09 August 2019 | Geschichte

Briefe 1893 - 1904 (XLIV Brief)

Von Hans Warncke alias „Hans Waffenschmied“ aus Windhoek und Hamakari

Hans Warncke, Sohn von Pastor Wilhelm Warncke, wurde am 7. Januar 1871 in Neustrelitz geboren und starb am 14. Januar 1904 auf Hamakari. Er war der Großonkel von Dagmar Zumbrunn-Warncke, die zusammen mit ihren Geschwistern und Schwager das Buch „Briefe 1893 - 1904“ zusammenstellte und durch den Kuiseb-Verlag publizierte. Auf den kommenden Seiten von WAZon Geschichte(n) werden diese Briefe veröffentlicht.

Osonjanga, den 16. April 1901

Liebe Eltern!

Eingedenk meines Versprechens, öfters zu schreiben, schicke ich jetzt wieder einen Boten nach Waterberg, wo jetzt eine Post ist, mit diesem Brief. Ich habe das letzte Mal, als ich einen Brief an euch nach Omaruru schickte, auch Tinte und Feder mitkommen lassen, um immer ordentlich schreiben zu können. Ich teile euch mit, daß ich nur auf Antwort warte von euch, um (sobald dieselbe günstig lautet in Betreff meiner Anfrage betreffs Sachen von Deutschland kommen lassen), sofort hier oben von den Hereros einen Platz kaufen werde. Ich habe verschiedene, sehr günstige im Auge. Dann, sobald ich Sachen und einigermaßen Kredit auf beliebige Zeit habe, kann ich Geschäfte ma­chen. Die Hereros kennen mich jetzt alle gut, und ich bin beliebt. Ich kenne die Hereros jetzt, ihre Gewohnheiten und Manieren und bin mit allem, was man im geschäftlichen Verkehr mit ihnen nötig hat, vertraut. So kann ich, wenn ich jetzt Sachen von Deutsch­land bekomme, mit Vertrauen in die Zukunft blicken. Und ich kann hier beim Handeln, wenn man unbeschränkten Kredit hat, in circa 3-4 Jahren ein Vermögen erwerben. Es ist aber nötig, daß man die Sache etwas großartig betreibt, den Grootleuten der Here­ros auch Kredit auf ein Jahr geben kann [Anmerkung: Die Grootleute, die „Oben”, waren gebildete Hereros, die zur Schule gegangen waren, gut lebten und Sachen verkauften und kauften]. Dann kaufen sie gut, bezahlen gute Preise und nach Ablauf dieser Frist holt man die Bezahlung ein und gibt neue Schulden aus. Und das Gute ist, die Leute sind sicher, denen man auf Schuld gibt. Man sieht sich eben seine Kunden an, denn natürlich gibt es auch hier, wie überall, Lumpen: Solche, die nichts im Vermögen haben und doch gerne kaufen möchten. Vor solchen hütet man sich. Und ich weiß jetzt schon im Hereroland Bescheid in allen Ortschaften und kenne alle Kapitaine und auch die meisten kleineren Viehbesitzer.

Ich habe jetzt den Rest, meiner voriges Jahr in Mund gekauften Sachen, bis auf einiges verkauft und werde bald Vieh und Ochsen runterbringen und meine Schulden bezah­len. Dann wird jedenfalls auch ein Brief in Omaruru liegen von euch, und dann kann ich danach meine Schritte einrichten. Denn dazu bin ich fest entschlossen. Läßt sich die Sache mit dem Schicken der Sachen nicht machen, dann gehe ich nach Transvaal. Hier bleibe ich nicht. Von der Regierung kann man keine Unterstützung erwarten, im Gegenteil!! Und an den Händen [in Abhängigkeit der ...] der hiesigen Stores weiterzu­arbeiten, sehe ich keine Chance.

Ich war jetzt oben am großen Omuramba in der Höhe von Grootfontein, wo die letzten Werften der Hereros sind. Ich habe auch 4 Eland-Hörner gekauft. Dieselben werden sehr gesucht, Stück für 25-30 Mark. Ich hakte von meinem Wagen das Vordergestell los und machte eine Karre davon. Dann fuhr ich mit derselben einige Trecks nach Osten ins Sandfeld hinein (Omaheke) nach einer Kalkpfanne, um Fleisch zu schießen. Mein einer Kaffer schoß 2 Hartebeeste und ich einen Kudu. So hatten wir Fleisch genug, und wir salzten und fleckten es alles [Anmerkung: Fleisch flecken, dabei werden die Innereien verarbeitet, die einen hohen Gehalt an wichtigen Mineralstoffen enthalten. Flecken wurden deshalb früher oft von der armen Landbevölkerung gegessen. Das Wort kommt aus Sachsen].

Es sind dort im Sandfeld dichte Büsche und keine Wege, weshalb mit dem Wagen schlecht vorwärts zu kommen ist. Jetzt beim Retour­weg hatte ich 2 Tage lang recht heftiges Fieber. Doch jetzt befinde ich mich, Gott sei Dank, wieder wohl. Oben am Omuramba war es auch schlecht, jeden Tag Regen und dann die Moskitos nachts! Auch im Wasser mußte ich oft gehen, wenn der Wagen mal im Durchschlag versank und ich Sachen abladen mußte, damit die Ochsen den Wagen herausziehen konnten. Auch Enten habe ich viel geschossen, wilde Gänse und Flamin­gos, die jetzt zur Regenzeit sehr viele am Omuramba sind. Ich habe noch ein Harte­beest angeschossen. Es hatte die Kugel in den Magen bekommen und lief fort. Erst am anderen Tag abends fanden wir es, als wir auf der Spur nachgingen. Doch hatten die Hyänen und Schakale schon reine Arbeit gemacht und wir konnten nur noch das Horn nehmen. Ein Hartebeest-Horn hat die Façon: (Zeichnung). Dem Kudu dagegen hatte ich einen guten Blattschuß gegeben und er lief noch 150 Meter, um dann tot zusam­menzubrechen. Es war ein großartiger Anblick, den riesigen Körper dieses seltenen Wildes tot daliegen zu sehen. Es war ein Bulle mit halblangen Hörnern. Aus seinem Fell habe ich Vorschlag machen lassen (Riemchen zur Peitschenschnur vorne, wo die Peit­sche den Ochsen trifft). Es ist schwer, einem Kudu beizukommen. Wir (ein Kaffer und ich) waren schon den ganzen Vormittag auf der Spur des Kudus geschlichen. Schlei­chen, das ist der richtige Ausdruck! Kein Wild kommt an Schärfe der Sinne dem Kudu gleich. Gesicht, Gehör, Geruch, alles ist gleich fein bei ihm ausgebildet, wogegen ein Hartebeest wieder schlechter hört. In Deutschland stellt man sich die Jagd auf solche Antilopen vielfach anders vor, als es in Wirklichkeit ist. Man denkt an große Flächen, wo die Tiere herdenweise laufen, und wo man zu Pferde hetzt wie in Deutschland bei der Parforce-Jagd [Französisch: Treibjagd mit Hunden auf Wildschweine oder heute noch auf Füchse in England]. Dies kommt allerdings in manchen Gegenden hier vor, doch selten, und es ist in meinen Augen keine Jagd, sondern eine erbärmliche Hetze. In allen bewohnten Gegenden hier ist das Wild schon so schlau und hält sich ängstlich verborgen in den dicken Büschen. Die schwerste Antilope ist der Eland, 1 000 - 1 200 Pfund Fleisch ausgeschlachtet, der Kudu 4 - 500, der Hartebeest 300 Pfund.

Was die Rinderpest anbelangt, so herrscht sie noch und wird auch nicht so schnell aus dem Lande gehen. Doch wird jetzt endlich geimpft. Sie geht auch kolossal langsam, aber sicher. Doch im Großen und Ganzen ist der Schaden im Lande nicht groß.

Wie ich höre, soll je ein Burentransport hier angesiedelt werden. In Transvaal werden die Buren doch wahrscheinlich wohl gewinnen. Ich kann mir denken, mit welchem In­teresse ihr dort alles verfolgt. Es wäre aber auch zu wünschen, daß England aus Süd­afrika heraus käme.

Es ist dies Jahr eine gute Regenzeit gewesen, wenn nur nicht die Krankheit unter den Menschen auch wieder kommt! Und die Hereros werden jedenfalls wieder krank wer­den, denn an den Plätzen, wo viel Vieh verreckt ist, haben sie wieder viel Fleisch von totem Vieh gegessen, und zwar wäre es noch nicht so schlimm, wenn sie das Fleisch immer tüchtig kochen würden, aber da essen sie dasselbe oft halbroh.

Aber jetzt weiß ich nichts mehr, was euch eventuell interessieren könnte. Also lebt wohl bis nächstes Mal. Grüßt Paul, Friedel, Gretchen, Else und ihren Mann (unbekannter­weise) von mir vielmals.

In alter Liebe

Euer Sohn Hans

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