27 März 2020 | Leserpost

Der Mythos ist dehnbar

Betrifft: „Milliardenfrage steht noch aus“ (AZ,19.3.20)

Sehr geehrter Herr Lessing!

Ich habe Verständnis für Ihr Interesse an der Arbeit des deutschsprachigen Gesprächskreises in Swakopmund. Ich teile auch Ihre Befürchtungen als deutschem Steuerzahler, und auch Ihre moralischen Bedenken wenn es darum geht, die Vorfahren der deutschsprachigen Namibier in einem bedenklichen Genoziddiskurs postum als „Kriegsverbrecher“ und „Mörder“ zu instrumentalisieren. Ich teile Ihre Befürchtungen deswegen, denn wenn sich die dt. Bundesregierung auf die Zahlung von „Reparationen“ an Hereros und Namas in Milliardenhöhe einlässt, deren Forderung durchaus auf unsicheren Beinen steht, kann einem der dt. Steuerzahler bereits prophylaktisch leid tun. Und wenn die Vorfahren der heute lebenden deutschsprachigen Namibier Kriegsverbrecher und Mörder gewesen sein sollen, wären Sie sicher schon damals mit der Justiz in Konflikt geraten, oder nicht?

Ich stimme in einem Punkt in Ihrer Sichtweise nicht überein, und zwar indem Sie die Genozidsache als „Genozidthese“ titulieren, und nicht als das, was sie wirklich ist. Es muss nämlich eher um einen Genozidmythos gesprochen werden, die Genozidfrage daher auch als solcher behandelt werden: aus mythischer bzw. aus mythologischer Sicht.

Es erklärt erstens, warum Historiker wie z.B. Herr Schneider-Waterberg mit Ihren - auf minutiös recherchierten und mit akademischer Redlichkeit erhobenen Fakten bestehender Sichtweise - sich nicht durchsetzen, da Sie mit Fakten gegen einen Mythos angehen. Das wäre das gleiche, wie wenn man mit historischen Fakten gegen das Rotkäppchenmärchen angehen würde. (Warum musste Rotkäppchen eigentlich der Großmutter Kuchen und Wein anschleppen? Warum lag diese überhaupt den ganzen Tag im Bett? Hatte sie nichts zu tun oder war einfach faul? Oder war sie Diabetikerin und hat heimlich genascht, aber darüber hinaus auch Alkoholikerin? Und erst der Jäger: Hatte er einen Jagdschein? (Vielleicht war er ja in Wirklichkeit ein Wilderer. War er überhaupt gemeldet?) Und einen Wolf totzuschießen und ihm den Bauch mit Steinen vollzustopfen war nicht nur grausam, sondern auch, da der Wolf von Aussterben bedroht ist, eine ökologisch bedenkliche Maßnahme). Und dann erst das Rotkäppchen: Bummeln, mit Herrn Wolf flirten, Blumen pflücken anstelle ihre Haushaltspflichten nachzukommen und sich um die Oma zu kümmern. Hm. Ich hab's ja immer gewusst...

Es erklärt auch,warum die Hereros bzw. Namas ihre Forderungen in Milliardenhöhe nicht auf dem gerichtlichen Wege durchsetzen können. Vor Gericht müssten sie eine lückenlose Faktenlage präsentieren, da sich ein Gerichtsurteil auf Fakten und nicht auf Mythen stützt. Das von Christian W. Zöllner veröffentlichte Arbeitspapier 106 des Lorenz-von-Stein Instuts der Uni Kiel ist diesbezüglich interessant. Die Hereros fordern dreierlei: Den Genozidmythos als Grundlage ihrer Forderungen als „tatsächlich verübten Genozid“ anzuerkennen, eine „Entschuldigung“ und natürlich eine Menge Geld an sogenannten „Reparationen“ aufgrund von restaurative justice (was immer das bedeuten mag). Doch das sind nur (auf einem Mythos begründete) Forderungen, nicht mehr, nicht weniger. Wer eine Schuldsumme vor Gericht einfordert, muss mindestens einen - von vor Zeugen unterschriebenen - Schuldschein vorlegen können, und nicht nur die dreiste Behauptung anbieten, dass ihm die Gegenpartei noch Geld schuldet, und daraus eine juristisch bindende und vom Gericht zu billigende Forderung herleiten.

Es erklärt ebenfalls, warum sich aus den verschiedensten Orten rhetorisch und medial so schrill um den Genozidmythos bemüht wird. Während sich eine historische Darstellung (z.B. eine Krankengeschichte oder die Fakten in einem Kriminalfall) durchaus knapp fassen lässt, denn es geht ja darum, das wirklich Geschehen zu beschreiben, lässt sich ein Mythos ins Endlose dehnen. Medial kann er dann in Zeitung, Fernsehen, Film, in Comics, in akademischen Abhandlungen usw. usf.) von allen Seiten dargestellt, bzw. politisch und ideologisch instrumentalisiert werden. Er lässt sich vor allem auch mächtig aufbauschen, wobei historische Fakten schön verschleiert, moralische Positionen hübsch übersehen und juristische Einwände kühl ignoriert werden können: Alle dem Mythos nicht dienlich. Daher auch die Bemühung der Kirchen, der Ideologen und als Akademiker getarnte Mythologen, an der Darstellung des Mythos ein bisschen mitzuwirken: Um das eigene Image ein wenig aufzupolieren, als moralisch „Guter“ bzw. „Gute“ darzustehen, und, da man/frau sich ja um eine „bessere Welt“ bemüht und - da einem ansonsten kaum Möglichkeiten der politischen Einflussnahme gegeben sind (erst recht keine Machtmittel) - wenigstens symbolisch ein wenig an einem Mythos mitstricken möchte. Auch Journalisten und solche, die sich dafür halten, finden hier ein reiches Betätigungsfeld, ebenso die Speerspitze der mythologischen Avantgarde: Der/die OberlehrerIn.

In diesem Sinne wird es auch interessant sein, die Aktivitäten des neuen „Sprachrohrs“ der deutschsprachigen Namibier zu verfolgen: Werden sie in einem religiös durchsäuertem, ideologisch verseuchten, mythogisch vernebeltem und medial überfrachtetem Umfeld über das moralische Stehvermögen verfügen, für die Integrität ihrer Vorfahren einzustehen? Werden sie überhaupt ihre eigene Integrität zu schützen und zu verteidigen wissen? Werden sie derartige Positionen glasklar jedem komminizieren können, auf den es wirklich ankommt? Haben diese überhaupt ein Interesse an derartigen Positionen? Werden sie sich irgendeinen Kuhhandel aufschwatzen lassen bzw. ihre Bereitwilligkeit, an einem solchen teilzuhaben, auch in die Tat umsetzen? Was wird der Sold sein, wofür sie dazu bereit wären? Werden sie darüber untereinander in Streit geraten? Wird ihnen Deutschland dabei Rückendeckung verleihen, oder sich vornehm von ihnen distanzieren? Fragen über Fragen. Fortsetzung folgt.

Dr. Andreas Vogt

Windhoek/Namibia

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