24 Dezember 2014 | Geschichte

Der 1. Weltkrieg und seine Kolonien 4/6

Im Jahr 2014 jährte sich der Beginn des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal. Das Thema fand weltweit Beachtung. Auch auf Afrika und das heutige Namibia hatten die Geschehnisse in Europa einen großen Einfluss. In einer sechsteiligen Serie im Dezember/Januar beleuchtet die AZ den Ersten Weltkrieg mit dem starken Fokus auf die deutsche Kolonien und ihre Entwicklung.

Spektakuläre Erfolge als Kaperschiff, dramatische Versenkung und abenteuerliche Flucht der Besatzung um die halbe Welt: Der kaiserliche Kreuzer „Emden“ macht zu Beginn des Ersten Weltkriegs international Schlagzeilen. Der Mythos hält bis heute an.
August bis Anfang November 1914: Gut drei Monate bringt das deutsche Kriegsschiff SMS „Emden“ in Fernost die Seemacht England durcheinander. Der kleine Kreuzer überfällt feindliche Häfen, kapert und versenkt gegnerische Handelsschiffe, verschont jedoch die zivilen Seeleute. Die übermächtige Royal Navy ist aufgeschreckt und jagt den Störenfried. Bei einem dramatischen Seegefecht zerschießt der australische Kreuzer „Sydney“ die „Emden“ schließlich am 9. November 1914 im Indischen Ozean, fast die Hälfte der Besatzung stirbt.


Nur wenige Monate später wird im März 1915 mit dem Kreuzer „Dresden“ auch das letzte deutsche Kriegsschiff des ehemaligen Ostasiengeschwaders vernichtet. Die Briten feiern die Wiederherstellung ihrer alten Vormachtstellung in Übersee, die Geschichte derKolonien des Kaiserreichs ist damit faktisch beendet. Was bis heute geblieben ist: der Mythos um die „Emden“ und ihre letzte Besatzung.


Das gefährlichste Kaperschiff des Kaisers wird 1914 durch das Aufbringen zahlreicher Schiffe beim Gegner bekannt, gefürchtet - und geachtet: Denn die „Emden“ -Crew schont Menschenleben und behandelt die Gefangenen gut. Britische und australische Zeitungen bezeichnen die deutschen Marinesoldaten sogar als „Gentlemen of War“.


Drei Filme haben den Mythos um die „Emden“ seitdem beleuchtet. Als Historiendrama „Die Männer der Emden“ (Regie: Berengar Pfahl) kommt jetzt am 18. April bei der ARD erstmals eine TV-Fassung auf die Fernsehschirme.


„Auf der „Emden“ gab es keine Kriegsbegeisterung“, erinnert sich der Oldenburger Björn von Mücke, Sohn des damaligen Ersten Offiziers, an Erzählungen seines Vaters. Kurz vor Ausbruch des Krieges hätten deutsche und britische Soldaten noch freundschaftlich gemeinsam Sport getrieben, nun standen sie sich als Feinde gegenüber: „Das war schwer zu verkraften.“


Doch das eigentliche Drama beginnt erst nach der Vernichtung des Schiffes durch den australischen Kreuzer und dem Tod der halben Besatzung: Ein Teil der deutschen Mannschaft, der zuvor eine Funkstation auf den Kokos-Inseln zerstört, entgeht dem Seegefecht an Land. Unter abenteuerlichen Umständen beginnt eine Odyssee um die halbe Welt. Sie wird geleitet vom Ersten Offizier, Kapitänleutnant Hellmuth von Mücke.


Auf einem maroden Segelschiff flüchten die Überlebenden zunächst nach Westen, wechseln später auf ein deutsches Handelsschiff über und versuchen dann auf dem Landweg, durch die arabischen Länder in die verbündete Türkei zu gelangen. Zu Fuß, mit Kamelen durch die Wüste und per Eisenbahn geht die Flucht, die mehrfach von tödlichen Überfällen gefährdet wird: Die Briten haben ein Kopfgeld von 5000 englischen Pfund in Gold ausgesetzt, um von Mücke und seine Mannschaft zu fassen. Doch die Seeleute kämpfen immer wieder verzweifelt und geschickt um ihr Leben. Im Mai 1915 erreichen sie schließlich das befreundete Konstantinopel (Istanbul), und im Juni werden sie zurück in Deutschland als Helden gefeiert.


Der kaisertreue Heimkehrer von Mücke wendet sich später enttäuscht vom Kaiser ab, als dieser bei Kriegsende ins Exil geht. Von Mücke wird Mitglied der NSDAP, verlässt die Partei aber bald, nachdem Adolf Hitler dort den Vorsitz übernimmt. Später fällt er bei den Nationalsozialisten in Ungnade und entgeht nach Angaben seines Sohnes sogar dem Konzentrationslager. Nach dem Zweiten Weltkrieg wandelt sich der einstige Kriegsheld zum Pazifisten und ist gegen eine deutsche Wiederbewaffnung. „Er sah die Fehler der Politik und ging angesichts der atomaren Bedrohung im Kalten Krieg auf Distanz zum Militär“, sagt sein Sohn.


„He's a real Emden“ gilt bis heute in einige Regionen Asiens als Synonym für clever, verschlagen und fair. Zur Erinnerung an die Odyssee treffen sich noch heute Nachfahren der Überlebenden, die den vererbbaren Namenszusatz „Emden“ tragen dürfen. Zum 100. Jahrestag des historischen Seegefechts planen Deutsche und Australier am 9. November sogar einen Gedenkgottesdienst.


Von Hans-Christian Wöste, dpa


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