18 August 2021 | Geschichte

Der weiße Buschmann

Vom Wilderer zum Wildhüter

Im Jahre 1929 in Windhoek geboren, lernt Peter Stark, wie so viele „Südwester“, schon als Kind den Umgang mit einer Jagdwaffe und von einem Farmarbeiter das Verhalten des Wildes. Sein Leben zur freien Natur, dem Reitsport und vor allem der Jagd, verführten ihn zu Abenteuern, die ihm oft in Schwierigkeiten brachten. Seine Einstellung zur Jagd ändert sich drastisch, als er vom Ministerium für Naturschutz angestellt wird und er nun die Wilddiebe aufspüren muss, um das Wild im Etoscha-Nationalpark als Wildhüter zu beschützen.

2. Folge

Meine Kindheit

Ich wurde am 18. April 1929 im Elisabeth Haus, einem Entbindungsheim in Windhoek, geboren. Nach Aussagen meiner verstorbenen Mutter muss es wohl sechs Uhr abends gewesen sein, denn an jedem Geburtstag durfte ich erst abends um sechs Uhr meine Geschenke in Empfang nehmen. Oft zu meiner eigenen Verzweiflung, denn ich bin nun mal ein ungeduldiger Mensch!

Meine Mutter war mit mir äußerst streng, eine typische, deutsche, preußische Offiziersfrau. Sie war in allem sehr genau und stets sehr ehrenhaft. Friedrich der Große wurde immer als Vorbild gehalten; sie selbst war kaisertreu.

An meinen Vater kann ich mich nicht mehr erinnern. Er war Hauptmann bei der damaligen Schutztruppe und starb an Diabetes in Deutschland, als ich zwei Jahre alt war. Also wurde ich allein bei meiner Mutter groß. Meine Schwestern Annemarie und Franziska waren bereits erwachsen, verheiratet und lebten ihr eigenes Leben. Nur noch Susanne, die Jüngste, lebte die ersten paar Jahre bei meiner Mutter und mir im Haus, bis auch sie flügge wurde. Mit Susanne habe ich oftmals einen ehrbaren Kampf bestehen müssen. Ich kann mich genau daran erinnern, dass ich eines Abends in der Küche mit ihr einen bösen Streit hatte. Ich war gerade dabei, Brot zu schneiden, als ich in der Hitze des Wortgefechts sie mit „Kaffernweib“ betitelte. Das war zuviel. Wie eine Furie stürzte sie sich auf mich und Sanne konnte zuschlagen, das hatte ich schon zur Genüge am eigenen Leibe fühlen müssen. Entsetzt floh ich; erst links herum um den großen Küchentisch, dann wieder rechts herum. Zwischen die Beine geworfene Stühle halfen nichts. Der D-Zug kam immer näher, mit feuersprühenden Augen. Im letzten Moment verließ ich die Küche, Sanne hinterher. Ich raste in der Dunkelheit um die Hausecke. Tags zuvor hatten die Arbeiter eine tiefe Sickergrube ausgehoben, die noch offen war. Kopfüber fiel ich hinein, Sanne ebenfalls. Als ich in der Dunkelheit liegend ihre näherkommende Silhouette gewahrte, hielt ich zur Abwehr die Hände vor meinen Kopf, völlig unbewusst, dass ich noch das Brotmesser in meiner Hand hatte. Sanne fiel mit dem Gesicht ins Messer und schnitt sich dabei das ganze Kinn auf. Ihr Blut floss warm über meine Hände und mein Gesicht. Obwohl ich das nun wirklich nicht gewollt und nicht mehr an das Messer in meiner Hand gedacht hatte, das Unglück war geschehen. Verächtlich rief sie nur „Mörder!“ Das war das Schlimmste für mich, ich konnte mich nicht genug bei ihr entschuldigen. Auch bei ihr war aller Zorn verflogen. Wie zwei begossene Pudel kletterten wir aus der Sickergrube und halfen einander gegenseitig heraus zu kommen. Na ja, unser Stark‘sches Temperament hat uns noch so manchen Streich gespielt, jedoch im Allgemeinen sind wir gut miteinander ausgekommen.

Als ich sechs Jahre alt war, hatte meine Mutter mir drei Esel gekauft. Ihrer Meinung nach sollte ich mit Eseln anfangen, um später einmal die richtigen antreibenden Hilfen bei Pferden einsetzen zu können. Gewöhnlich ritt ich die alte Eselstute Liese, die nicht leicht aus der Ruhe zu bringen war. Mit unserem Hausjungen Johannes, einem jungen Ovambo, ritt ich ohne Bügel mit den Eseln auf dem 20 Ha großen Berggrundstück herum. Johannes ritt einen Junghengst, Jason, der für einen Esel besonders fleißig und sogar lebhaft war. Ich hatte die Nase voll von der faulen Liese und bat Johannes Jason reiten zu dürfen. Erst wollte Johannes nicht, dann aber gab er meinem Drängen nach. Er warnte mich, mit Jason vorsichtig umzugehen.

Der kleine Stark wusste es aber besser. Kaum saß ich auf dem Eselhengst, da gab ich ihm nach alter Gewohnheit wie bei Liese eins mit der Peitsche. Wie ein geölter Blitz legte er in vollem Galopp los. Ich klammerte mich fest wie ein Affe. Nach kurzer Zeit fing die Satteldecke an zu rutschen. Als wir so im vollen Galopp dahinfegten, stand in unserem Wege ein kapitaler Kameldornbaum. Ich wollte links vorbei, Jason beschloss rechts. Ich verlor meine Balance und war im Begriff, Jason zu verlassen, als der Baum dann auch schon da war. Mit voller Wucht schlug mein Kinn gegen den Baumstamm und ich verließ Jason endgültig. Als ich aufstand, floss das Blut an meinem Körper herunter; das erste eigene Blut in meinem Leben. Der Schreck war so groß, dass ich anfing, herzerweichend zu brüllen. Auch Johannes war sehr erschrocken und trug mich nach Hause. Später stellte sich heraus, dass die Naht an meinem Kinn geplatzt war und ich musste lange Suppe trinken, etwas, wovon ich gar nicht begeistert war. Auch meine Mutter meinte, dass ich nun lange genug auf Eseln geritten sei und dass ich nun auf Pferde übergehen könne.

Geschenke, die mein Leben geformt haben

Nicht lange nach der Eselepisode wurde ich sieben Jahre alt. Zu meinem Geburtstag bekam ich ein Pferd und ein Kleinkalibergewehr, ein .22 Tesching. Das Pferd nannten wir Jupp. Es war ein brauner Wallach, dem ein halbes Ohr fehlte, für drei Pfund (Englisch) und zehn Schilling, aus dem Fundkral gekauft. Nach Eingeborenenart hatte man ihm das rechte Ohr halb abgeschnitten. Es war eine Seele von einem Pferd, sehr ruhig und immer zuverlässig. Das Gewehr war ein einschüssiger Mausertesching, beim alten Herrn Rosenthal auch für drei Pfund zehn gekauft. Niemals hätte ich damals geahnt, dass diese beiden Geschenke die Zukunft meines Lebens beeinflussen würden; die Reiterei und die Jagd, das Leben in der Wildnis.

Wo immer ich arbeitete oder angestellt war, Geld, oder die Höhe des Gehaltes, haben bei mir nie eine Rolle gespielt. Hauptsache die Arbeit kam meinen Wünschen entgegen.

Erste Reitstunden

Meine Mutter war sehr streng, alles musste in ihrem Sinn perfekt sein, sie war meine erste Lehrerin. Eigentlich hatte ich meinen Tesching viel lieber als mein Pferd, aber meine Mutter sah das ganz anders. Für sie waren die Pferde und die Reiterei weitaus das Wichtigere, deshalb hatten wir öfters einige Differenzen miteinander.

Am Anfang bestanden die Reitstunden aus Longierstunden, d.h. an der Longe, mit Sattel, aber ohne Bügel und Zügel, um Sitz und Balance zu festigen. Wir waren beide sehr temperamentvoll und somit dauerte es meist nicht lang, dass wir aneinander gerieten. Oft sprang ich im vollen Galopp vom Pferd und rannte davon. Sofort wurde Johannes, der meiner Mutter beim longieren behilflich war, hinter mir hergeschickt. Es dauerte meist nicht lange, ich wurde eingeholt, zurückgeschleppt, wieder aufs Pferd gepackt und weiter ging es. Wenn ich mich gut benommen hatte, durfte ich auch ab und zu ausreiten. Sobald ich mich außer Sicht wähnte, musste Jupp unter „Billy the Kid“ herhalten und dann ging es in vollem Galopp in die Berge. Meine Mutter hatte jedoch ein gutes Gehör und wusste, was los war. Kam ich dann schön „unschuldig“ im Schritt reitend zurück, wartete sie auf mich, besah sich mein Pferd und je nach Zustand des Pferdes war es dann entweder eine Standpauke oder es gab sogar was mit der Reitpeitsche auf den Hintern.

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