29 September 2021 | Geschichte

Der weiße Buschmann

Vom Wilderer zum Wildhüter

Im Jahre 1929 in Windhoek geboren, lernt Peter Stark, wie so viele „Südwester“, schon als Kind den Umgang mit einer Jagdwaffe und von einem Farmarbeiter das Verhalten des Wildes. Sein Leben zur freien Natur, dem Reitsport und vor allem der Jagd, verführten ihn zu Abenteuern, die ihm oft in Schwierigkeiten brachten. Seine Einstellung zur Jagd ändert sich drastisch, als er vom Ministerium für Naturschutz angestellt wird und er nun die Wilddiebe aufspüren muss, um das Wild im Etoscha-Nationalpark als Wildhüter zu beschützen.

11. Folge

Lehrjahre auf Voigtskirch

Wie ich es bereits kurz beschrieben habe, ging ich nach beendeter Schulzeit als Farmlehrling auf die Farm Voigtskirch. Diese Farm liegt ungefähr fünfzig Kilometer östlich von Windhoek, auf der Wasserscheide von Namibia und ist eine der höchstgelegenen Farmen. Das Klima ist im Sommer sehr angenehm, im Winter aber sehr kalt. Der Eigentümer dieser Farm war Herr Harald Voigts, der damals in Windhoek im Geschäft Wecke und Voigts tätig war. Der Farmverwalter war Herr Hans Wiese, mit seiner Frau Irmchen. Hans Wiese war in Deutschland bei den Husaren lange Soldat gewesen und war ein sehr guter Dressurreiter. Er verstand sehr viel von Pferden. Von Beruf war er eigentlich Grobschmied. Er war ein Mann von festen Vorsätzen, war noch stets durch und durch Soldat.

Meine Mutter kannte Hans Wiese sehr gut und hielt große Stücke auf ihn. Zu ihm wurde ich geschickt, um die Farmerei zu erlernen. Ich hatte einen strengen Arbeitgeber äußerst nötig. Er hatte die Angewohnheit, im Morgengrauen auf dem Vorhof vor dem Haupthaus zu stehen, gestiefelt und gespornt, in sauberen Reithosen, frisch rasiert, mit seiner Reitpeitsche in der Hand. Die Reitpeitsche ersetzte den alten Paradestock. So stand er dann nicht weit von meinem Zimmer. Wenn ich noch nicht da war, rief er mit Donnerstimme „Peta, wo bist du? Haben die Pferde schon Kost gehabt, hast du die Ramme schon gefüttert, wo bist du, maan?“ „Nu raus man, die Sonne ist schon ampag op, maan!“ Das waren meist seine Worte. Ich musste mit Notizbuch und Bleistift früh morgens vor ihn hintreten und genauestens seine Befehle aufschreiben. Dann musste ich die Aufträge des vorherigen Tages vorlesen und wir besprachen, was abgehandelt war oder noch nicht fertig war. Dies war eiserne Routine bei ihm, alle Aufträge mussten genauestens niedergeschrieben werden.

Beinahe täglich wurden die Pferde gesattelt und gemeinsam ritten wir dann die Außenposten ab. Sehr vieles wurde zu Pferde erledigt. Wenn auf den Außenposten etwas nicht in Ordnung war, wurde ich gefragt „Warum?“, nicht der Postenhalter. Auf den Inspektionen musste ich immer eins der jungen Pferde reiten. Viele Ritte gingen am Weißen Nossob entlang. Der Weiße Nossob ist ein Trockenfluss, sehr breit, an den Ufern dicht mit Weißdornbäumen und anderem Gestrüpp bewachsen. Die Stämme der toten Weißdornbäume dienten als Sprunghindernisse und mussten immer gesprungen werden. Desgleichen waren Querschlote willkommene Gräben zum Springen. Ein gesundes junges Pferd, das nicht springen konnte, gab es auf Voigtskirch einfach nicht. Die Voigtskircher Pferdezucht bestand aus einer Kreuzung Vollblut und Hannoveraner. Die Pferde sind als hervorragende Spring- und Vielseitigkeitspferde überall in Namibia und der Republik Südafrika bekannt und gefragt. Außer der Pferdezucht hatte Voigtskirch eine sehr gute „North Devon“ Rinderzucht. Die sehr teuren Bullen wurden aus England importiert. Ferner wurde dort auch eine gutgehende Karakulschafzucht betrieben. Mit den Schafen hatten wir aber allerlei Probleme, weil Voigtskirch zu feucht war. Voigtskirch bekam fast jährlich guten Regen; Karakulschafe aber sind Wüstenschafe, hohes Gras und viel Nässe können sie nicht vertragen. Die Tiere litten an Schwarzklau d.h. eiternde, entzündete Klauen. Es war meine Pflicht, jeden Morgen vor dem Frühstück diese Schafe mit einer Mischung aus Autoöl und Kreolin zu behandeln. Wenn ich morgens mit dieser Behandlung fertig war, war auch mein Appetit aufs Frühstück vergangen. Seit dieser Zeit hasse ich Schafe. Abends müssen sie in den Kral (Stall) gezählt werden. Jeden Abend stehen sie erst stur vor der Stalltür und weigern sich in den Stall zu gehen. Ich konnte mich nicht für die Schafzucht begeistern und sah sie am liebsten auf dem Bratrost!

Da Herr Wiese von Beruf eigentlich Grobschmied war, wurde viel geschmiedet. Er erklärte mir immer: „Ein guter Schmied muss einen Hammer, eine Feuerzange und einen Kaltmeißel als Werkzeug haben. Selbst geschweißt wurde mit dem Kohlefeuer. Herr Wiese hatte die schönsten Leuchter an großen Ketten im Wohn- und Esszimmer hängen, alles selbst geschmiedet und feuergeschweißt.

Ich schmiedete sehr gern und wollte das Handwerk erlernen. Da Herr Wiese auch ausgezeichneter Hufschmied war, habe ich auch gelernt, Pferde schnell und korrekt zu beschlagen. Die Schmiede war allerdings auch ein Mittel, um mich wieder auf „Vordermann“ zu bringen, wenn ich seiner Meinung nach zu frech war oder etwas angestellt hatte. Dann hieß es nur: „Heute machen wir Hufeisen.“ Dann wusste ich, sofort parieren und ... arbeiten! Ein schwarzer Schmiedegehilfe bediente den großen Blasebalg und eine Menge verwendbare Eisen wurden ins Feuer gelegt. Wehe, der Helfer verbrannte ein Eisen! Es konnte geschehen, dass, je nach Laune, Herr Wiese den Helfer an den Hüften hochhob und ihn unsanft auf den Alteisenhaufen warf, nur „um ihn eben mal wach zu machen“. Herr Wiese war außergewöhnlich stark und hatte Finger, die eher Bananen als Fingern glichen. Trotz seiner Riesenpranken hatte er die weichsten Hände für ein Pferdemaul. Ich selbst musste an solchen Tagen mit dem 16 Pfund Vorschlaghammer die grobe Schmiedearbeit machen. Mit einem gewöhnlichen Schmiedehammer gab er den Takt auf dem Amboss an und wehe, man arbeitete nicht genau nach diesem Takt. Wenn Schultern und Arme anfingen zu schmerzen und man langsamer zuschlug als die Taktangabe vorgab, legte er seinen Schmiedehammer hin, sah einen mit seinen blauen Augen durchdringend an und fragte: „Du bist doch kein Scheißkerl, oder?“

Als ich mich an den 16 Pfund Vorschlaghammer gewöhnt hatte, habe ich ihm nie wieder die Genugtuung zu dieser Frage gegeben. Wenn Arme und Schultern abends noch so schmerzten und ich nach einem langen Tag dem Umfallen nahe war, so habe ich ihm immer ins Gesicht gelacht und getan als ob ich noch gar nicht müde wäre. Er hat es nie zu mir selbst gesagt, aber von verschiedenen Personen hörte ich, dass er immer wieder über mich gesagt haben soll: „Ich kann den „boetie“ einfach nicht kleinkriegen“.

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