08 November 2019 | Geschichte

Briefe 1893 - 1904 (50. Brief, Teil 3/3)

Von Hans Warncke alias „Hans Waffenschmied“ aus Windhoek und Hamakari (50. Brief, Teil 3/3)

Hans Warncke, Sohn von Pastor Wilhelm Warncke, wurde am 7. Januar 1871 in Neustrelitz geboren und starb am 14. Januar 1904 auf Hamakari. Er war der Großonkel von Dagmar Zumbrunn-Warncke, die zusammen mit ihren Geschwistern und Schwager das Buch „Briefe 1893 - 1904“ zusammenstellte und durch den Kuiseb-Verlag publizierte. Auf den kommenden Seiten von WAZon Geschichte(n) werden diese Briefe veröffentlicht.

Am anderen Tag bekam ich endlich die Hartebeeste zu Gesicht. Das erste Mal sahen sie mich zu früh und machten sich dünne. Nachmittags ging ich wieder. Ich war auf der frischen Spur, und in den dichten Büschen sah ich plötzlich ein großes Rudel äsen. Nun schlich ich mich vorsichtig heran. Endlich war ich 120 Meter entfernt. Schon erhob der erste Bulle den Kopf mißtrauisch. Ich mußte schießen. Eine Kuh war mir am nächsten und da das Fleisch bei dieser wohlschmeckender ist, beschloß ich, auf sie zu feuern. Ich ließ mich hinter meinem Busch erst richtig zu Atem kommen, dann gab ich Feuer. Mit welcher Wonne ich das Schlagen der Kugel vernahm, kannst du dir denken. In wilder Flucht brach das Rudel durch die Büsche. Ich hatte wegen des Pulverdampfes nichts gesehen. Als ich jedoch näher kam, sah ich meine Beute, wild schlagend, auf der Erde liegend, vergebens sich abmühend, hoch zu kommen. Meine Kugel war bei den Rippen eingedrungen und bei der Brust am Vorderblatt wieder heraus. Ich schnitt dem Tier die Kehle ab. Dann band ich meinen Hund daran fest und ging zum Wagen. Mit einem großen Ast zog ich eine Spur, um mich zurückzufinden. Abends etwas vor Sonnenuntergang war ich mit 4 Leuten wieder bei dem Hartebeest und dieselben weideten es aus. Doch da brach auch schon ein fürchterliches Gewitter los, und ich ging schnell heimwärts. Kaum war ich 200 Meter gegangen, da brach das Gewitter los. Die Blitze zuckten unaufhörlich, die schmutzig farbigen Wolken in ein plötzliches blendendes, zuckendes Licht hüllend. Dazwischen krachten die Donnerschläge und die dicken Hagelkörner prasselten herab und dann ein strömender Regen. In der Zeit von etwa 5 Minuten ging ich im Wasser, konnte kaum 10 Schritte weit sehen. Doch glücklich erreichte ich den Weg und in noch fortwährend strömenden Regen den Wagen. Doch vor dem Wagen war ein kleines Rivier und als ich heran kam, sah ich es mit wilder Wut dahinrauschen. Vorher war es trocken gewesen. Es war etwa 20 Meter breit. Es war jetzt ganz dunkel und schlecht und gefährlich, hindurchzugehen. Doch es mußte gewagt sein. Drüben winkte mir trockene Kleidung und ein warmes Lager. Bis an den Leib ging ich ins Wasser, doch kam ich glücklich hindurch, mit Hilfe einiger Klippen, die noch in der Mitte aus dem Wasser hervorragten. Später kamen meine Kaffern mit dem Horn, Fell und dem Fleisch.

Vorgestern schoß ich einen Steinbock, vor etwa 6 Tagen 2 Springböcke. Erst einen kleinen, dann schoß ich auf 200 Meter einem großen Bock das eine Vorderblatt oben ab. Aber er lief ganz gefährlich und ich beschloß, erst zu dem Wagen zu gehen. Dort holte ich meine 2 Hunde. Der kleine, sonst immer mit mir, war fußkrank geworden, hätte den Bock aber auch nicht gefangen. Aber die 2 großen, die zur Bewachung des Viehs sind, fingen ihn, nachdem wir eine Zeitlang auf der Spur gegangen waren.

Kürzlich habe ich auch eine Nacht draußen kampieren müssen. Es ist das erste Mal, daß mir das passiert ist. Ich fuhr von Omatako aus quer durch, ohne Weg durch die Büsche, sehr weit von dem gewöhnlichen, großen Weg entfernt. Ich ging auf der Spur von Springböcken und kam weit von meiner Wagenspur ab. Endlich kehrte ich um und kam gerade mit Sonnunter auf die Wagenspur. Doch bald war es dunkel und im hohen Gras konnte ich die Spur nicht mehr sehen. Ich verlor sie. Ich sah, daß ich schon bis anderen Morgen warten mußte. Doch beschloß ich, nach Wasser zu suchen, da ich Durst hatte. Allein es war keins da, und ich kam auf diese Weise weit von der Spur ab. Kurz, endlich legte ich mich hin, doch war ich in Hemdsärmeln und hatte keine Streichhölzer. Ohne Schlaf, durstend und frierend verbrachte ich die Nacht. Endlich graute der Tag. Oh, mit welcher Wonne begrüßte ich das neue Licht. Als es hell war, suchte ich wieder die Wagenspur. Gerade bei Sonnenaufgang fand ich sie. Nach etwa 1 Stunde war ich beim Wagen. Doch wie mir da eine heiße Tasse Tee schmeckte, kann ich dir gar nicht sagen.

Neulich traf ich im hohen Gras unversehens auf die große schwarze Mamba, die gif­tigste Schlange hier, war kaum 3 Meter weg. Sie lag totenstill und vibrierte nur mit dem Kopf, den sie etwa einen Fuß hoch hielt. Ich zog mich natürlich langsam zurück, schoß auch nicht, da ich kein Schrot hatte. Ich habe immer das Gegengift von der kleinen Springschlange bei mir. Neulich hatte ich auf Hamakari einen kleinen Strauß, doch ist mir das Luder weggelaufen. Auch kleine Wildschweine habe ich neulich gesehen bei einem anderen Deutschen. Sie sehen possierlich aus. Das komische ist, daß bei den hiesigen Wildschweinen die Hauer aus dem Oberkiefer kommen, biegen aber nach oben um.

Nun lebe wohl, lieber Paul, hoffentlich geht es dir gut. Schreibe auch mal. Meine Adresse ist „Hamakari bei Waterberg, Hereroland”. Noch einmal herzlichen Gruß

in alter Liebe

Dein Bruder Hans

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