04 Dezember 2019 | Geschichte

Brennpunkt: Fluchtweg Omaheke

In der Konjunktur wiederholter Diskurse um den Kolonialkrieg 1904 - 1908 in Deutsch-Südwestafrika (DSWA), die je nach Lager auch unter dem Dogma des Genozids stehen, besteht der Ausgangspunkt hauptsächlich in der Proklamation, bzw. im Schießbefehl des Generals Lothar von Trotha. Der Diskurs mündet dann in Dispute und Legenden, wie viele Ovaherero gefallen oder „ durch Genozid vernichtet“ worden seien. Das Merkmal zahlreicher Schriften und Stellungnahmen von Historikern und Soziologen besteht darin, dass sie sich teilweise oder auch ganz vom Boden belegbarer Tatsachen gelöst haben und in der postfaktischen Sphäre (English: post truth) lediglich ihre so genannte moralische Kommandohöhe zu behaupten versuchen.

In dem vorliegenden Band mit der Tagebuch-Frage des Generals Lothar von Trotha „Wo sind die Herero geblieben?“ vom 19. September 1904 nach den Gefechten am Waterberg und während der erfolglosen Verfolgung der Herero in der Omaheke arbeitet der Autor Hans Hilpisch anhand zugänglicher Quellen die Verfassung der Truppen sowie der Rückzugsrouten der Ovaherero mit Frauen, Kindern und Großvieh auf. „Diese Arbeit soll schwerpunktmäßig über die Omaheke und die Verfolgungsoperationen der Schutztruppe in diesem Gebiet berichten“, so der Autor Hilpisch. Er behandelt und vergleicht historische, lückenhafte Landkarten der Omaheke, die den Verfolgungstrupps zu Verfügung standen, mit aktuellen Landkarten, woraus die Ungenauigkeit der Kriegskarten von 1904 deutlich hervorgeht. Ausgehend von den Erfahrungen der Schutztruppe aus Tagebuchaufzeichnungen und teils aus dem Generalstabsbericht sowie anderer Quellen beachtet er des Weiteren aktuelle Beiträge und Anregungen u. A. von Schneider-Waterberg, Christian Zöllner bis Jürgen Zimmerer und Joachim Zeller. Vor allem hat er die Beschaffenheit sowie Wasser- und Weideverhältnisse der Omaheke sowie den Lauf ihrer Omiramben (Plural von Omuramba, Hilpisch verwendet die Pluralform Omiramba) Eiseb, Epukiro, Otjosondjou, Rietfontein und anderen direkt aufgearbeitet.

Aber genau wie die Soldaten vor 115 Jahren durch Wassermangel und infolge großer Entfernungen bei der Verfolgung zur Umkehr gezwungen waren, stößt Hilpischs Schilderung verschiedener Fluchtrouten der Ovaherero nach Botswana (damals Britisch Betschuanaland) an die Grenzen des Unbekannten. Von den Herero bestehen außer sich wandelnder mündlicher Überlieferungen von der Flucht keine schriftlichen Zeugnisse, so dass auch in diesem Fall die Schilderung und Quellenangabe fast ausschließlich namibisch-deutschen, bzw. bundes- und DDR-deutschen Ursprungs sind. Einschlägige Geschichtsschreibung von der Herero- und Namaseite von lässt noch immer auf sich warten.

Der Autor zeigt einmal mehr auf, dass nicht nur der Ausbruch der Herero aus der lückenhaften Einkesselung am Waterberg, sondern auch die erfolglose Verfolgung sowie einzelne vergebliche Vorstöße keine militärische Entscheidung herbeigeführt haben, so dass der General sich genötigt sah, eine Proklamation (Schießbefehl) an die Herero und die - wie auch Hilpisch nachweist - illusorische „Absperrung der Omaheke“ nach Berlin zu melden, was Schneider-Waterberg „Theaterdonner“ nennt. Füsilladen, Massaker und Massenhinrichtung, was der Text des Schießbefehls suggerieren könnte, sind nirgends belegt, aber Fehlleinschätzung der Verhältnisse, und Unkenntnis der Weiten der Omaheke sowie Durst, Krankheit haben auf allen Seiten Opfer gefordert. Und historische Fehleinschätzungen gehen heute weiter. Hilpisch folgert: „… Der Gebrauch sowohl über- als untertriebener Zahlen zu Zwecken der Instrumentalisierung missachtet die Würde all derjenigen, die im Verlaufe das damaligen Krieges auf beiden Seiten ihr Leben verloren, schwer verwundet oder anderweitig geschädigt wurden.“

Hilpisch Beitrag verwirft ganz ohne Dogma den mittlerweile auch von anderen (wie Mathias Häusler) abgewiesenen Mythos übermächtiger deutscher Militärs und hilflos ausgelieferter Herero. Der Autor hat ein bedeutendes Zitat im Umschlag vorangestellt: „Wer nichts weiß, muss alles glauben.“ Marie von Ebner-Eschenbach.

Eberhard Hofmann

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