07 Februar 2020 | Geschichte

Briefe 1893 - 1904 (60. Brief)

Von Hans Warncke alias „Hans Waffenschmied“ aus Windhoek und Hamakari

Hans Warncke, Sohn von Pastor Wilhelm Warncke, wurde am 7. Januar 1871 in Neustrelitz geboren und starb am 14. Januar 1904 auf Hamakari. Er war der Großonkel von Dagmar Zumbrunn-Warncke, die zusammen mit ihren Geschwistern und Schwager das Buch „Briefe 1893 - 1904“ zusammenstellte und durch den Kuiseb-Verlag publizierte. Auf den kommenden Seiten von WAZon Geschichte(n) werden diese Briefe veröffentlicht.

Hamakari, den 10. März 1903

Lieber Vater!

Ich werde voraussichtlich in etwa 5-6 Tagen nach Karibib herunterfahren. Ich wäre gerne zu Anfang März unten gewesen, aber es ging nicht, weil mein Kompagnon spät aus dem Handelsfeld zurückkehrte. Ich schicke diesmal bestimmt Geld. Habe deinen Brief vor circa 14 Tagen erhalten, in dem du von den Schuhen schreibst. Dieselben sind aber Ende Dezember sicher nicht mehr mit dem Schiff mitgegangen, denn in dem Falle müsste ich doch die Konnossemente [Französisch: connaissement = Frachtbrief] in Händen haben, was aber noch nicht der Fall ist. Die Mannsschuhe finde ich preiswert (in Karibib 10 Mark). Die Frauenschuhe dagegen teuer, da dieselben in Karibib nur 8 Mark kosten. Ich hoffe, daß jetzt die Preise einigermaßen gut sind unten, weil - wie man hört - viel Vieh ausgeführt wird. Und bisher kostet es ja noch keinen Ausfuhrzoll. Indessen, wenn Leutwein zurückkommt, - denke ich - wird der Zoll nicht mehr lange auf sich warten lassen. Estorf (von Estorff) ist damals nach Deutschland gereist wegen Differenzen mit dem Auswärtigen Amt in Deutschland. Estorf ist ein Mann, der hier in der Kolonie von Soldaten sowohl als auch von Ansiedlern geschätzt und verehrt wird. Er ist ein Mann, hat Charakter und setzt das Wohl der Kolonie oben an, was man von gewissen anderen Herrn nicht sagen kann, die sich nur von ihrem Strebertum leiten lassen.

Es hat bisher in diesem Jahr ganz gut geregnet. Ich werde diesmal Bauholz zum Dach des Hauses mitbringen und wenn ich von Karibib zurückkomme, mit dem Bau beginnen. Ich denke, die Steine zum Haus zu brennen. Wir ziehen augenblicklich noch Außenstände ein von den Hereros. Ich muß für 6000 Mark Vieh mit runter nehmen. Kleinvieh ist übrigens noch sehr schlecht im Preis. Meine Schweine sind groß und fett geworden und die beiden Säue sind tragend. Für Schweinefleisch wird in Karibib pro Pfund (ausgeschlachtet) 75 Pfennig bezahlt.

Du schreibst von Alisch, daß er dir mitgeteilt habe, ihm sei es so schlecht gegangen. Das ist in Bezug auf Geldgeschäfte nicht der Fall. Er hat die Hereros schwer bezahlen lassen, die Schulden bei ihm gehabt haben, hat zum Beispiel Kontrakte gemacht, sie müssen bis zu dem und dem Datum in Vieh bezahlen, nicht mit Geld und ihnen dann die Hälfte des wirklichen Wertes gerechnet, den das betreffende Stück Vieh gehabt hat. Dann hat er auf seinem Platz so kolossal knauserig gelebt, daß er so eine Art Hungertyphus gekriegt hat und die Polizei ihn in das Lazarett nach Windhoek hat schaffen lassen. Geld soll er viel gemacht haben.

Ich habe meinen Wagen (der von Anfang 1895) jetzt ordentlich in Schuß gebracht. Es sind seit 2 Jahren und 1 Jahr neue Räder dran und ein Bock mit Halbzelt drauf. Alle beiden Arme (der Zange) waren gebrochen und ich habe selber aus einheimischen Holz 2 neue gemacht, auch eine neue Remme [Afrikaans: rem = Bremsvorrichtung]. Schick doch zwei Buchsen zu der kleineren Achse passend. Die Buchsen, die du damals an Schröder geschickt hattest, gehörten zu dem zweiten Wagen und waren zu groß. Die Schmiede hier haben keine deutschen Buchsen und können keine Buchsen größer machen.

Vor ein paar Tagen war der alte Pasch (Paasch) hier. Dieser wohnt oben bei Grootfontein und farmt und hat Gartenbau. Er hat erst eine Farm von der Kompanie gehabt, die ihn aber weggejagt hat. Er ist ein wütender Gegner der Regierung und hat fortwährend Krach mit ihr, hat ein großes Beschwerde-Ding an Bebel geschickt. Er hat sich selber einen Wagen gemacht auf ganz besondere Art, verdient eigentlich ein Patent darauf. Hat den Wagen nur beim Schmied beschlagen lassen.

Ich habe mich erkundigt, daß Wecke & Voigts 3000 Ochsen nach dem Oranje liefern sollen, davon weiß kein Mensch etwas. Du schreibst, die Missionare redeten den Hereros zu, nicht auf Schuld zu kaufen. Das ist ganz richtig und es wäre uns Händlern auch recht genug, wenn die Kaffern beim Einkauf von Sachen gleich bezahlen würden, anstatt so lange auf Schuld zu nehmen; aber mit einmal wird sich das nicht abschaffen lassen. Drüben, der erste Store auf Waterberg, Michaelis (von Michaelis) & Heilbronner, hat alle seine Außenstände, da die Kaffern nicht bezahlen wollten, durch die Polizei jetzt eintreiben lassen. Wir bekommen unsere Schulden so ein, nur einigen wenigen haben wir einfach Kühe gepfändet, weil sie nicht bezahlen wollten.

Reinecke (Reinicke) drüben liegt schon ziemlich lange im Fieber. Das Chinin hat nicht geholfen und nun nimmt er ganz einfach keins mehr.

Ich habe jetzt 4 junge Ochsen gelernt, die vor Rinderpest gut geimpft sind. Alle 4 hatte ich gefangen, aber ein fünfter, welcher mein Treiber mit dem Riemen gefangen hatte, hat ge..., sich hingeworfen. Den will ich verkaufen. Ich habe gehört, große Ochsen sollen jetzt gut bezahlt werden. Ich habe jetzt einen kolossal großen, fetten Damara- Ochsen für 3 kleine Färs-Kälber umgetauscht.

Das neue Jagdgesetz weißt du, welches heraus gekommen ist, ist zum Teil aber auch rechter Blödsinn. So ist zum Beispiel verboten, „Springhahnvögel” [Afrikaans: sprinkaan = Heuschrecke] zu schießen (das ist so eine Art kleiner Habichte, welche die Heuschrecken fangen). Nun kommt es diesen Vögeln aber auch manchmal in den Sinn, um sich einen besseren Braten als Heuschrecken zu suchen, und sie nehmen einem die kleinen Hühnchen weg. Wie soll man sich da verhalten? Schießen soll man sie nicht, fangen lassen sie sich nicht, also muß man sie schon bei der Polizei verklagen! Ferner ist es den Herrn Eingeborenen gestattet, sich durch die Jagd ihren Lebensunterhalt zu beschaffen. Nur da ist die Grenze, wieviel Wild die Kaffern niederknallen können, sehr schwer festzustellen. Ferner wird bei großer Strafe verboten, einen weiblichen Strauß zu schießen. Zu dieser Strafe steht die Strafe, welche auf dem Wegnehmen von Straußeneiern steht, in gar keinem Verhältnis. Sie ist sehr klein. Und gerade darauf müsste eigentlich eine viel größere Strafe stehen, als wenn jemand einen Strauß schießt. Denn Tausende von Eiern werden jedes Jahr ausgenommen und dadurch wird die Vermehrung der Strauße sehr beeinträchtigt.

Es sind 40000 Mark voriges Jahr bewilligt für Entschädigungs-Zwecke an von der Rinderpest schwer getroffene Ansiedler. Ich kenne keinen, der was gekriegt hat. Diejenigen, die bei der Regierung in Windhoek gut zu schmusen verstehen, haben etwas gekriegt, aber wohin im Großen und Ganzen das viele Geld geflossen ist, das ist mir schleierhaft.

Pauls Brief habe ich erhalten, ich werde ihm auch nächstens wieder von meinen neueren Jagderlebnissen berichten.

Hoffentlich seid ihr, lieben Eltern, wohl, sowie die Geschwister und Bekannten alle.

Es grüßt vielmals in Liebe

Dein Sohn Hans

P.S. Es kneifen jetzt viele hier, die Schulden haben, aus nach Transvaal. Die Arbeitsnot ist auch sehr groß. Ich verstehe nicht, daß die Regierung noch immer Leute rüber läßt [von Deutschland kommen läßt], wo hier so wenig los ist und nichts zu tun gibt.

[Ludwig von Estorff war ab 1901 im Oberkommando von Deutsch-Südwestafrika und lehnte den Schießbefehl von General von Trothas ab.

August Bebel hat die Unterdrückung der Hereros auf das Schärfste kritisiert und ihren Aufstand als gerechten Befreiungskampf gewürdigt.

Färse nennt man ein weibliches Rind, das noch nicht gekalbt hat. Afrikaans: verskalf.]

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