09 November 2018 | Soziales

Bärte können Leben retten

Seit mittlerweile 15 Jahren lassen sich Männer auf der ganzen Welt im November einen Schnurrbart wachsen, um auf Männergesundheit aufmerksam zu machen. Auch die Mitarbeiter eines Herrensalons in Windhoek machen mit. Ihre Dienste sind äußerst gefragt - beim „Movember“ zieren sich die Namibier allerdings noch.

Von Antonia Hilpert, Windhoek

Für gewöhnlich ist es nicht unbedingt ihr Stil – momentan aber tragen Oliver Reissner, Martin Fuhs und Malte Gessert Schnauzer. Die drei Herrenfriseure vom Windhoeker Herrensalon „Jaybird and Blade“ wollen mit gutem Beispiel vorangehen und machen beim sogenannten Movember mit. Dabei lassen sich Männer im November Schnurrbärte wachsen, um während des Monats Spenden zugunsten der Erforschung und Vorbeugung von Prostatakrebs und anderen Erkrankungen von Männern zu sammeln. Und mit Bärten kennt sich schließlich niemand besser aus als ein Barbier.

Vor drei Jahren hat Reissner seinen Barbershop eröffnet – er war der erste in Windhoek. Inzwischen gibt es noch andere, allerdings kann man sie an einer Hand abzählen. „Jaybird and Blade“ öffnete im November 2015 seine Tore - an einem Freitag, den 13. „Ich dachte mir, wenn es an dem Tag gut geht, dann auch an allen anderen“, erzählt Reissner lachend.

Und es ist gut gegangen: Er und seine Kollegen können sich vor Kunden kaum retten. „Wir sind bis Ende des Jahres fast vollständig ausgebucht“, sagt Reissner. Die meisten sind Stammkunden und kommen teilweise mehrmals im Monat. Darunter Geschäftsmänner, ältere Herren, die sich freuen, dass es wieder Herrensalons gibt, aber auch Schulkinder, die sich einen besonders „coolen“ Haarschnitt wünschen.

Männer wollen Männlichkeit zurück

Reissner ist davon überzeugt, dass Bärte wieder in sind: „Männer wollen ihre Männlichkeit zurück – aber eben in schön.“ Er möchte mit seinem Laden die Barbier-Kultur wieder zurückbringen. Dahinter verbirgt sich eine langjährige Tradition, bis Männer Ende der 70er Jahre damit begannen Unisex-Friseursalons zu besuchen. Damals waren nämlich sehr lange und gefärbte Haare in Mode und diese Pflege boten die traditionellen Männer-Friseursalons nicht an.

In dem Salon von Reissner bekommen Männer sowohl Haar als auch Bart geschnitten. Färben, Kopfmassagen und andere „Spa-Anwendungen“, wie Reissner sie nennt, gebe es bei ihm aber nicht – ganz traditionell eben. Die Haare werden auch nur auf Wunsch gewaschen, etwa wenn jemand direkt aus dem Fitnessstudio kommt. „Die Haare fallen aber natürlicher, wenn sie nicht frisch gewaschen sind. Und bei uns geht es in erster Linie um den perfekten Schnitt.“ Deshalb dauere ein Besuch bei ihm auch mal etwas länger.

„Namibia zu konservativ für Movember“

Die Movember-Bewegung ist hier in Namibia zwar recht bekannt, aber es machen nicht so viele mit, sagt Reissner. „Im Land wird da noch viel zu konservativ gedacht. Viele Geschäftsmänner mit Kundenkontakt trauen sich nicht, den Bart einen Monat lang wachsen zu lassen. Sie nehmen sich noch ein bisschen zu ernst“, findet Reissner. Die drei Barber hoffen, dass sich das in der Zukunft ändert. Im nächsten Jahr planen sie eine größere Aktion zum Ende des Movembers, wenn sich alle den Bart abrasieren.

Männer sterben zu jung

Seit 2003 gibt es die Stiftung Movember. Sie hat das Ziel die Gesundheit von Männern mehr ins Bewusstsein zu rücken, denn Männer sterben der Organisation zufolge durchschnittlich sechs Jahre früher als Frauen. Beispielsweise würden drei Viertel aller Suizide von Männern begannen. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass weltweit jedes Jahr 510000 Männer durch Selbstmord sterben – das ist einer pro Minute. Prostatakrebs ist laut Movember-Stiftung weltweit der zweithäufigste Krebs bei Männern und die Anzahl der Fälle soll sich bis 2030 schätzungsweise auf 1,7 Millionen erhöhen und damit fast verdoppeln. Auch die Anzahl von Neuerkrankungen an Hodenkrebs habe sich in den letzten 50 Jahren verdoppelt.

Schnurrbart als Statement

Die Stiftung investiert in Forschung über Prostata- und Hodenkrebs. In den letzten 15 Jahren wurden durch Movember weltweit mehr als 1200 Projekte zur Männergesundheit finanziert. Die Stiftung versteht sich aber auch als Vermittler und versucht Experten aus der ganzen Welt zusammenzubringen, damit sie gemeinsam Lösungen erarbeiten. Außerdem will die Movember-Stiftung Männer dazu bringen, sich selbst besser zu informieren und zu versorgen.

Auf die Idee kamen zwei Freunde, als sie sich im Jahr 2003 in Melbourne auf ein Bier trafen. Sie stellten fest, dass der Schnurrbart total aus der Mode gekommen war und starteten die Mission ihn wieder einzuführen. Als sie das Potenzial des Schnauzers erkannten, miteinander ins Gespräch zu kommen, entschieden sie sich, dies für einen guten Zweck zu nutzen und gründeten die Movember-Stiftung. Das Wortspiel „Movember“ kommt natürlich von Moustache (englisch für Schnurrbart) und November. Inzwischen hat sich Movember zu einer globalen Bewegung entwickelt. Über fünf Millionen Menschen haben sich laut Stiftung dieser Bewegung angeschlossen und lassen sich in diesem Monat den Bart wachsen.

Barbier, Psychologe und Barmann gleichzeitig

Auch im Barbershop von Reissner und seinem Team kommen unter den Männern hin und wieder ernste Themen zur Sprache. Beispielsweise wenn sie Schicksale und Probleme von Kunden mitbekommen, schließlich hat man beim Haare- und Bartschneiden genug Zeit für Tiefgründiges. „Wir sind für unsere Kunden oft nicht nur Frisör, sondern manchmal auch bester Freund, Psychologe, Alleinunterhalter oder Barmann“, erzählt Reissner. So wird im „Jaybird and Blade“ auch mal der eine oder andere Schnaps getrunken.

Dieses Gemeinschaftsgefühl gehört für Reissner zur Kultur von Herrensalons: „Es kam schon öfter vor, dass ein Kunde beispielsweise beim Hausbau Hilfe brauchte, und dann konnte ein anderer Kunde, der Handwerker ist, aushelfen. So unterstützen wir uns alle gegenseitig.“ Details will Reissner aber nicht verraten, er behandle die Geschichten seiner Kunden schließlich vertraulich.

Experimentelle Bartfrisuren

Manchmal geht es im Salon aber auch ziemlich ausgelassen zu und man hört aus der Königstraße lautes Lachen: Dann wird vielleicht gerade ein Vollbart abrasiert. „Wir nehmen das manchmal zum Anlass alle möglichen verrückten Bartformen auszuprobieren, bevor alle Haare wegrasiert werden. Das sieht teilweise zum Schreien aus“, amüsiert sich Reissner. Grundsätzlich wird zwischen dem klassischen und dem natürlichen Schnitt unterschieden. Letzterer macht Barbieren weniger Arbeit, da der Bart nur etwas gekürzt und angepasst wird, während der klassische Bart exakte Linien verlangt. Solche Schnitte tragen allerdings eher Models, so Reissner.

„Die Kunden haben großes Vertrauen“, erzählt der Frisör. „Viele kommen einfach und sagen ‚mach was draus. Ich sag dem Ingenieur ja auch nicht, wie er das Haus zu bauen hat.‘“ Reissner liebt seinen Job und stellt schmunzelnd fest: „Ich kann kreativ sein, mich den ganzen Tag mit Leuten unterhalten und Witze machen.“ Das Beste am Barbier-Beruf sei, zu sehen wie sich die Kunden über die neue Frisur oder neuen Bart freuen und mit zusätzlichem Selbstvertrauen aus dem Laden laufen.

Die drei Barber hoffen, dass dieses Selbstvertrauen die Namibier künftig auch zu einem Movember-Schnauzer ermutigt. Für diejenigen, die sich spontan noch entscheiden, den Bart wachsen zu lassen, haben sie ein paar Tipps parat: Der Bart sollte nicht zu häufig gewaschen werden, da sonst die empfindliche Gesichtshaut austrocknet. Es sei denn man benutzt eine weniger aggressive Bartseife statt des Shampoos. Beim Rasierwasser empfiehlt Reissner auf Produkte ohne Alkohol zurückzugreifen. Zudem kann die Gesichtsbehaarung zwei bis dreimal die Woche mit einem speziellen Bart-Öl eingerieben und so besonders gepflegt werden.

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