24 März 2016 | Kultur & Unterhaltung

Das Kontroverse, die Illusion und das Unerwartete

„Ich male die Nasen absichtlich schief, damit die Leute gezwungen sind, sie anzusehen“, sagte einst der Maler Pablo Picasso. Ein Spruch, der auch auf den namibischen Künstler Paavo Shooya passen könnte. Doch er erfüllt das Ziel nicht mit schiefen Nasen, sondern mit kontroversen Bildmotiven. Ein Rundgang mit dem Künstler.

Von Lucas Kesselhut, Windhoek

Im Restaurant „La Bonne Table“ merkt man im ersten Moment nichts von den kontroversen Bildern, die an den roten Wänden hängen. Die Leute genießen gemütlich die hausgemachte Limonade oder trinken zu ihrem Frühstück einen Kaffee. Erst als der 24-jährige Künstler Paavo Shooya der WAZon seine Kunstwerke näher erklärt, horchen alle gespannt auf. „Mit diesem Bild wollte ich zwei Themen ansprechen, die hier leider keinem leicht über die Lippen kommen“, sagt er und zeigt auf sein Bild mit dem Titel „We are both one“. Auf dem Bild sind zwei Männer zu sehen, die sich umarmen. Einer der Männer ist schwarz, der andere Albino. Ein Bild, das polarisiert, nachdenklich macht und tatsächlich zwei Themen anspricht, die zwischen Kontroverse und Tabu pendeln. „Ich habe Homosexualität und Albinismus verbunden, um damit trotz aller Meinungen Schönheit zu symbolisieren“, beschreibt Shooya.

Während er die Interpretation zum Bild erklärt, blüht er auf. Das Thema sei ihm wichtig, da die Models auf dem Bild seine engen Freunde seien und die Themen Homosexualität und Albinismus noch immer nicht die nötige Akzeptanz hätten, die sie verdienen würden. „Was gesellschaftlich akzeptierte Ästhetik angeht, soll nicht unterschieden werden, ob sich nun ein Mann und eine Frau umarmen oder eben zwei Männer“, führt er weiter aus.

Mit dieser Meinung ecke er aber auch oft an. Die Rückmeldungen auf das Bild seien sehr gemischt. So gebe es Betrachter, die den Anblick kaum ertragen und die es einfach nur „ekelhaft“ finden würden. Auf der anderen Seite gebe es aber mindestens genauso viele, die froh seien, dass Paavo Shooya dieses gesellschaftlich prekäre Thema anspricht. „Für mich zählen die Meinungen von Leuten mehr, die sagen, dass das Bild sie auf eine Art und Weise glücklich macht“, so 24-Jährige.

Mit vielen Meinungen wurde auch der Albino Jeomba Tove Kangotue konfrontiert. Ihn sehen die Betrachter auf dem Bild „We are both one“, wie er seinen schwarzen Freund Welem umarmt. „Früher war es sehr hart, als ich von anderen Kindern ausgestoßen wurde, weil sie nicht verstanden haben, warum ich anders aussehe“, sagt der 20-Jährige. Beim Schulsport habe ihn keiner wählen wollen, immer wieder musste er sich Beleidigungen anhören. „Aber ohne die Erfahrungen wäre ich nicht der selbstbewusste, intelligente und freimütige Mann, der ich heute bin“, sagt Kangotue nun stolz über sich. Er habe keine Probleme gehabt, bei dem Kunstprojekt seines Kumpels Paavo mitzumachen. Er sehe die Teilnahme als „Geschenk“, um auf Tabus aufmerksam zu machen.

Doch „We are both one“ ist nicht das einzige Bild, das unter den Betrachtern Diskussionen auslösen soll und wird. Einen Raum weiter hängt das Bild mit dem Namen „Black but black and white“. Auch hier ist Albino Jeomba Tove Kangotue zu sehen. „Es soll mir mal jemand erzählen, warum dieser Mensch nicht schön ist. Warum Menschen wie er wegen seiner weißen Hautfarbe in vielen Teilen Afrikas regelrecht gejagt werden“, sagt Paavo mit emotionaler Stimme. Der Künstler möchte durch seine Kunstwerke eine Verbindung zwischen den Models, dem Kunstwerk und den Betrachtern herstellen. „Deswegen bin ich Künstler geworden“, sagt er.

Im normalen Alltag habe er nicht die Möglichkeiten, sich als Künstler komplett frei auszuleben. Mit einem Geschäftspartner führt er eine Werbeagentur. Seine Aufgabe: tagtäglich Werbeanzeigen und Werbeplakate designen. Nebenher fotografiert er Paare, Hochzeiten oder Leute für Bewerbungsfotos. Da bleibe nicht viel Platz, um sich kreativ auszuleben, sagt er. Von seiner „Fine Art“, wie er seine Kunst beschreibt, könne er nämlich momentan noch nicht leben. Der 24-Jährige, der im Norden von Namibia geboren wurde und heute in Windhoek lebt und arbeitet, wollte eigentlich einmal Anwalt werden. „Aber ich wollte nicht in einer Welt gefangen sein, in die ich nicht reingehöre“, antwortet er auf die Frage, warum er denn seinen damaligen Traumberuf doch wieder so schnell aufgegeben hat. „Die Leute, die sich meine Kunst anschauen und sich Gedanken darüber machen, sind der beste Beweis, dass ich mit meinem jetzigen Traumberuf goldrichtig liege“, sagt er mit einem Lächeln auf den Lippen.

Während seine Kollegen eher klassische Gemälde ausstellen oder mit greifbarem Material arbeiten, ist Paavos Element das Digitale. Seine Kunstwerke entstehen nicht nur durch das Objektiv der Kamera, sondern durch digitale Bearbeitung am Computer. Er spielt mit Farben, mit Elementen, mit Formen und mixt Realität mit Illusion. Für viele ein No-Go. Denn es gibt genug Künstler, die die Bildmanipulation aufs Höchste verurteilen. Für Paavo unbegründet. „Wenn man Kunst macht, gibt es kein Handbuch, kein richtig oder falsch. Es geht darum, etwas mit dem Kunstwerk auszudrücken. Und das macht jeder Künstler so, wie er es am besten kann. Bei mir ist das eben die digitale Kunst“, erzählt er selbstbewusst.

Und so entstehen nicht unbedingt nur Bilder, die Kontroverses zeigen, sondern auch Werke, die durch ihre Illusion den Betrachter fesseln. Ein Beispiel ist das Bild mit dem Titel „I will“. Ein schwarzer Mann im Fokus des Bildes, der untere Teil des Körpers besteht aus dem Cape-Mountain, über seinem Kopf ziehen Vögel in die Weite. Ein Kunstwerk, das erst einmal Fragen aufwirft, aber immer verständlicher wird, je länger man es betrachtet. „Ich möchte, dass die Leute nicht nur einfach an den Bildern vorbeilaufen, sie sollen sich damit beschäftigen“, sagt er. Ein Konzept, das aufgeht. Immer mehr Menschen im Restaurant drehen sich um, betrachten die Bilder und bleiben mit den Blicken hängen. Noch bis zum 31. März stellt der Künstler unter dem Titel „Oracularity“ seine Bilder im „La Bonne Table“ beim Franco-Namibian Cultural Centre (FNCC) aus. Und das soll es nicht gewesen sein.

Im Juli wird er 25 Jahre alt und hat bis dahin noch viel geplant. Eine neue Ausstellung zum Beispiel, die er bereits jetzt schon vorbereitet und die in circa zwei Monaten eröffnet wird. Was sie zeigenwird? Das ist noch sein Geheimnis. Denn seine Kunst lebt von der Kontroverse, der Illusion und dem Unerwarteten. Und das soll auch so bleiben, sagt er stolz.

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