18 Oktober 2018 | Meinung

Dass Ihr mir já den Süden lobt!

Die meisten Helden, Braven und Bravourösen, die zwischen Tsoaxhaobmund, Ovenduka und Ondangwa pendeln, ganz egal ob arbeits- oder urlaubsbedingt; schnuppe, ob auf passjona oder dienstlich – für allesamt hört Namibia irgendwie hinter dem letzten Kameldornbaum südlich von Rehoboth auf. Denn ab da, ungefähr am Wendekreis des Steinbocks, beginnt ja tote, endlose Landschaft, die Du möglichst schnell hinter Dich bringen musst.

Das is bei manchen auch historisch bedingt aus der Zeit, als Studenten und viel große Leut, Selbstverdiener, noch mit dem Zug nach Kapstadt oder Jo´hburg gefahren sind. Als die Teerstraße gleich ausserhalb von Ovenduka schon zu Ende war und als sich der Mensch zum Reisen einfach mehr Zeit nehmen musste, dafür aber gewiss war, dass der Zug ihn sicher, wenn auch häufig verspätet, ans erwünschte Ziel bringen würde.

Wer vom Süden her mit dem Zug den ersten schütteren Trockenwald mit Kameldorbäumen südlich von Rehoboth erreicht hatte, dem wurde´s wohl ums Herz. Jetzt kam das richtige Südwest mit Pflanzenwuchs, der sich mit kleinen Unterbrechungen bei Usakos und Kranzberg bis nach Tsumeb und Grootfontein nur ständig verbessern musste.

Umgekehrt, wer die letzten Kameldornbäume südlich von Rehoboth per Bahn hinter sich gelassen hatte, kam beim Anblick der öden Landschaft ins Stöhnen, weil von hier über Keetmanshoop – danach meistens mit langer Unterbrechung in Upington mit kurzem Abwechslungsblick in den riedgesäumten Oranje – über den Stunden dauernden Knotenpunkt De Aar bis zum Hexrivier im Kapland nur dürre, dorre, knochentrockene Landschaft zu sehen war.



Heiß und staubig

Auf den Bahnfahrten durch den nimmer-endenden Süden war´s entweder bleddy heiß und staubig. Die angeschnallte große Wasserflasche am Ende des Passagierganges im Schlafwagen war bald leergezapft. Oder, im Winter waren die Nächte durch den Süden wüst kalt, ungemütlich, und ´ne Ortschaft oder Station, wo´s beim Halt neben den Gleisen einen heissen Kaffee gab, waren einfach wüst rar. Auf den endlosen Strecken wurde dem Studenten schließlich noch das Skat-Kloppen leid, mit dem er anfangs die Route überbrücken wollte. Außerdem kam´s vor, dass der Zug oftmals lange auf offener Strecke hielt, aus keinem ersichtlichen Grund, was zu Ärger mit den Latrinen führte, die ja nur auf Fahrt zweckmäßig funktionierten.

Kein Wunder, dass der Mensch gegen den Süden voreingenommen blieb. Das änderte sich auch nich, als die Teerpad über Grünau nach Noordoewer bis ins Namaqualand hinein fertig war. Da konnte der Reisende in das Otjiauto umsteigen und den Süden noch schneller und kürzer als mit der Bahn hinter sich lassen. Das änderte aber nix an der Tatsache, dass die Autoreisenden immer noch die Öd- und Kahlstrecken zwischen den Rehobother Kameldornbäumen und den ersten Berieselungsfeldern am Olifantsrivier im Namaqualand bewältigen mussten, wie gesagt, mit kurzem Blick in den Oranje als Unterbrechung.

Inzwischen hat der Süden für die Muffel aus der Landesmitte und dem Norden seinen Charme und sein Ambiente wiedergewonnen. Oder der Süden wurde neu entdeckt mit seinen Perlen wie Lüderitzbucht, den Gästefarmen, dem Fischfluss-Canyon (für Jerries und deutsche Reiseführer, die kein Nam-Deutsch verstehen: Fish River Canyon).

Und jetzt haben auch zwei Magnaten unter den südafrikanischen Obstfarmern den Nam-Süden entdeckt, nich so sehr, um sich Gondwana-Perlen anzusehen, sondern in den Anbau von Tafeltrauben einzusteigen. Zuckersüß, sonnengereift und kernlos, dass Du kaum aufhören kannst zuzulangen, bis der Magen ob der frischen Menge rebelliert, obwohl der ansonsten ja gut mit gegärtem Traubensaft umgehen kann. Die Traubenbauern, die vom Kap einsteigen – was sagt die Ausländerphobie unserer Comräds dazu, weil es sich hier ja um Ausländerbeteiligung an der Bodennutzung handelt? – also die Grape Alliance (hat nix mit Demokratischer Turnhallenallianz zu tun) will auf 1100 Hektar bei Aussenkehr 700 000 Kartons Tafeltrauben verpacken. Die sollen sich die Europäer trefflich munden lassen. Lokale Arbeitskräfte können sich freuen, auch wenn se am Oranje bleddy-well schwitzen müssen und den Süden so wenig lieben wie Fahrgäste der Eisenbahn damals. Aber die Leut´, die am Oranje den Sommer aushalten, kommen schneller in den Himmel, weil ´se die höllische Hitze schon hinter sich ham. So behaupten´s die Menschen am Gariep selbst.

Dass Ihr uns já den Süden lobt, der hat´s in sich. Und der bringt mit etwas Zeit und Muße allerhand Selbsterkenntnis.

Gleiche Nachricht

 

Kultur dient als Vorwand

vor 19 stunden | Meinung & Kommentare

„Am 20. November 1989 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen die UN-Konvention über die Rechte des Kindes. Erstmals erhielten damit alle Kinder der Welt Rechte...

Galgenhumor fehl am Platz

vor 3 tagen - 03 Juli 2020 | Meinung & Kommentare

Wer das idyllische Küstenörtchen schon mal besucht hat, kennt ihn, den Galgen von Henties Bay. Prominent ragt der obskure Holzstamm am nördlichen Ende des Gewerbeviertels...

Namibia leidet an zwei Virussen

vor 4 tagen - 02 Juli 2020 | Meinung & Kommentare

Als der Fishrot-Skandal in den Medien für Schlagzeilen sorgte, zeigte sich kaum einer erstaunt. Endlich hatte mal ein Insider ausgepackt. Das war die einzige Art,...

Die Umstände in den USA

vor 4 tagen - 02 Juli 2020 | Meinung & Kommentare

Ich habe den interessanten Brief von Herrn Stefan Fischer gelesen, und möchte die Umstände hier bei uns in den USA erklären. Als ich vor einigen...

Kindesmisshandlung

vor 4 tagen - 02 Juli 2020 | Meinung & Kommentare

Was ist der Prügelnde bloß für ein Schwächling? Es ist sehr wünschenswert, wenn sich ein Erwachsener findet, der diese Schweinerei unkompliziert ahndet! Liebe Namibier, aus...

„Ich bin dann mal weg...“

vor 4 tagen - 02 Juli 2020 | Meinung & Kommentare

Meine 14-jährige Tätigkeit als Gestalterin der deutschsprachigen Seiten in der Namib Times fand ein jähes Ende, als – „dank“ der katastrophalen wirtschaftlichen Folgen des Umgangs...

Olympische Winterspiele in China

vor 4 tagen - 02 Juli 2020 | Meinung & Kommentare

China sollte man bei der Vergabe der Winterspiele überhaupt nicht beachten!! Chinas Regierung hat den Ausbruch des Corona-Virus der ganzen Welt verschwiegen. Die Ärzte die...

Lieber Erwin Leuschner, liebe AZ-Leser,

vor 4 tagen - 02 Juli 2020 | Meinung & Kommentare

zunächst herzliche Grüße aus Eisenach in Thüringen. Seit Ende März bekomme ich Frühs den täg­lichen, sehr informativen Newsletter der AZ, um mich so auf einen...

Ein gesunder Menschenverstand

1 woche her - 25 Juni 2020 | Meinung & Kommentare

Es war unerwartet und eine nette Überraschung. Trotz einer steigenden Anzahl COVID-19-Fälle in Walvis Bay hat Präsident Hage Geingob am Montag den ersten Schritt gemacht,...

Weiße Leben zählen auch

1 woche her - 25 Juni 2020 | Meinung & Kommentare

Sehr guter Kommentar zu „All Lives matter“ Dr. Dieter Widmann Kleinostheim bei Aschaffenburg, Deutschland