10 September 2021 | Geschichte

Der weiße Buschmann

Vom Wilderer zum Wildhüter

Im Jahre 1929 in Windhoek geboren, lernt Peter Stark, wie so viele „Südwester“, schon als Kind den Umgang mit einer Jagdwaffe und von einem Farmarbeiter das Verhalten des Wildes. Sein Leben zur freien Natur, dem Reitsport und vor allem der Jagd, verführten ihn zu Abenteuern, die ihm oft in Schwierigkeiten brachten. Seine Einstellung zur Jagd ändert sich drastisch, als er vom Ministerium für Naturschutz angestellt wird und er nun die Wilddiebe aufspüren muss, um das Wild im Etoscha-Nationalpark als Wildhüter zu beschützen.

7. Folge

Reitunfall

Als Reiter bin ich in meinem Leben durch verschiedene Stadien gegangen. Zuerst war ich bei meiner Mutter einige Jahre in der Lehre, dann wurden die Bügel kurz geschnallt, ich wurde einige Zeit Renn-reiter.

Als ich zu schwer wurde, wurden die Bügel wieder extra lang geschnallt und ich spielte „Cowboy“, ritt und zähmte alle Pferde, die andere nicht reiten wollten oder nicht konnten.

Dann hat die Gräfin Resseguier, aus Ungarn stammend, mich „zivilisiert“ und ich wurde Springreiter. Später in Deutschland entdeckte ich meine Liebe zur Dressur und der bin ich treu geblieben.

Ich ritt noch bei meiner Mutter und war ungefähr zehn Jahre alt, als ich mein Pferd, den alten Jupp, gegen eine junge Araberstute eintauschte, die wir Katze nannten. Katze war eine Blauschimmelstute und war immer dick und fett. Da sie so kugelrund war, war sie herrlich ohne Sattel zu reiten, das perfekte Indianerpferd. So spielte ich eines Nachmittags Winnetou und los ging‘s in vollem Galopp. Wir hatten vor dem Haus eine lange, wunderbar flache Sandbahn, Überlaufgebiet des Klein Windhoek Riviers. Später wurde dieses Gebiet meine Rennbahn. Auf dieser Bahn waren mehrere Busch-hürden aufgebaut und in vollem Galopp ging es nun an jenem Nachmittag über diese Hürden.

Bei einem dieser Sprünge verlor Katze ihre Vorderbeine, stürzte und überschlug sich. Dabei fiel sie mit vollem Gewicht auf meinen Brustkasten. Mir blieb die Puste weg und in meiner Brust hatte ich stechende Schmerzen, die linke Hälfte war blaurot und schien flach und eingedrückt. Nach einiger Zeit bekam ich wieder Luft und stand mühsam auf. Katze war auf und davon gelaufen; ich schleppte mich mühsam nach Hause. Vor dem Haus war ein hoher Schutzwall gegen das Rivier, welches im Jahr 1934 über 1,34 m hoch durch das Haus gelaufen war. Vor diesem Wall blieb ich erst mal liegen und gab allerlei Schmerzenslaute von mir. Meine Mutter hatte sie wohl gehört, aber nicht sonderlich beachtet, weil ich als Junge immer Tierlaute imitierte. Als sie zwischendurch aber das Wort „Mama“ hörte, wurde sie argwöhnisch und schaute über den Wall. Da lag nun ihr Sohn, der krampfhaft nach Luft japste. Sie half mir über den Wall, ins Zimmer, aufs Bett. Sofort rief sie Dr. Nägelsbach an, der so schnell wie möglich kam. Es dauerte immerhin eine Weile; inzwischen machte sie mir kalte Umschläge. Mein Zimmer war recht groß und sie lief auf und ab auf der Suche nach einem ihr unbekannten Wecker, den sie zu hören meinte. Als Dr. Nägelsbach mich untersuchte, bemerkte er, dass die Töne von meinem Herzen her kamen. „Luft im Herzbeutel“, stellte er fest. „Eine gebrochene Rippe muss den Herzbeutel verletzt haben. Da ist Luft zwischen Herz und Herzbeutel und der Junge darf sich drei Tage nicht rühren, sonst läuft er Gefahr, dass die gebrochene Rippe das Herz verletzt!“ war seine Anordnung. Dieses erzwungene Stillliegen war schlimm, musste aber sein. Ein paar Tage später, als die Haupt-gefahr vorbei war, wurden Röntgenaufnahmen von meinem Brustkorb gemacht und es wurde festgestellt, dass sieben Rippen gebrochen waren; vier vorne links über dem Herzen, drei rechts hinten neben dem Rückgrat. Ich bekam ungefähr acht Wochen Reitverbot. Als, drei Wochen nach dem Unfall, meine „Kälberliebe“ Gisela Lüttgens mich besuchte, gingen wir, da sie ja auch begeisterte Reiterin war, heimlich in den Pferdestall zu Katze. Dann war da natürlich ein „I dare you, du darfst nicht reiten“, aber der junge Stark sprang auf sein Pferd. Ich weiß noch genau, dass ich beim Aufspringen einen stechenden Schmerz spürte, aber Winnetou ließ sich nichts anmerken. Hatte ich einen Schutzengel?

Pferderennen

Als ich zwölf Jahre alt war, wurden die ersten Rennen wieder veranstaltet. Während der Kriegsjahre waren jegliche Veranstaltungen und Zusammenkünfte verboten. Ich hatte inzwischen wieder ein neues Pferd bekommen, einen hoch-gezüchteten Halbbluthengst aus dem Gestüt Gochaganas. Wir nannten ihn Kastor. Kastor war noch jung, stark und schnell und anfangs hat er mich öfters abgebockt. Da er so stark war, hatte ich großen Respekt vor ihm, ritt ihn aber gerne. Meine Mutter und ich beschlossen, Kastor für das erste Rennen, 1000 Meter für Jugendliche, zu nennen.

Ebenfalls in dem Rennen ritt der bekannte Hindernisreiter Schulze-Günther, ein Rennreiter aus Deutschland, der die Stute Bayadere aus dem Gestüt Claratal ritt, die später von dem Gestüt Voigtland übernommen wurde. Weiterhin waren in dem Rennen noch mehrere andere Pferde. Ich ritt in Khakihemd, kurzer Khakihose und Schuhen, Rennfarben hatten wir damals noch nicht. Da es ein Kurzstreckenrennen war, musste von Anfang an schnell geritten werden. Das Rennen ging los. Hans Joachim Berker war Starter. Kurz nach dem Start waren Schulze-Günther und ich Kopf an Kopf vorne und wir ließen das übrige Feld hinter uns. In den Geraden fing der Endkampf schon an. Ich ritt rechts von Schulze-Günther. Bügel an Bügel, Kopf an Kopf, wie zusammengeklebt liefen Bayadere und Kastor. Ich ritt ohne Peitsche. Ungefähr 200 m vor dem Ziel zog Schulze-Günther die Peitsche und begann zu treiben. Dabei bekam ich mehrere Schläge ab, über den Rücken, kahlen Unterschenkel und hauptsächlich über die Zehen. Schulze-Günther schrie mich fortwährend an, ich sollte ausweichen, aber dann hätte ich Boden verloren. So passierten die beiden Pferde gleichzeitig das Ziel.

Erst hieß es „totes Rennen“, denn man konnte oder wollte sich nicht entscheiden. Die Rennstewards hielten danach eine Sitzung ab, bei der auch Schulze-Günther zugegen war. Nach der Sitzung hieß es dann, Bayadere hätte mit einer Nasen-länge gewonnen. Viele Zuschauer waren nicht einverstanden, vor allem die Leute von der Farm Gochaganas. Aber so war’s dann, Bayadere wurde zum Sieger mit Nasenlänge erklärt.

Später hörte ich, dass Schulze-Günther immer wieder gesagt haben soll: „Ich will den Jungen haben; der soll zu mir in die Lehre kommen; wenn der sein erstes Rennen gewinnt, wird der doch größenwahnsinnig!“ Ob es stimmte, weiß ich heute noch nicht. Tatsache aber war, dass er an meine Mutter herantrat und sie bat, mich doch in den Ferien zu ihm nach Claratal in die Lehre zu schicken. Schulze-Günther war damals der bekannteste, erfolgreichste und erfahrendste Rennreiter und Trainer in Südwestafrika und so haben wir seinem Ruf gerne Folge geleistet. Das war ein „verlorenes Rennen“ wert. Dieses erste Rennen mit dem harten Endkampf war für mich ein wunderbares Erlebnis und ich wurde ein fanatischer Rennreiter. Ob das wohl so sein sollte??

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