01 März 2017 | Afrika

Bevölkerungsexplosion fördert den Hunger in Afrika

Die schrecklichen Bilder wirken inzwischen fast vertraut - und haben deshalb auch einen Teil ihres Schreckens verloren. Etwa 20 Millionen Menschen, darunter viele Kinder, hungern zurzeit in ganz unterschiedlichen Regionen Afrikas - in den Ländern am Tschadsee, am Horn des Kontinents, aber auch in dem nur fünf Jahre nach seiner Unabhängigkeit von Stammeskriegen zerrissenen Südsudan, Afrikas jüngstem Staat.

Während seine Regierungen, aber auch die Afrikanische Union wie üblich schulterzuckend wegschauen, springt jenseits des Kontinents - ebenso erwartungsmäßig - der Motor der westlichen Hilfsindustrie an: Gerade erst hat eine Geberkonferenz in Norwegen den Ländern am Tschadsee fast 700 Millionen US-Dollar an Nothilfe versprochen. Westliche Politiker betonen derweil, stärker noch als bislang „stabilisierend wirken zu wollen“, damit dem islamistischen Terror im Westen Afrikas und an seinem Horn der Nährboden entzogen wird.

Phänomen verschwiegen

Doch die Verweise auf den Terror in Nigeria, den jahrelangen Machtkampf zweier bitter verfeindeter Volksgruppen im Südsudan oder die jüngste Dürre in Kenia und Äthiopien sind allenfalls die halbe Wahrheit. Ausgelöst wird der Hunger in allen Teilen des Kontinents nämlich vor allem von einem Phänomen, das im Westen nur allzu gerne verschwiegen oder nur am Rande erwähnt wird: Afrikas Bevölkerungsexplosion.

Allein in Kenia wächst die Zahl der Menschen im Schnitt um eine Million pro Jahr. In dem nun wieder einmal von einer Dürre geplagten Norden des Landes liegt die Fruchtbarkeit bei 6,5 Kindern je Frau, ohne dass die Regierung in Nairobi irgendetwas dagegen unternehmen würde. Drumherum ist der Zuwachs ähnlich hoch: Das einstige Hungerland Äthiopien ist mit 95 Millionen Menschen nach Nigeria mit seinen rund 180 Millionen das bevölkerungsreichste in Afrika. Dabei muss niemand ein Experte sein, um zu erkennen, dass das aride Gebirgsland eine solch aberwitzige Zahl an Menschen unmöglich auf Dauer ernähren kann - und die nächste Hungersnot hier wie anderswo quasi programmiert ist.

Besonders dramatisch ist die Lage im Niger, der neuerdings als Durchgangsland vieler Flüchtlinge von Europa besonders hofiert wird. Vor allem in den muslimischen Regionen haben die polygamen Männer im Schnitt sieben Kinder mit jeder ihrer vielen Frauen. Seit der Unabhängigkeit 1960 hat sich die Bevölkerung des knochentrockenen Sahellandes von 3,5 auf 20 Millionen Menschen fast versechsfacht! Während es in Asien und Lateinamerika gelungen ist, die Zahl der Kinder pro Frau auf zwei zu verringern, sind es in Niger 7,5. Gleichzeitig ist das Land Schusslicht im Entwicklungsindex der Vereinten Nationen (UN).

„Zu wenig kultursensibel“

Dennoch passiert fast nichts, um die unhaltbaren Zuwächse in Afrika zu stoppen - oder seine Landfläche produktiver als bislang zu nutzen, etwa durch eine Agrarreform, die Millionen von Kleinbauern eine gewisse Rechtssicherheit über ihre immer kleineren Parzellen geben würde. Im Gegenteil: Auf potenziell fruchtbaren Böden werden immer mehr Häuser gebaut. Auch reduziert ein von vielen Koranschulen gepredigter islamischer Bildungskodex Frauen auf die Rolle von Gebärmaschinen, wozu die Hilfsorganisationen aber lieber schweigen - vermutlich aus Angst, bei einem Anprangern der Missstände womöglich als rassistisch oder „zu wenig kultursensibel“ zu gelten. Die merkwürdige Allianz aus Kulturrelativisten, Vatikan, amerikanischen Evangelisten und Muslimen hat längst dazu geführt, dass die Familienplanung zu einem Tabu der Entwicklungspolitik geworden ist.

Dabei weisen selbst die Vereinten Nationen in ihrem jüngsten Bericht zur Bevölkerungsentwicklung erneut darauf hin, dass in Afrika die Zahl der Menschen weiter stark steigt und sich bis 2100 wohl vervierfachen wird: von heute 1,2 auf dann rund 4,6 Milliarden. Dabei können schon jetzt fast alle afrikanischen Länder ihre Menschen nicht mehr ernähren, weil die Nahrungsmittelproduktion hier oft auf einem Steinzeitniveau verharrt und mit den vielen Kindern auch die Äcker immer kleiner werden. 36 der 49 Länder in Subsahara-Afrika sind inzwischen Lebensmittelimporteure - Tendenz steigend.

Die Folge: Bereits kleinste klimatische Veränderungen reichen in einem solch extrem fragilen Umfeld aus, um zunächst gravierende Versorgungsengpässe wie jetzt zu schaffen, die sich dann wiederum schnell zu Hungersnöten auswachsen und in letzter Konsequenz in immer größeren Migrationsströmen münden - zunächst innerhalb Afrikas, aber mittelfristig natürlich auch und gerade in Richtung Mittelmeer und Europa.

Wolfgang Drechsler, Kapstadt

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