessen, wurde er schon wieder heruntergebockt. „Nanu, ich dachte Sie könnten reiten“ kam es dann unschuldig von Wiese. Dann ritten wir den Nossob entlang über Baumstämme und Schlote. Wenn ein Pferd unter einem Reiter beim Springen mehrfach weigerte, fragte Wiese: „Ich dachte, Sie könnten reiten?“ Meist war der Gegenkommentar dann: „Das Pferd springt doch nicht!“ Herr Wiese erwiderte gewöhnlich: „Wir wetten einen Karton Jerepigo, dass mein junger Assistent, der Herr Stark, beim ersten Gegenreiten das Pferd über das Hindernis springt.“ Meist fielen die Reiter darauf herein und die Wette wurde abgeschlossen. Es wurde umgesessen, ich musste beim ersten Anreiten das Pferd über den jeweiligen Sprung springen. Da ich die Pferde kannte und genau wusste, wie sie anzureiten waren, klappte das immer. Hätte mein Pferd nur einmal verweigert, hätte ich, anstatt Herr Wiese, den Jerepigo bezahlen müssen. Abends war immer große Stimmung danach und alle vergnügten sich mit dem billig erworbenen Wein.

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