06 Oktober 2021 | Geschichte

Der weiße Buschmann

Vom Wilderer zum Wildhüter

Im Jahre 1929 in Windhoek geboren, lernt Peter Stark, wie so viele „Südwester“, schon als Kind den Umgang mit einer Jagdwaffe und von einem Farmarbeiter das Verhalten des Wildes. Sein Leben zur freien Natur, dem Reitsport und vor allem der Jagd, verführten ihn zu Abenteuern, die ihn oft in Schwierigkeiten brachten. Seine Einstellung zur Jagd ändert sich drastisch, als er vom Ministerium für Naturschutz angestellt wird und er nun die Wilddiebe aufspüren muss, um das Wild im Etoscha-Nationalpark als Wildhüter zu beschützen.

12. Folge

Der Doppelsieg und seine Folgen

In Windhoek war wieder ein Reitturnier angesagt und wie üblich, musste ich vorzeitig mit den Turnierpferden nach Windhoek reiten und Hindernisse aufbauen. Bei uns zu Hause stand noch unser Hengst Kastor, der ein gutes Springpferd war, aber wegen meiner Abwesenheit gar nicht mehr gesprungen wurde. Da ich während der Turniertage bei meiner Mutter wohnte, sattelte ich nach der Arbeit meinen Kastor und sprang mit ihm ein paar Hindernisse. Trotz der langen Ruhepause ging das noch sehr gut. Ich beschloss, Kastor sollte in demselben Springen genannt werden, in dem ich auch mein Dienstpferd Banner von Voigtskirch ritt. Am Tage des Turniers hatte ich also zwei Pferde in ein und demselben Springen gegeneinander zu springen.

Das Springen nahm seinen Anfang. Das Pferd, das fehlerlos am höchsten sprang, sollte der Sieger sein. Es ging Runde um Runde. Die anderen Pferde waren schon ausgeschieden, als ich noch Kastor und Banner gegeneinander reiten musste. Ich ritt gerade in einer Runde den Kastor, als der Sattelgurt von Kastors altem Trainingssattel riss. Ich fühlte, wie mitten im Springen der Sattel unter mir rutschte. Ohne Zeit zu verlieren zog ich im Galopp den Sattel unter mir heraus, warf ihn zur Seite und sprang, ohne zu unterbrechen, den Rest der Hindernisse ohne Sattel. Die Zuschauer sprangen händeklatschend von ihren Sitzen auf und jubelten. Der frühere Besitzer von Kastor, Wohlo Suntheim, kam nach dem Springen mit seinem guten Springsattel angerannt und lieh mir kameradschaftlich diesen. Das Springen konnte weitergehen. In jedem Durchgang blieben beide Pferde fehlerlos. Als die Hindernisse auf 1 m 40 cm standen, damals noch unerreichte Höhen, fragte man mich, ob ich zufrieden wäre, wenn beide Pferde zum Sieger erklärt würden. Da Kastor so untrainiert war, willigte ich ein. Stolz wie ein Spanier ritt ich mit beiden Pferden zur Siegerehrung ein. Besonders erfreute mich Kastors Erfolg. Nach der Siegerehrung kamen viele Zuschauer zu mir, um mir zu gratulieren. Ich war unsagbar stolz und glücklich. Abends wurde gefeiert. Das Fest war in vollem Schwung als das Telefon läutete und Herr Wiese mich sprechen wollte. Er war auf Voigtskirch geblieben. Sofort fragte er mich: „Was ist da passiert?“ Stolz antwortete ich: „Ich habe mit Banner und Kastor einen Doppelsieg erritten.“ „Das interessiert mich nicht,“ kam die Antwort. „Was ist mit dem Sattel passiert?“ fragte er mich. „Der Sattel hat zu lange gehangen und ist oben unter dem Leder gerissen“ kam meine Erklärung. Er erwiderte: „Du hast das mit Absicht gemacht, du wolltest dich provozieren; wenn du bei mir im Militär gewesen wärst, hätte ich dich eingelocht und drei Tage lang auf Schwarzbrot und Wasser gesetzt.“ Ich traute meinen Ohren nicht. Eine kalte Dusche war nichts dagegen. Ich war derart enttäuscht, dass ich nur kurz „Miskien“ (vielleicht) antwortete und den Hörer auflegte. Ich war so wütend und enttäuscht, dass ich das Fest verließ und mich hinten aufs Auto setzte und wartete bis das Fest zu Ende war und Tante Irmchen wieder nach Voigtskirch fuhr. Dort angekommen ging ich direkt in mein Zimmer, um zu schlafen. Ich war zutiefst gekränkt. Am nächsten Morgen am Frühstückstisch wurde mir erklärt, dass ich mich täglich zum Steinbruch zu begeben hätte, um pro Tag zwei Kubikmeter brauchbare Bauklippen zu brechen. Die brauchbaren Steine mussten pro Kubikmeter fein säuberlich gestapelt werden, die unbrauchbaren Steine mussten auf eine Schutthalde befördert werden. Das Brechen, Aussortieren und Packen war harte Arbeit, ich musste ordentlich zupacken. Zum Brechen musste eine schwere Brechstange benutzt werden, denn das Gestein ist hart. Abends wusste man, dass man tagsüber geschuftet hatte.

Zunächst war ich sehr entrüstet über diesen Auftrag. Es war eine Arbeit, die man damals nur schwarzen Arbeitern zumutete. Zunächst wollte ich aufbegehren, dann überlegte ich: „Halts Maul, sag nichts, gib ihm nicht die Genugtuung.“ Beim Frühstück vermied ich Wiese, frühstückte allein und verschwand anschließend zum Steinbruch, um den ganzen Tag Klippen zu brechen und abends spät zurückzukehren. Auch das Abendessen aß ich alleine. Danach ging ich todmüde ins Bett, um am nächsten Tag dasselbe zu tun. Mittelsmann zwischen mir und Herrn Wiese war ein anderer Farmeleve, Klaus Lichtenberg. Er hatte gerade angefangen auf Voigtskirch zu arbeiten. Tante Irmchen versuchte oft bei den Mahlzeiten ein Gespräch mit mir anzuknüpfen, aber auch ihr gegenüber verhielt ich mich reserviert.

Jeden Tag zwischen zehn- und elf Uhr kam Herr Wiese auf seinem Dressurpferd Distel zum Steinbruch geritten und inspizierte die Arbeit. Er kam grußlos, ich grüßte auch nicht. Wenn er ankam, stützte ich mich auf meine schwere Brechstange und schaute Herrn Wiese unentwegt in die Augen. Er saß hoch zu Ross auf seiner Distel und schaute mich stumm an. Nach einiger Zeit wendete er sein Pferd und verließ den Steinbruch. So ging das gut zwei Wochen. Als ich eines Abends wieder vom Steinbruch zurückkam, kam Klaus Lichtenberg zu mir ins Zimmer und fing an eindringlich mit mir zu reden: „Du“, sagte er „der Alte redet davon, dass er dich entlassen will, wenn du so weitermachst. Gib doch bei, dann ist die ganze Spannung vorüber“. Ich blieb stur. Am nächsten Morgen kam auch Tante Irmchen ins Esszimmer und sagte: „Bitte, Peter, geh zu meinem Mann, nur ein kleines Wort der Entschuldigung und alles ist wieder gut!“

Ich ging an jenem Morgen noch einmal zum Steinbruch. Den ganzen Tag über dachte ich an die Worte der beiden. Auf dem Heimweg beschloss ich, meinen inneren Schweinehund zu besiegen und in Gottes Namen zu Herrn Wiese zu gehen, um mich zu entschuldigen. Der Grund war mir selbst nicht klar, außer, dass ich ihm an jenem Abend den Hörer ins Ohr geknallt hatte, während er noch sprach. Abends, nach getaner Arbeit, saß Herr Wiese immer draußen unter einem Baum und trank seinen Süßwein, ein Glas Jerepigo. Er war dann meist sehr friedlich und freundlich und erzählte gern Geschichten aus seiner Soldatenzeit. Ich beschloss, dann zu ihm zugehen. Ich grüßte ihn nach langer Zeit wieder und fing an: „Herr Wiese, ich möchte mich ...“ Weiter kam ich nicht, spontan sagte er: „Ja, Peta, ist schon gut. Komm, wir wollen vergessen, hol dir ein Glas und trink mit mir“. Es fiel mir eine Zentnerlast vom Herzen und vom Gemüt. Obgleich ich Herrn Wieses „Rosinenwasser“ nicht mochte, holte ich mir ein Glas und er erzählte mir viel aus seiner Jugendzeit.

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