31 Januar 2020 | Geschichte

Briefe 1893 - 1904 (59. Brief)

Von Hans Warncke alias „Hans Waffenschmied“ aus Windhoek und Hamakari

Hans Warncke, Sohn von Pastor Wilhelm Warncke, wurde am 7. Januar 1871 in Neustrelitz geboren und starb am 14. Januar 1904 auf Hamakari. Er war der Großonkel von Dagmar Zumbrunn-Warncke, die zusammen mit ihren Geschwistern und Schwager das Buch „Briefe 1893 - 1904“ zusammenstellte und durch den Kuiseb-Verlag publizierte. Auf den kommenden Seiten von WAZon Geschichte(n) werden diese Briefe veröffentlicht.

Hamakari, den 28. Januar 1903

Lieber Vater!

Vor etwa 10 Tagen habe ich dein Telegramm erhalten. Ich werde sehen, daß ich unten sein kann. Mein Kompagnon ist aber jetzt ins Handelsfeld und ich weiß nicht, wann er wieder kommt. Und auf ihn muß ich warten, da ich sonst nicht genügend Vieh mit runternehmen kann. Die Fleischpreise sind hier immer noch gesunken. Dazu will jetzt jeder Store, dem man schuldet, sein Geld haben. Es ist eine schlimme Zeit, aber ich werde sie überstehen. So Gott will, kommen wieder bessere Zeiten. Wenn Leinhos zurückkommt, werde ich sofort runterfahren. Waren werde ich diesmal nicht viel zu kaufen brauchen, da ich ein ziemliches Lager habe. Wenn die Regenzeit vorbei ist, baue ich das Haus fertig auf. Es hat schlecht geregnet bisher.

Weihnachten habe ich auf Waterberg verlebt bei Herrn Dewald (Debald). Wir haben auch einen Tannenbaum gemacht und ½ Kasten Bier hatte Herr Dewald bekommen. Die Hereros hier sind jetzt ziemlich im Druck, da alle Händler jetzt ihre Schulden mit Gewalt reinhaben wollen. Deshalb kaufen die Kaffern natürlich jetzt sehr wenig. Ich habe bisher noch nicht gedrückt, um mir den Handel nicht zu verderben, denn was hülfe es mir, wenn ich jetzt mit Gewalt alle meine Außenstände einkriegte und nachher keine Waren mehr absetzen könnte. Ich hörte auch davon, daß die Buren Kühe hier kaufen wollten. Indes hörte ich jetzt, daß sie sich lieber gute Kühe anders woher importieren lassen, als daß sie hier die teuren schlechten Damara-Kühe kaufen. Der Preis des Viehs jetzt (30 Mark pro 100 Pfund Schlachtgewicht) würde noch angehen, aber die Regierung, sowohl als auch die Stores [Großhändler/Ladenbesitzer], schätzen das Vieh zu schlecht. Eine Kuh zum Beispiel, die in Wirklichkeit 320 Pfund ausschlachtet ist, wird nur 225-250 Pfund abgeschätzt. Es ist der reine Betrug. Und man ist den Leuten ausgeliefert, denn irgendwo muß man sein Vieh doch verkaufen, und überall machen sie es so. Und eine Viehwaage ist nicht hier, da könntest du mal einen Artikel drüber schreiben, das wäre eine dankenswerte Aufgabe.

Weshalb hast du telegrafiert? Hättest du geschrieben, so hätte ich den Brief doch auch auf Ende Februar gehabt und eher kann ich doch nicht runterfahren. Ich fürchte nur, daß A. Dewet (Andries de Wet), gleich wenn er ins Land kommt, von ein paar Storen in Empfang genommen und beschlagnahmt werden wird in Bezug auf Viehkauf. Soeben ist die Expedition des Dr. Gerber von oben zurückgekommen. Dieser Herr ist ein ganz trauriger Mann, der oben ausgerückt ist und hat Wagen, Ochsen und Begleiter zurückgelassen. Diese kamen eben an, Dr. Gerber ist schon längst hier und hat überall große Räuberpistolen erzählt, wovon nichts wahr ist. Der Herr hat 8 große Kisten Selterwasser mit nach oben genommen, wo die Ochsen so mager waren. Daran kann man doch schon die Verrücktheit solches Menschen sehen. In der Wildnis am Okavango im tiefen, schweren Sand monatelang 8 Kisten Selterwasser im Buschfeld herumzufahren mit brandmageren Ochsen! Was hat so ein Affe Selterwasser nötig, kann der keinen Tee oder Kaffee trinken! Und dabei hat er so gut wie nichts geschossen, wo dort oben alles von Wild wimmelt.

Es ist jetzt ein neues Jagdgesetz aufgekommen. Jeder, der Großwild schießen will, muß 30 Mark bezahlen. Der Distriktschef Zörn (Zürn), der in Okahandja ist, hat sich überall sehr unbeliebt gemacht. Ich glaube, er kommt bald wieder weg. Die Kolonial- Zeitung habe ich bekommen, danke vielmals. Es steht aber nichts drin, lasse es lieber. Es ist ein trauriges Blatt.

Das Buch von Dr. Plehn habe ich bekommen. Indes finde ich, daß er über das Malaria-Fieber viel zu viel redet. Das hat zum Teil gar keinen Wert, was er schreibt und viel ist unrichtig. Er kann es ja mal versuchen, in die Tropen kommen und sich seinem System gemäß schützen und sich mit allen seinen Vorsichtsmaßregeln umgeben, er wird gerade so gut Malaria bekommen wie jeder andere auch, und wenn ihn auch kein einziger Moskito sticht und wenn er sich tot ißt an Chinin. Diese wilden Theoretiker richten gewöhnlich in der Praxis wenig aus. Ich sage, der beste Schutz gegen das Fieber ist ein großes Fieber in der Vergangenheit und eine vernünftige Wasserbehandlung, so zum Beispiel Ganzpackungen und Abwaschungen.

Das Buch von Frache, der das bekannte Buch von seinem Jagdzug mit Meger (Meyer?) und von Fürstenberg geschrieben hat, ist hier von der Regierung verboten, lachhaft! Er hat den Herren hier ein bißchen zu stark die Wahrheit gegeigt. Der Oberleutnant Klemm, der hier war, wird, denke ich, den Leuten in Deutschland auch die Wahrheit sagen über dies Land, was Leutwein doch nie gemacht hat, im Gegenteil. Dieser Klemm war ein sehr vernünftiger und allgemein beliebter Mann, der mit jedem verkehrte und überall die Wahrheit sprach und erforschte. Wenn du von dem was hörst, das kannst du ruhig glauben. Aber die Sorte Menschen, die die Wahrheit über dies Land sprechen, sind mit der Laterne zu suchen. Die meisten Leute, die Bücher über dies Land geschrieben haben, sind einfältige, einseitige Streber, die alles vom Standpunkt der Regierung ansehen und die Verhältnisse so schildern, wie sie denken, daß dieselben den Lesern in Deutschland am besten anstehen. Wenn dir zum Beispiel Leute, die hier gewesen sind, in Deutschland erzählen, sie hätten hier keinen Alkohol getrunken, so lügen dieselben. Ich kenne keinen! Gerade die großen Herren hier saufen alle. Oder gebrauchen Morphium. Was für ein Hartmann hat dir erzählt, er tränke in Fiebergegenden nie Alkohol? Meinst du Dr. Hartmann? Der säuft wie ein Loch. Dante, Bülow, ...,...,..., alle, die Bücher geschrieben haben, tranken gerne. Vor allem hat aber noch keiner die Wahrheit über die hiesigen Missionare geschrieben. Dies sind Leute, die das beherzigen sollten, was Christus über die Schriftgelehrten und Pharisäer sagt. So ein Missionar ist so schlecht, daß er am Heiligen Abend noch nicht mal einen Tannenbaum für seine Kinder macht. Diese Herrn schimpfen zwar über einen Weißen, der sich ein Kaffernweib hält, dulden in ihrer schwarzen Gemeinde aber die gröbsten Unsittlichkeiten (Kinder von 8-10 Jahren werden gebraucht), lassen ihre Gemeinde vor Syphilis verrecken, ohne was dagegen zu tun. Ferner treiben sie Han­del mit Liebesgaben, die von Deutschland kommen. Kann jemand vor solchen Leuten noch Achtung haben? Ich kenne dagegen hier mehrere katholische Missionare; das sind offene, ehrliche Leute, die die besten Absichten haben. Sie treiben auch keine solche Heuchelei wie die hiesigen protestantischen Missionare, sondern trinken gerne in Gesellschaft ein paar Glas Schnaps und Bier, anstatt „in der Stille ihres Kämmerleins” zu saufen, wie viele hiesige Missionare. Von den protestantischen Missionaren, die ich kenne, ist nur der alte Heidmann aus Rehoboth ein vernünftiger Mann.

Ich werde 1 000 Mark schicken, wenn ich nach Karibib komme. Hier habe ich erst 700 Mark bar liegen. Ich könnte ja alle meine Schulden bezahlen und alles bei dir auch, wenn ich alle Außenstände einziehen würde. Schreibe mir, was du darüber denkst. Aber dann wäre auch das beste Geschäft hier vorbei.

Paul hat mir noch nicht geschrieben. Hoffentlich sind Muttichen und die Geschwister alle wohl.

Grüße alle herzlich bis auf weiteres

von Deinem Hans

P.S. Die Aufnahmen von Waterberg, die Photograph Lange gemacht, sind noch nicht fertig. Wenn sie fertig sind, schicke ich sie. Ich wünsche nur, daß die Regenzeit vorbei wäre, damit ich fertig bauen könnte. Es ist schlecht jetzt mit den Moskitos, welche kolossal stechen, und der schwülen Hitze, während doch kein Regen kommt.

[Dr. Plehn war Tropenmediziner, 1903 beendete er seinen Tropendienst.

Missionar Friedrich Heidmann, geboren in Lübeck, hatte in Rehoboth eine Missions­schule.

Dr. Gerber war Forstassessor, überlebte den Herero-Aufstand.]

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