08 September 2021 | Geschichte

Der weiße Buschmann

Vom Wilderer zum Wildhüter

Im Jahre 1929 in Windhoek geboren, lernt Peter Stark, wie so viele „Südwester“, schon als Kind den Umgang mit einer Jagdwaffe und von einem Farmarbeiter das Verhalten des Wildes. Sein Leben zur freien Natur, dem Reitsport und vor allem der Jagd, verführten ihn zu Abenteuern, die ihm oft in Schwierigkeiten brachten. Seine Einstellung zur Jagd ändert sich drastisch, als er vom Ministerium für Naturschutz angestellt wird und er nun die Wilddiebe aufspüren muss, um das Wild im Etoscha-Nationalpark als Wildhüter zu beschützen.

6. Folge

Mein erstes Großwild – Teil 2/2

Nun musste das Tier aus der „Decke“ geschlagen und zerlegt werden. Keine Kleinarbeit für eine einzelne Person. Ich selbst konnte eben mal die Läufe festhalten und hie und da nach Alberts Anweisungen mit dem Messer nach-helfen. Dann wurde Feuer gemacht. Zuerst wurde das Gras rundherum mit dem Handbeil weggeschafft, damit kein Grasbrand entstehen konnte. Dann wurde das Kurzwildbret zwischen den Hinterkeulen abgeschnitten und der Sack mit Inhalt auf die glühende Kohle gelegt. „Die erste Kost für den Jäger“ erklärte Albert, ehe er mit dem Abhäuten begann. Als er fast damit fertig war, holte er erst die Hoden aus dem Feuer und jeder bekam einen zugeteilt. Ich aß tapfer mit. Erst ein bisschen fremd im Geschmack, später schmeckte das recht gut. Bis auf den heutigen Tag habe ich diese Sitte beibehalten!

Nachdem der Bulle aus der Decke geschlagen war, wurde er von Albert zerlegt. Ich musste überall mit festhalten, während Albert mir die Schnitte erklärte. Inzwischen hatte Albert auch die Kuduleber und die Enden der Röhrenknochen von Vorder- und Hinterläufen auf die glühenden Kohlen gelegt. Als die Leber gerade eben anfing gar zu werden, nahm er die Leber von der Kohle, legte sie auf einen flachen Stein und schnitt sie in dicke Scheiben. Von den Röhren-knochen kappte er mit dem Handbeil die Enden ab und blies das Knochenmark auf die Leberscheiben. Es war ein fürstliches Mahl. Die Leber darf man nicht zu trocken braten und das Mark darf auch nur halbgar sein. Auch diesen Brauch habe ich beibehalten. Ausnahmen werden nur gemacht, wenn man das Tier gewildert hat. Feuer und Rauch könnten den Dieb leicht verraten. An diesem Tage bin ich zum ersten mal so richtig in die Jägerlehre gegangen und ich habe mir alles sehr gut eingeprägt!

Am Nachmittag war der Kudubulle dann fertig zerlegt und das Fleisch an schattigen Bäumen aufgehängt. Albert holte die zurückgebliebenen Esel, die nun mit den Fleischstücken fachgerecht beladen wurden. Gegen Abend begaben wir uns auf den Nachhauseritt.

Für die beiden Packesel war es zuviel Fleisch, so wurden die Reitesel mit Fleisch, Decke und Trophäe behängt. Wir Reiter mussten uns zwischen den Fleischstücken Platz suchen, alles wurde mitgenommen. Der Rückritt dauerte bis tief in die Nacht und immer wieder streifte ein Dornenzweig im Dunkeln durchs Gesicht oder über die kahlen Beine und Arme. Endlich kamen wir nachts zu Hause an. Mein Hintern und die Beine brannten vom Eselschweiß, ebenso die Schnittwunden von den Dornen. Aber ich war selig, ich hatte mein erstes Stück Großwild erlegt – und viel, viel gelernt. Albert sei ewig Dank dafür!

Am nächsten Tag musste all das Wildbret verwertet werden. Alles wurde dem Fleisch entsprechend in Rauchfleisch, Trockenfleisch, Braten und Steaks zerschnitten und eingepökelt. Auch hier war Albert ein Meister und verrichtete die Hauptarbeit. Ich musste allerdings bis zum Ende mit dabei sein und helfen. Bitz kam nur ab und zu vorbei und gab kurze Anweisungen mit treffenden Bemerkungen. Ein richtiger Jäger muss halt alles selbst tun können. Nachdem der Kudubulle fachgerecht verwertet und die Trophäe abgekocht und gesäubert war, durften wir tags drauf wieder auf Jagd reiten. Diesmal ging es in die Flächen, um Zebras zu suchen. Erst am Nachmittag sichteten wir im Mopanebusch eine Herde. Wir pirschten uns an und als ein Zebra mit der Breitseite vor mir stand, legte ich an einem Baum an und schoss. Das Zebra zeichnete nach einem dumpfen Aufschlag und flüchtete mit der Herde. Albert war gar nicht glücklich und meinte unzufrieden: „Bauchschuss, das kann lange dauern, wenn wir es überhaupt kriegen.“ Zu allem Unglück noch flüchtete das Rudel mit dem Wind und war im dichten Mopanebusch nicht mehr aufzuspüren. Das angeschweißte Tier hielt sich mit dem Rudel und schweißte nur zu Anfang sehr spärlich. Dann muss wohl der Mageninhalt die Schusswunde zugestopft haben und es war kein Schweiß mehr sichtbar. Kurz vor Sonnuntergang gaben wir die Nachsuche auf. Ich war sehr niedergeschlagen, dass mir das passiert war. Wortlos ritt Albert auf dem Weg nach Hause voran.

Am Abendbrottisch hat Bitz mir eine lange Standpauke gehalten und Erklärungen gegeben. Er redete von überhastigem Auftreten, schlechtem Ansprechen, dem Leiden eines angeschossenen Tieres, von schlechten Schützen usw. usw. Jede Beschuldigung traf mich bis ins Innerste und am Boden zerstört, ging ich flennend ins Bett. Die folgenden zwei Tage musste ich Bitz bei Farmarbeiten helfen. Um das ganze Dilemma noch zu verschlimmern, kam zwei Tage später der Nachbarfarmer und erzählte, dass er ein verendetes Zebra durch Aasgeier auf seiner Farm gefunden hätte. Erst drei Tage danach durften wir wieder auf Jagd reiten. An demselben Tag schoss ich mit gutem Blattschuss eine Kudukuh. Ich hatte gelernt mein Jagdfieber zu bezwingen, um einen sicheren Schuss anzubringen. Die Predigt, die Bitz mir gehalten hat, hatte einen positiven Einfluss auf mein späteres Leben als Jäger. Ich blieb die ganzen Winterferien bei Bitz auf Narachaams. Am Ende hatte ich, alles in allem, sechs Kudus und vier Zebras geschossen.

Von Albert hatte ich unendlich viel gelernt, sicher die meisten Grundbegriffe fürs Jagen auf Großwild: Die Windrichtung, das Anpirschen, das richtige Ansprechen, ruhig bleiben bis zum Schluss, das Auffinden der richtigen Fährte beim Anschuss, Spurenlesen und – die Augen offen halten. Dazu natürlich das Enthäuten, Zerlegen, das richtige Aufladen auf Packtiere und im Zusammenhang damit – die Zeremonie des Bratens. Dass zur Jägerei Ausdauer, verbunden mit Schweiß und Durst gehören, wurde zur Selbstverständlichkeit. Nach Verlauf der Ferien musste ich dann schweren Herzens Abschied nehmen von Albert und Bitz. Diese Ferien waren für mich einmalig. Beladen mit Säcken voll Trocken-fleisch und Rauchfleisch wurde ich wieder auf den Zug nach Hause gesetzt.

Als besonderes Geschenk hatte mir Bitz ein von ihm selber in Leder gebundenes Buch geschenkt. Leider, heute zu meinem größten Leidwesen, habe ich diese Anleitung kaum benützt. Wie leichtfertig ist man doch in der Jugend und weiß nicht wertvolle und gutgemeinte Geschenke zu schätzen!

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