31 Mai 2018 | Geschichte

Der Ort Aus und sein Kaiser-Wilhelm-Denkmal

Rund 120 Kilometer östlich von Lüderitzbucht liegt das kleine Städtchen Aus, dessen Entstehung in den Jahren 1905/06 untrennbar mit dem damaligen Bau der Eisenbahnlinie zwischen den beiden genannten Ortschaften verbunden ist. Bekannt ist Aus aber auch als einer der kältesten Plätze im Land, wo es im Winter nicht selten schneit. Und Aus hat etwas, das man mehr als 10000 Kilometer von Deutschland entfernt wohl kaum vermutet, nämlich ein Denkmal zu Ehren Kaiser Wilhelms II.

Schon kurz nach der Gründung der Kolonie errichtete der Kaufmann Adolf Lüderitz dort, wo später Aus entstand, eine Faktorei. Entscheidend dafür war eine in einer Felsschlucht befindliche Quelle, weshalb es hier eine Niederlassung von etwa zehn Nama-Familien gab. Gleichzeitig mit Aus war aber auch eine Handelsstation im fünf Kilometer südlich davon entfernten Kubub errichtet worden, die zunächst eine größere Bedeutung erlangte, weil sie am südlichen Baiweg lag, der von Lüderitzbucht nach Keetmanshoop führte. Nach Durchquerung der Namib gab es dort den ersten Wasser- und Weideplatz für die Ochsengespanne, mit denen man Güter ins Inland transportierte. 1891/92 gründete die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika in Kubub eine Landwirtschaftliche Station für Wollschafzucht, die allerdings schon Ende 1893 durch die Witbooi-Nama zerstört wurde.

Nach mehrjährigen Planungen begann man am 27. Dezember 1905 von Lüderitzbucht aus mit dem Bau einer Eisenbahnlinie, die wegen des gängigeren Geländes jedoch nicht über Kubub, sondern das nördlich davon gelegene Aus führte, wo bald eine kleine Siedlung entstand. Im Sommer 1906 kam es zur Errichtung eines Polizeipostens, zu dessen Dienstbereich künftig auch Kubub gehörte, im Oktober desselben Jahres wurde das 1900 in Kubub gegründete Postamt nach Aus verlegt, und am 1. November 1906 konnte schließlich die Eisenbahnstrecke Lüderitzbucht-Aus eröffnet werden. Damit wurde Aus zum Ausgangspunkt für den Warenverkehr ins Landesinnere. Es entstanden umfangreiche Vieh- und Pferdedepots, außerdem entwickelte sich der Ort zu einer wichtigen Etappenstation für die Schutztruppe. Der gesteigerte Verkehr zog wiederum private Unternehmer wie Gastwirte, Händler und Handwerker dorthin, und so wuchs Aus allmählich zu einer Ortschaft von 300 Einwohnern heran, während Kubub an Bedeutung verlor und verödete. Eines der ersten Häuser am Platz war das 1906 erbaute Bahnhofshotel, später kam das Germaniahotel hinzu, das aber längst nicht mehr existiert. Das erste, in Holzbauweise errichtete Bahnhofshotel brannte 1948 ab, anschließend wurde aus Ziegeln ein neues Gebäude errichtet. In den letzten Jahren wurde das Hotel umfassend renoviert, und seither strahlt es in neuem Glanz.

Schon kurz nach Fertigstellung der Bahnlinie bis Aus wurde der Bau der Strecke in Richtung Osten weiter vorangetrieben, und am 21. Juli 1908 eröffnete der Staatssekretär des Reichskolonialamtes, Bernhard Dernburg, diesen zweiten Abschnitt bis nach Keetmanshoop. 1907 besetzte man die Polizeistation in Aus bereits mit einem zweiten Beamten, und nach der Entdeckung der Diamanten bei der Bahnstation Kolmanskuppe (April 1908) wurde Aus im darauffolgenden Jahr sogar Standort eines Offizierspostens, den man im Haus des früheren Eisenbahnkommissariats etablierte. Die im Diamantengebiet entstehenden Siedlungen wurden bald von den Farmen um Aus mit Fleisch und frischen Milchprodukten beliefert, wodurch der Ort wirtschaftlich weiter florierte. Durch eine Verordnung des Reichskanzlers betreffend die Selbstverwaltung in Deutsch-Südwestafrika vom 28. Januar 1909 erhielt Aus den Status eines kommunalen Verbandes mit gewähltem Gemeinderat und einer Gemeindeverwaltung, und 1911 wurde gar eine Deutsche Schule gegründet, deren Lehrer Heinrich Kronsbein nach dem Ersten Weltkrieg zum Direktor der Deutschen Regierungsschule in Windhoek avancierte.

Im Juni 1913 beging Kaiser Wilhelm II. sein 25-jähriges Thronjubiläum, was man auch im fernen Deutsch-Südwestafrika feierte. In Aus wurde aus diesem Anlass ein besonderes Denkmal eingeweiht, das bis heute erhalten geblieben ist. Dabei handelt es sich um einen rund drei Meter hohen Obelisken in Gestalt eines preußischen Meilensteins auf einem Sockel, an dessen Südwestseite damals eine Kupfertafel angebracht war. Die Lüderitzbuchter Zeitung berichtete dazu in ihrer Ausgabe vom 27. Juni 1913: „Bereits am Sonnabend, den 14. Juni, abends 7½ Uhr, bewegte sich ein großer Fackelzug mit Musik und Spitzenreiter durch die Straßen des Ortes nach dem Bahnhofshotel, woselbst ein vom Pferdedepot Süd arrangierter ‚Bunter Abend’ stattfand… Montag früh 5½ Uhr, weckten Bollerschüsse die Einwohner des Ortes aus dem Schlafe und vor 9 Uhr waren der Bürgerverein Aus, die Schule, das Pferdedepot, die Polizeibeamten sowie grade in Aus anwesende Gäste vollzählig in dem vom Bürgerverein errichteten Bürgerpark erschienen um der Feier beizuwohnen. Die Schule eröffnete diese mit dem Gesang: ‚Alles schweige, jeder neige.’ Darauf hielt der stellvertretende Depotführer, Herr Leutnant von Oelhafen eine kernige Ansprache, die in ein donnerndes Hurrah auf den Kaiser ausklang. Die Kaiserhymne wurde von allen Anwesenden gesungen und nun trat der Vorsitzende des Bürgervereins Aus, Herr Schwarzenberg vor das verhüllte Denkmal, hielt eine kurze Ansprache, der Vorhang fiel und vor den Augen der Erschienenen zeigte sich in reichem Blumenschmuck ein Denkstein mit der Inschrift: Wilhelm II. 1888-1913.“

Irgendwann im Laufe der Zeit verschwand die kupferne Tafel am Denkmal, doch anlässlich des hundertjährigen Gedenkens an den Beginn des Ersten Weltkrieges fand am 23. August 2014 eine Wiedereinweihung statt, bei der man vier neue am Gedenkstein angebrachte Granittafeln enthüllte. Sie zeigen die ursprüngliche Beschriftung, außerdem wird in deutscher und in englischer Sprache über die Bedeutung des Denkmals informiert, und eine Tafel erinnert an die Inbetriebnahme der Eisenbahnlinie Lüderitzbucht-Aus im Jahre 1906. Eigentlich war geplant, das sanierte Monument im Rahmen einer feierlichen Zeremonie der Öffentlichkeit zu präsentieren, doch in Anbetracht der Tatsache, dass drei Teilnehmer einer dazu aus Deutschland angereisten Delegation am Vortag auf ihrer Fahrt nach Aus tödlich verunglückt waren, wurde die Feier abgesagt, und es fand lediglich ein stilles Gedenken statt.

Nachdem die Südafrikaner im September 1914 Lüderitzbucht besetzt hatten, verlegte man die dortige Funkstation nach Aus, wo sie noch bis Ende März 1915 in Betrieb blieb, bevor die Deutschen auch diesen Ort dem vorrückenden Gegner überlassen mussten. Nach der Kapitulation der Schutztruppe am 9. Juli 1915 errichteten die Südafrikaner bei Aus ein Kriegsgefangenenlager, in dem insgesamt 1552 Unteroffiziere und Mannschaften der aktiven Truppe und der Landespolizei untergebracht wurden. Anfänglich lebten sie dort in Zelten, doch bald bauten sie mit Hilfe selbst hergestellter Sandsteine kleine Häuser, deren Ruinen heute noch teilweise existieren. Auch in diesem Lager, wo die Gefangenen bis zu ihrer Entlassung am 18. April 1919 blieben und wo im Oktober/November 1918 noch 55 von ihnen an der weltweiten Influenza-Epidemie starben, errichteten sie ein Monument zu Ehren Kaiser Wilhelms II. Am 3. August 1985, dem 70 Jahrestag der Gründung des Lagers, wurde das Areal zum nationalen Denkmal erklärt und eine Steinsäule mit einer darauf angebrachtem Bronze-Tafel aufgestellt, die das Relief eines Schutztrupplers zeigte und einen erklärenden dreisprachigen Text dazu lieferte. Leider wurde die Tafel vor einigen Jahren gewaltsam entfernt, aber 2010 durch eine Nachbildung aus Marmor ersetzt.

Am ersten April-Wochenende 2007 beging Aus, das derzeit ca. 1200 Einwohner zählt, sein hundertjähriges Bestehen. Ausgerichtet wurden die Feierlichkeiten von der Industrie- und Handelskammer des Dorfes, deren Vorsitzender letztlich von der Wiedererlangung des kommunalen Status träumt. Zwar gibt es ja kein konkretes Gründungsdatum, doch mit der Eröffnung der Bahnstrecke im November 1906 begann der eigentliche Aufschwung des Ortes. Genau einhundert Jahre später, im November 2006, eröffnete das Informationszentrum Aus, und da entstand wohl auch der Gedanke einer öffentlichkeitswirksamen Hundertjahrfeier, die dann zu Ostern 2007 in die Tat umgesetzt wurde. Der ungeahnte Erfolg des Jubiläums hat die Initiatoren beflügelt. Der Geschäftsführer des traditionsreichen Bahnhofshotels resümierte, nun sei Aus wieder „auf der Landkarte zu finden und hat viel Aufmerksamkeit bekommen.“ So könne es weitergehen, meinte er abschließend.

Wolfgang Reith

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