14 Juni 2019 | Gesellschaft

Der Puls der Stadt

Mit Taxifahrern durch die Straßen Windhoeks

Obwohl viele Menschen täglich auf sie angewiesen sind, haben Taxifahrer einen schlechten Ruf. Viele von ihnen wollen jedoch nur arbeiten.

Von Lisa Plank, Windhoek

Ein Taxifahrer fährt durch die Straße, aus den Lautsprechern im Inneren des Wagens ertönt laute Musik. Eine Hand lässt er lässig aus dem Fenster hängen, die andere ist am Lenkrad. Er hupt, gleichzeitig streckt er seinen Kopf aus dem Fenster. „Sister, sister! Where you going?“ Er tritt auf die Bremse und wirft einen kurzen Blick auf eine junge Frau neben der Straße. Sie reagiert nicht, er fährt weiter.

Obwohl sie einen wichtigen Beitrag zum Leben in den Städten leisten, haben Taxifahrer einen schlechten Ruf. Nicht nur wegen ihres Fahrstils stehen sie in der Kritik, sondern auch wegen organisierter Kriminalität. In ein beliebiges Taxi an der Straße einsteigen? Besser nicht, zu gefährlich - so sehen es viele Namibier.

Auch James ist Taxifahrer. Es ist früh morgens und noch kalt, doch der junge Mann ist gut gelaunt. „Und, was hältst du vom Wetter?“, fragt er die Frau auf dem Beifahrersitz. Er beginnt, weitere Fragen zu stellen, innerhalb kurzer Zeit entwickelt sich ein Gespräch. Für James ist sein Job keine Notlösung, er mag seinen Beruf. „Als Taxifahrer kann ich genau das tun, was ich liebe: Ich lerne jeden Tag interessante Menschen kennen, kann mich mit ihnen unterhalten und erfahre, was sie im Leben beschäftigt“, erklärt er. Auch seine Kunden merken, wie ernst er seine Aufgabe nimmt. Als er an einer roten Ampel steht, beobachtet er den Verkehr um sich herum, dann wirft er einen Blick auf die Uhr. „Wann musst du in der Arbeit sein?“, fragt er die Frau auf dem Beifahrersitz. „Um acht Uhr“, antwortet sie und er nickt: „Das schaffen wir.“

Während James auf der Straße ist, nutzt Erick, ebenfalls Taxifahrer, den Vormittag, um seine Fahrzeuge zu warten. In einem kleinen Laden im Windhoeker Stadtteil Katutura kauft er Motoröl, in einem anderen Geschäft Kühlerflüssigkeit. Im dritten Shop möchte er Stabilisatoren kaufen, doch hier wird er enttäuscht - sie sind ausverkauft, erst in zwei Wochen kommen die nächsten. Für Erick ist das kein Problem: „Gerade brauche ich die Stabilisatoren nicht, aber es ist gut, sie auf Vorrat zu haben“, erklärt er.

Erick ist seit 2012 Taxifahrer, davor hat er in einer Bäckerei gearbeitet. Genau wie James ist Erick stolz auf seinen Beruf. „Ich erlebe wahnsinnig viel und bin mein eigener Chef“, erklärt er. Die erste Zeit sei jedoch hart gewesen. Sein Taxi habe er einem Minister abgekauft, an ihn habe er jeden Tag 500 Namibia-Dollar zahlen müssen. „Ich habe Tag und Nacht gearbeitet. Aber das war es wert, nach einem Jahr hat das Auto mir gehört“, erzählt er stolz.

Auch James fielen die ersten Monate als Taxifahrer nicht leicht. In seinem neuen Job musste er sich erst zurechtfinden. „Ich musste lernen, wann und wo Kunden anzutreffen sind und wie ich sie gewinnen kann“, erklärt er. All das musste habe er selbst herausfinden müssen, denn Tipps habe ihm niemand gegeben. „Es hat ungefähr ein halbes Jahr gedauert, bis ich den Dreh raus hatte und Geld verdient habe“, erinnert er sich. Sein Alltag folgt einer strikten Routine: Jeden Tag stehe er um fünf Uhr morgens auf, eine Stunde später sitze er im Auto und fahre seine Kunden in die Arbeit. „Ich wohne in Khomasdal, von dort aus fahre ich die Leute in die Stadt und wieder zurück“, erklärt er. Zwischen sechs und acht Uhr morgens sei für ihn die wichtigste Zeit - „in diesen Stunden mache ich die Hälfte des Umsatzes, den ich pro Tag brauche.“

Am späten Vormittag stoppt Erick bei einer Gruppe Automechaniker in Katutura. „Wenn ein Auto kaputt geht, ist das eine Katastrophe. Deshalb ist es wichtig, sein Auto regelmäßig warten zu lassen“, erklärt er.

Heute lässt Erick gleich alle seine Autos warten. Denn die harte Arbeit des 39-Jährigen hat sich ausgezahlt. Mittlerweile gehören ihm vier Autos, fünf Männer arbeiten für ihn. „Ich habe 24 Stunden am Tag Fahrer auf der Straße, meine Kunden können mich jederzeit anrufen und wir bringen sie sicher nach Hause“, erklärt er. „Zwei fangen um vier Uhr morgens an, zwei arbeiten bis spät in die Nacht.“ Er und seine Mitarbeiter sind jedoch nicht nur in ganz Windhoek unterwegs, sie fahren auch bis zum internationalen Hosea-Kutako-Flughafen.

Auch James kann sein Auto sein Eigen nennen. „Als Taxifahrer muss ich denken wie ein Manager. Ich muss meine Zeit strukturieren, meine Route planen und mein Geld richtig einteilen.“ Diese Aufgaben zu meistern erfordert Konzentration. „Man muss alle Straßen kennen, alle Restaurants, alle Bars. Wenn ein Kunde einsteigt, muss man innerhalb kürzester Zeit wissen, wo sein Ziel ist und wie man dort am besten hinkommt“, erklärt er.

Dass viele Menschen die Fahrt mit einem gewöhnlichen Taxi für gefährlich halten, kann James nachvollziehen. „Ich würde nicht sagen, dass die Vorurteile stimmen, aber ganz falsch sind sie auch nicht.“ Er weiß von den kriminellen Machenschaften mancher Fahrer, verteidigt aber auch diejenigen, die ihre Arbeit ernst nehmen. „Taxifahren ist ein nobler Beruf“, stellt er klar. „Man bringt eine Person an ihr Ziel - sicher, pünktlich und gut gelaunt. Das ist eine große Verantwortung.“ An sich selbst hat er hohe Ansprüche: „Mein Auto soll ein sicherer Platz sein, in dem meine Kunden ihre Sorgen vergessen können. Wenn sie aussteigen, sollen sie sich bereit fühlen, den Herausforderungen des Tages entgegenzutreten.“

Wie viel sie pro Tag verdienen können, machen die Taxifahrer von der Wirtschaftslage abhängig. „In der Mitte des Monats kriegt man immer weniger, weil den Leuten das Geld ausgeht. An solchen Tagen sind nur Wenige auf der Straße, dann verdiene ich vielleicht 400 Namibia-Dollar am Tag“, erklärt James. „Am Monatsende, wenn die Leute bezahlt wurden, merke ich das auch. Die Leute gehen wieder aus, dann verdiene ich am Tag bis zu 700 Namibia-Dollar.“ Dieses Geld muss er jedoch gut einteilen - sein Auto tankt er täglich, außerdem muss er für Wartungen und Reparaturen aufkommen. „Wenn man überleben will, braucht man Selbstdisziplin“, stellt James klar.

Erick geht es nicht nur darum, genug Geld für sich selbst zu verdienen - er muss auch seine Familie ernähren. Damit seine Kinder eine Ausbildung erhalten können, arbeitet er mindestens zwölf Stunden am Tag. Als er beginnt, von seinen Kindern zu erzählen, liegt ein Lächeln auf seinen Lippen. „Sie gehen zur Schule und in den Deutschunterricht am Goethe-Institut. Das ist wichtig, damit sie irgendwann einmal in Deutschland studieren können und ein besseres Leben haben“, erzählt er stolz.

Aber auch er selbst hat Träume. Wenn er genug Geld hat, möchte er Urlaub machen - das erste Mal in seinem Leben. „Habe ich mal ein Wochenende frei, möchte ich nach Swakopmund fahren“, erzählt er. „Ich war noch nie an der Küste. Aber die Touristen erzählen mir immer, wie schön es dort ist.“

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