31 März 2017 | Soziales

Der Vater, den sie niemals hatten

Acht Jahre lang dokumentierte der Schweizer Fotojournalist Christian Bobst das Lebenswerk des katholischen Priesters Hermann Klein-Hitpass. Seine Aufnahmen zeigen, wie der Priester zum Hoffnungsträger für Prostituierte in Windhoek wurde, für die er eine Zufluchtstätte eingerichtet hat. Sie zeigen aber auch die wiederkehrende Aussichtslosigkeit, nun, nachdem diese Unterkunft geschlossen wurde.

Von Annika Brohm, Windhoek

„Weder meine Mutter, noch mein Vater sind mir geblieben“, erzählt eine junge Frau in der Anfangsequenz des Kurzfilms, aufgenommen von Bobst. Sie wirkt regungslos dabei. Ihr leerer Blick zeigt, dass sie schon längst aufgegeben hat. „Wir verkaufen uns selbst für fünf Dollar. Das ist die Geschichte.“ Es ist eine Geschichte, die sich auf den Straßen Katuturas täglich wiederholt. Und gleichzeitig ist es die Geschichte eines Mannes, der den leeren Blicken wieder Leben einhauchen will.

Ein Ort der Zuflucht

Zwölf Jahre ist es her, da eröffnete der katholische Priester Hermann Klein-Hitpass mitten in Katutura eine Unterkunft für Frauen, die ihren Körper für Geld verkaufen. Der Name der Zufluchtsstätte: „Stand together“, Zusammenstehen. Finanziert durch die katholische Kirche und private Spenden versorgt Klein-Hitpass rund 300 Frauen Woche für Woche mit Altkleidern, Nahrung - und Kondomen. Damit möchte er der weiteren Verbreitung des HIV-Virus vorbeugen. Der Priester tut das mit einer unerschütterlichen Entschlossenheit; entgegen der Ansicht der katholischen Kirche, die der Verwendung von Verhütungsmitteln bis heute kritisch gegenübersteht. Auch Milchpulver verteilt er, damit betroffene Mütter das Virus beim Stillen nicht an ihre Kinder übertragen. Der Kampf gegen HIV war es schließlich auch, der den Weg des Fotojournalisten Christian Bobst im Jahre 2008 zu Vater Hermann Klein-Hitpass führte.

„Meine Mutter hat damals an der UNAM an einem HIV-Präventionsprojekt gearbeitet“, erzählt der gebürtige Schweizer. Als er sie in Namibia besucht, trifft er auch auf Klein-Hitpass. Die Arbeit und die Persönlichkeit des Priesters faszinieren den Fotojournalisten auf Anhieb. Nach dem ersten Besuch folgen vier weitere Aufenthalte in Namibia; aus den ersten Schnappschüssen von der Arbeit des Priesters in Katutura entwickelt sich ein Langzeitprojekt. Noch immer merkt man Bobst seine Bewunderung für den Vater an, wenn er von ihm spricht. „Er ist der selbstloseste Mensch, den ich je getroffen habe“, erklärt er. „Sein Mitgefühl und seine Passion sind das eindrücklichste an seinem Wesen.“

Im Teufelskreis der Armut

Trotz dieser einfühlsamen Art benötigt der Priester zwei volle Jahre, bis er das Vertrauen der Frauen in Katutura gewinnen kann. Davor kommen immer wieder Zweifel bei ihnen auf, ob Klein-Hitpass nicht doch ein Polizist sein könnte, der das illegale Geschäft mit dem Körper aufdecken und anklagen will. Auch Bobst hält sich bei seinem ersten Besuch in der Unterkunft zurück und versucht so, eine Vertrauensbasis zu schaffen. Erst bei seinem zweiten Aufenthalt in Namibia spricht er die Frauen direkt auf ihre Lebensgeschichte an. Die darauffolgenden Gespräche, die von Armut und Aussichtslosigkeit zeugen, sind selbst für den erfahrenen Fotojournalisten zum Teil nur schwer zu ertragen. „Viele der Frauen wurden schon als Kinder missbraucht oder zur Prostitution gezwungen“, erzählt er. Die meisten können sich von diesen Traumata nie erholen und landen folglich in einem Teufelskreis aus Alkohol, Gewalt und Sex. Manche werden selbst kriminell. „Sicherlich kann man nicht jede der Frauen als ‚reine Unschuld‘ bezeichnen. Oft sind sie sowohl Opfer, als auch Täter“, erzählt Bobst. „Aber wenn man sich näher mit ihren Umständen beschäftigt, dann ist das nicht weiter verwunderlich.“ Zum Großteil handelt es sich bei den Prostituierten um allein erziehende Mütter, oft selbst noch mehr Kind als Frau, die mit ihrer Situation schlichtweg überfordert sind. Um ihren Kindern etwas zu Essen bieten zu können, verkaufen sie schließlich ihren Körper - zu Preisen, für die man nicht annähernd eine Tagesration für eine Person, geschweige denn für eine ganze Familie sichern kann.

Ein Teil der Familie

„Ich weiß, wie es ihnen geht“, erzählt Klein-Hitpass mit schwacher Stimme in einer Szene von Bobsts Dokumentation. „Sie sagen mir: Lass sie doch verrecken. Es ist haarsträubend, was hier geschieht.“ Eben dieses vorbehaltslose Verständnis lässt Klein-Hitpass im Laufe der Jahre nach dem anfänglichen Misstrauens zu einer Art „Heilsbringer“ für die Prostituierten werden. „Am Anfang war er für die Frauen nur ein katholischer Priester“, erzählt Ordensschwester Inocentia Mbati,die Klein-Hitpass jahrelang bei seiner Arbeit unterstützt hat. „Mit der Zeit wurde er zu einem Großvater für uns alle, zu einem Teil der Familie.“

Um insgesamt 4700 Frauen und mehr als doppelt so viele Kinder kümmert sich „Vater Hermann“, wie er liebevoll genannt wird, bis im Jahre 2015. Doch dann verschlechtert sich sein gesundheitlicher Zustand zusehends. Seine motorischen Fähigkeiten lassen nach, folglich wird er pflegebedürftig. Seit zwei Jahren ist er nun derjenige, der umsorgt wird; die Ordensschwestern des Römisch-katholischen Krankenhauses pflegen Klein-Hitpass liebevoll. Und während es der treibenden Kraft hinter dem Projekt körperlich immer schlechter geht, verwaist auch die Unterkunft im Herzen Katuturas. Schließlich wird der Zufluchtsort, der Tausenden von Frauen neuen Lebensmut geschenkt hat, im Jahr 2015 geschlossen. Eine offizielle Erklärung von Seiten des Windhoeker Erzbischofs Liborius Ndumbukuti Nashenda, der die Räumung angeordnet hat, gibt es bis heute nicht. „Man war nicht daran interessiert, uns weitere Informationen mitzuteilen“, erzählt Bobst. Auch als ein Reporterteam des deutschen Magazins „Stern“ im Rahmen von Recherchearbeiten nachhakt, folgt: nichts. „Wahrscheinlich war es einfach nicht möglich, einen Nachfolger für Vater Hermann zu finden“, mutmaßt der Fotojournalist im AZ-Gespräch. Jemanden wie Hermann zu ersetzen, das scheint eine Aufgabe zu sein, an der an man nur scheitern kann.

In eine ungewisse Zukunft

Heute zeugt nur noch wenig in der ehemaligen „Stand together“-Unterkunft vom Wirken des Vaters. Ein Lager mit Altkleidern ist alles, was dort davon übrig geblieben ist. Für die Frauen, für die der Ort einst Nahrungsquelle und Familientreffpunkt in einem war, ist das ein herber Verlust. „Als der Vater uns gesagt hat, dass er nicht weitermachen würde, hat es uns das Herz gebrochen“, erzählt eine von ihnen. Ihr größter Wunsch sei es, dass die Unterkunft wiedereröffnet wird und ein Waisenhaus hinzukommt. Das, so sagt sie, sei schließlich der ursprüngliche Traum von Vater Hermann gewesen. Christian Bobst wünscht sich ebenso, dass das Vermächtnis des Priesters weitergeführt wird - und wenn nur in einem kleineren Umfang. „Eine Suppenküche würde auch schon weiterhelfen“, erklärt er. „Das ist sicherlich nicht die Lösung, aber zumindest ein Anfang.“

Auch in Hinblick auf sein Projekt gibt sich Bobst bescheiden: Wenn seine Aufnahmen dazu beitragen könnten, dass die Arbeit fortgesetzt werden kann, dann würde er sich sehr darüber freuen. „In erster Linie ging es mir aber darum, eine Geschichte zu erzählen“, fügt Bobst hinzu. „Die Geschichte vom Wirken des Vaters, in gewisser Weise auch von seinem Lebenswerk.“ Der Vater selbst kommentiert die Zukunft des Projektes in Katutura unterdessen in gewohnter Manier: Geradeheraus, mit felsenfester Bestimmtheit. „Ihr denkt, ich kann ewig leben. Das geht nicht“, erklärt Klein-Hitpass, seine Stimme wirkt dabei noch ein wenig gebrechlicher als in den Szenen zuvor. „Ich werde bald zu sterben haben. Und dann seid ihr allein.“

Den Kurzfilm über das Wirken von Vater Hermann Klein-Hitpass finden Sie unter dem Stichwort „The Prostitutes and the Priest“ auf der Fotografie-Plattform „lensculture“ (https://www.lensculture.com/articles/christian-bobst-the-prostitutes-and-the-priest). Für weitere Informationen zu Christian Bobst lohnt sich ein Besuch auf der Website des Fotojournalisten (www.christianbobstphotography.com ).

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