26 April 2019 | Geschichte

Briefe 1893 - 1904 (XXXIII Brief Teil 1/2)

Von Hans Warncke alias „Hans Waffenschmied“ aus Windhoek und Hamakari

Hans Warncke, Sohn von Pastor Wilhelm Warncke, wurde am 7. Januar 1871 in Neustrelitz geboren und starb am 14. Januar 1904 auf Hamakari. Er war der Großonkel von Dagmar Zumbrunn-Warncke, die zusammen mit ihren Geschwistern und Schwager das Buch „Briefe 1893 - 1904“ zusammenstellte und durch den Kuiseb-Verlag publizierte. Auf den kommenden Seiten von WAZon Geschichte(n) werden diese Briefe veröffentlicht.

Uitdrai, den 7. Oktober 1898

Lieber Paul!

Deinen damaligen Brief, in dem du mich auffordertest, nach drüben zu kommen, habe ich erst ziemlich spät erhalten, und es war auf jeden Fall für dieses Jahr zu spät, um deinen Plan zur Ausführung zu bringen. Ich denke aber nächstes Jahr zu kommen. Deine Gründe leuchten mir ein. Du schreibst, ich hätte vielleicht gewisse dir unbekannte Gründe, um nicht zu kommen. Dies ist indes nicht der Fall. Ich habe mich weder an ein eingeborenes Frauenzimmer gehängt, noch bin ich zu sehr verschuldet, noch habe ich mich hier irgendwie an einem Unternehmen beteiligt, was mich etwa festhalten dürfte. Allerdings scheint es mir, siehst du ein bißchen schwarz, wenn du schreibst, geistiges Interesse müsste hier im Lande getötet werden. Es ist richtig, daß man auf dem Wagen zuweilen ohne geistige Anregung ist. Indes kaufe ich mir immer gute Bücher unten im Mund, die, wenn ich ausgespannt habe, im Schatten des Wagens meine Lektüre bilden. Und kommt man auf einen Platz zu Menschen, was jetzt auf dem Transportweg überall in gewissen Entfernungen stattfindet, so ist das Gespräch, was sich dann im gesellschaftlichen Kreise entspinnt, immerhin anregend und berührt alle nur zu berührenden Ereignisse auf dem Gebiet der Politik, Vieh- und Ochsenwirtschaft, Gartenbau, Wasser und Straßenanlagen, Jagd, Naturgeschichte, Orlog [Krieg mit Eingeborenen], und alle möglichen Streitfragen in Betreff vieler Dinge werden erörtert.

Was also das nach Deutschlandgehen betrifft, so denke ich, muß ich aber vorher meine 2 Spann Ochsen verkaufen, obwohl ich dieselben lieber behalten würde. Aber es hat einen Haken, dieselben so lange an fremde Leute zu geben, denn man weiß nie, was passiert. Allerdings wird es vielleicht schwer fallen, bares Geld dafür zu kriegen, da die Zeiten zu schlecht sind. Aber vielleicht hat es sich bis dahin gebessert, wenn die Bahn nicht bis Windhoek geht, oder wenn, im Fall dies doch geschieht, Minen in Angriff genommen werden. Jedenfalls muß ich die Ochsen und Wagen billiger verkaufen, wenn ich Geld sofort verlange. Indes vielleicht kann ich wenigstens ein Spann für die Zeit, wo ich drüben bin, vermieten an einen zuverlässigen Menschen. Ich denke, ich werde, wenn ich noch 2 Züge gemacht habe, nächstes Jahr auch mal ins Handelsfeld gehen. Jedenfalls würde sich das sehr bezahlt machen, wenn man von Deutschland zurückkommt, Handelsgüter dort einzukaufen und mitzubringen.

Du hast gewiß von der nach der Rinderpest hier auftretenden Krankheit gehört, woran viele Menschen gestorben sind und wodurch noch andere in langes Siechtum verfallen sind. Allerdings sind in sanitärer Hinsicht die Verhältnisse so ungünstig, als man sich nur denken kann. Chinin war nicht da, anderweitige Medikamente überhaupt nicht zu kriegen. Es ist kaum glaublich. Ein Land schon über 10 Jahre unter deutscher Regierung und noch keine einzige erbärmliche Apotheke, kein Mensch, welcher die Berechtigung und Befugnisse hat, um Arzneien zu mischen und zu verkaufen. Die Leute hier an der Spitze sorgen als richtige deutsche Kleinigkeitskrämer nur dafür, daß ihre in großen Mengen herausgegebenen unnötigen, blödsinnigen Gesetze mit peinlicher Genauigkeit befolgt werden, daß ja nicht etwa ein Reiter Windhoek im Galopp durchreitet, daß ja nicht mal jemand der Transportfahrer einen Platz „unangemeldet” verläßt, daß jemand ja nicht mehr als 50 Patronen im Hause hat, daß ja nicht mal einer der „armen Schwarzen” von seinem Dienstherrn geschlagen wird, usw. Aber wofür sie richtig sorgen müssten, für guten Gesundheitszustand, Ärzte und Arzneien, darum kümmern sie sich absolut nicht. In Otjimbingue ist kein Arzt, da war zur Zeit der Krankheit nicht mal ein Lazarettgehilfe. Ich kann auch ein Liedchen singen von diesen Sachen, als ich damals mit meinem verletzten Auge nach Mund ging. Jetzt ist das Auge sehr schwach und ich sehe sehr schlecht, da Narben inwendig entstanden sind.

Um übrigens auf die Dienstboten-Verhältnisse zu kommen, so haben sich diese sehr verschlechtert. Früher waren die Buschleute und Bergkaffern ihrem Herrn ergeben, da sie wußten, Diebstahl, Weglaufen oder Bummlichkeit wurden auf frischer Tat bestraft. Jetzt hat es die Truppe und Regierung glücklich soweit gebracht, daß man kaum noch Leute bekommt, daß jeder mehr oder weniger nach kurzer Zeit fortläuft, nachdem er seinen Baas [Chef] gründlich vernökt [betrogen, hintergangen] oder bestohlen hat. Und wodurch kommt das? Weil Selbsthilfe den Eingeborenen gegenüber verboten ist. Man denke sich: Verweigert auf der Namib ein Kerl dem Baas [auf deutsch: Chef] den Gehorsam, darf ihm nichts getan werden. Man kann höchstens sagen: Lieber Junge, willst du nicht so gut sein und die Ochsen zum Wasser bringen usw. Man soll ihn also noch mitnehmen und in Zaobis auf der Polizei abgeben. Wer ersetzt einem aber den Mann, wer bezahlt den Schaden, den dieser gemacht hat? Die Regierung nicht. Jedenfalls bezahlt jeder halbwegs vernünftige Baas lieber eine Strafe und haut dafür den obstinaten Burschen so lange, bis er seine Pflicht tut. Die Eingeborenen hier im Lande sind übrigens eine elende Rasse. Ich habe zur Zeit der Krankheit 3 gehabt, die sehr krank waren, die ich mit Kost und Medizin wieder gesund machte. Und nachdem sie endlich wieder soweit waren, um wieder arbeiten zu können, liefen sie einfach ohne irgendeinen Grund fort. Und gerade die Hottentotten sind vielfach die größten Halunken.

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