01 Oktober 2015 | Sport

Der Fußball-Lehrer

Von Florian Gontek, Swakopmund Elizabeth, 71, hat Kartoffelpuffer gemacht. Elizabeth, er nennt sie nur Betty, ist die Frau von Georg Engelbauer. Die Engelbauers sind gerne Gastgeber. So auch an diesem Freitagabend. Die Kartoffelpuffer sind eine Überraschung für ihre Gäste. Die schmecken nach Deutschland. Kartoffelpuffer in Namibia sind etwas Besonderes. Es ist so, als habe Engelbauer gewusst, dass es ein langer Abend an ihrem Küchentisch werden könnte. Schließlich geht es viel um Fußball, das Thema, mit dem Engelbauer Abende füllen kann. Er liebt dieses Spiel, die Faszination für den Ball und die 22 Leute, die darum streiten. Schon als kleiner Bub, geboren in der Pfalz, waren es die Roten Teufel, die ihn verzückten. Der Mythos Betze, die großen Spiele, die er in dem Stadion miterlebte, indem Fritz Walter zauberte - besonders gerne dann, wenn es regnete, stürmte oder schneite. An eines der vielen Spiele, die Engelbauer immer zu in der Westkurve verfolgte, erinnert er sich ganz besonders: „Das Wunder vom Betzenberg“. 1:4 lagen seine Roten Teufel damals, an diesem 20. Oktober 1973, zurück gegen die großen Bayern, die mit Müller, Maier und Beckenbauer im Lauterer Hexenkessel aufmarschierten - nach 57 Minuten. Am Ende stand es 7:4 für den FCK. „Unglaublich die Tore, die der Laumen damals geschossen hat“, schwärmt Engelbauer. Was ein Abend, was ein Spiel. Sein Spiel. Engelbauer kickte selbst für die Roten Teufel. Bis zur A-Jugend - dann brach sich der Offensivspieler mit 19 das Bein. Das Ende des Profi-Traums? „Das möchte ich nicht kommentieren“, sagt Engelbauer und schiebt ein Lächeln nach. Ein typischer Satz an diesem Abend. Engelbauer ist ein leidenschaftlicher Anekdoten-Erzähler. In der Zeitung lesen möchte er trotzdem nicht alles davon. Manches ist privat, anderes, so sagt er, wisse doch eh schon jeder. Dass dieser Mann zwei Leben hat, gehört vielleicht nicht dazu. „Eines in Deutschland, eines in Namibia“, sagt er. In Deutschland prägt neben dem Fußball auch die Zeit des am Boden liegenden Nachkriegsdeutschlands seine Jugend. Trotzdem ist er glücklich, mit dem was war. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder und seiner älteren Schwester unterstützt er damals seine Mutter. Vater fiel im Krieg. „Es ist leichter von unten nach oben zu kommen, als von oben nach unten“, sagt Engelbauer. Er kennt beide Richtungen. In Deutschland verlor er seine damalige Lebensgefährtin. Ein dunkles Kapitel, das ebenso ein Teil seines deutschen Lebens ist, wie die vielen schönen Zeiten, die er erlebte. Als Kaufmann in einem Kaffee-Rösterei-Betrieb verdiente er gutes Geld, fuhr dicke Dienstwagen. „Ich bekam einen Firmenwagen, einen BMW Touring, den ersten damals - so ein Auto gab es nur einmal in der Stadt.“ Da ist er. Der Lebemann, der Optimist. Er, der Dinge erleben und sich verwirklichen möchte. Da kam die Anzeige in der Zeitung gerade recht. Ein namibischer Supermarkt inserierte. Engelbauer, der mittlerweile nahe seiner Heimat in Bad Dürkheim Feinkost vertrieb, war interessiert. „Das klang gut und passte damals“, erinnert er sich. Er bekam eine Absage. 1983 war das. Also blieb Engelbauer in Deutschland. Ihm gefiel es dort. Für seinen FCK spielte er mittlerweile Hockey und auch für eine gute Partie Skat ist er, damals wie heute, immer zu haben. In Namibia hatte man ihn nicht vergessen. Die Supermarktkette fragte wieder an, dieses Mal sagte Engelbauer ab. 1987 dann, als ihn die Geschäftsführung des Marktes aus dem Schlaf klingelte, um ein weiteres Mal zu fragen, sagte er zu. „Das Flugticket war einen Tag später da“, lacht Engelbauer. Auf einmal war es vorbei, sein deutsches Leben. Vergangenheit. Nun lebt Engelbauer in Namibia. Er liebt es. Die Leute. Die Herzlichkeit. Die Natur. Acht Monate reiste er beruflich durchs Land. Bei der Supermarktkette hielt es ihn nicht lange. Nicht der Rede wert. Von den Reisen dagegen spricht er noch heute. Eine tolle Zeit. Einer von Engelbauers Träumen ist es, einmal von Alaska zum Kap Hoorn zu reisen. Nur der Fußball, der war irgendwie verloren gegangen. Gerade der. Engelbauer wollte wieder Trainer sein. Den Fußball erklären. Eltern hatten ihn angesprochen, Also betreute er die Mannschaft der Deutschen Höheren Privatschule (DHPS). Jahrgang 1980/81. Viele der Kicker begleitete er durch ihre ganze Schullaufbahn - bis zum Abitur. Und nahm sie dann mit: zum Sportklub Windhoek. Dort bot er ab 1999 eine Fußballschule an - fünfmal in der Woche. Engelbauer legt viel Wert darauf, dass der Ball am Fuß ist. Erst ab der U15 kommt die taktische Arbeit dazu. Fußball ohne klare taktische Marschroute, das ist für Engelbauer wie ein „Pfarrer ohne Kirche“. Wie Suppe ohne Salz. Das ist ihm auch heute noch wichtig. Müde ist er nicht. Nur weil er heute 74 Jahre alt wird? Kein Grund. Engelbauer ist drahtiger denn je, hat seine Ernährung umgestellt: mehr Gemüse, kaum Alkohol. Dem trinklastigen Knobelspiel im Clubhaus, den langen, verrauchten Nächten, entzieht sich Engelbauer. Das braucht er nicht mehr - hat er alles erlebt. Lieber lehrt er Fußballspielen. Heute beim Swakopmund FC (SFC). Seit 2008 lebt er gemeinsam mit Betty an der Küste. Das Angebot, die Jugendmannschaften des SFC zu trainieren, kam quasi mit dem Einzug ins neue Heim. U9 bis U17. Erfolg ist ihm wichtig, auch hier. „Wenn Du Sport machst, willst Du auch gewinnen“, sagt Engelbauer, während er über die Bilanz der diesjährigen Turniersaison spricht: ein erster Rang, neun Top-Drei-Platzierungen. „Nun ja, zufrieden kann ich damit nicht wirklich sein“. Ein Seufzer. Alles geht über Arbeit. Practice makes perfect. Engelbauer gibt das Beispiel seines Enkels Christopher, 12, der in Südafrika im Verein spielt. Damals kickte er in der U11. Beide trainierten gemeinsam auf dem Platz: Beidfüßigkeit und Jonglieren. Christopher hatte Probleme damit, das Leder auf dem Fuß tänzeln zu lassen. Nicht mit Opa. „Bald machst Du das 100-Mal“, wiederholt Engelbauer seine Worte. Acht Wochen später wollte der Ball nicht mehr aufhören, mit Christopher zu tanzen. Engelbauer lächelt. „Ich bin ein strenger Trainer“, sagt er über sich. Den aktuellen namibischen Nationalspieler Deon Hotto, 23, hatte er einst beim SFC trainiert. „Ein klasse Spieler“, sagt Engelbauer. Im Mai dieses Jahres sicherte Hotto Namibia mit zwei Toren im Finale gegen Mosambik den COSAFA Cup - die einzige Trophäe, die das Land im Fußball jemals holte. Die heutigen namibischen Premier-League-Profis Vialton van Staden und Marco Somseb gingen ebenfalls durch die Engelbauer-Schule. Erzählen kann Georg Engelbauer zu allen von ihnen etwas. Peter Hyballa, Lutz Pfannenstiel, Peter Überjahn - alles Namen, alles Themen, alles Anekdoten. Mittlerweile ist es spät geworden - Betty möchte schlafen gehen. Engelbauer hätte gerne noch eine Flasche Sekt aufgemacht, zur Feier des Tages. Der Korken bleibt doch drauf, denn morgen muss „George“ wieder früh raus. Es ist Fußball.

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