07 Juni 2012 | Land & Leute

Auf zwei Reifen durch Katutura

Mit dem Fahrrad durch Katutura? Mitten an einem heißen stickigen Tag im wenig fahrradfreundlichen Windhoek? Die Idee klingt zwar verlockend, doch ob die Umsetzung gut und spannend gelingen wird, das muss sich an diesem noch kühlen Morgen erst noch zeigen, als sich in Penduka eine kleine Gruppe skeptischer Fahrradfreunde trifft. Und wahrlich, als einfachen Ausflug nach Katutura lässt sich die vor uns liegende 5 Stunden Tour nicht beschreiben. Vielmehr ist es eine Erfahrung auf Rädern, die einem den Rhythmus, Alltag und Lebensgefühl im Herzen Windhoeks aufzeigt.

Katutours - manche nennen das kleine Ein-Frau-Unternehmen bereits scherzhaft Anna-Tours nach der Gründerin und Geschäftsführerin Anna Mafwila, die Anfang letzten Jahres diese im wahrsten Sinne des Wortes bewegende Idee hatte. Das Konzept ist einfach und auch nicht ganz neu, aber doch für Windhoek eine Premiere, wird die Stadt doch auch durch die vielen Taxis, die ohne Rücksicht auf jeden weiteren Verkehrsteilnehmer um die Ecken rauschen, gekennzeichnet. Weitere Argumente gegen eine Fahrrad-Tour durch Katutura lassen sich schnell aufzählen: zu heiß, zu viele streunende Hunde und zu hügelig, keine wirklichen Sehenswürdigkeiten, ja, und nicht zuletzt vielleicht auch ein zuviel an Kriminalität. Das ist es zumindest, was vielen Namibiabesuchern suggeriert wird. Anna jedoch will ein anderes Bild vermitteln. Das von namibischem Lebensgefühl und der Alltagsfreude der Bewohner, ohne deren Situation aber zu idealisieren und zu verschönern. Sie will dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und den Blick auf die Realität im größten Stadtteil Windhoeks zu lenken. Bereits der Beginn gestaltet sich einladend, motivierend und äußerst engagiert. Ganz weit draußen, am Gorengabdamm auf dem Gelände von Penduka, hat Anna ihre Basisstation. Aus gutem Grund. Zum einen schafft sie es so, mit Penduka als Partner an der Seite, Touristen für ihr Unternehmen aufmerksam zu machen und gleichzeitig können ihre Gäste an den Angeboten der Penduka-Frauen teilhaben. Ein kleines joint-venture sozusagen. Darüber hinaus liegt Penduka geografisch tiefer als viele andere Punkte in Katutura, was sich noch als besonders positiv für unsere Rückfahrt herausstellen wird.

Quietschgelbe Fahrräder kommen zum Vorschein, eines nach dem anderen schleppt sie Anna an. Dazu quietschige Warnwesten in derselben Farbe und spätestens jetzt wird jedem Teilnehmer klar - Unauffällig wird sich keiner von uns durch Katutura bewegen. Und das nicht nur, weil wir auf Rädern unterwegs sind. "Dass die Regeln klar sind: wir fahren alle links, in einer Reihe, ich vorne voraus, keine roten Ampeln überfahren und bitte mit Handzeichen abbiegen!" Anna ist der Boss. 8-9 km liegen vor uns, alles in allem etwa 3 ½ Stunden. Das müsste eigentlich locker zu schaffen sein. Wir werden unterwegs unterschiedliche Märkte, "berühmte" Straßen und das reale Leben ansteuern. Es ist keine historisch-angehauchte Tour, dazu sei sie nicht der richtige Typ und auch viel zu jung dafür, schließlich hat Anna die meiste Zeit ihres Lebens in einem unabhängigen freien Namibia verbracht. Vielmehr will sie unterhalten, Spaß und Lebensfreude vermitteln und Vorurteile abbauen. Und das gelingt ihr aufs Vorzüglichste. Ganz ohne soziale Diskussionen wird der Vormittag dann aber doch nicht bleiben, doch dazu später mehr. Denn schließlich muss der erste Hügel erklommen werden. Oben angekommen, sind wir froh, dass es gleich wieder bergab geht. Der erste Stopp folgt dann auch gleich und der vereint alle Gegensätze Katuturas in einem Bild: im Vordergrund die Wellblechhütte mit einem von der Stadt verschlossenen Außenwasserhahn und offensichtlich nicht ganz legaler Stromzufuhr. Im Hintergrund dazu die bunt bemalte Fassade eines kleinen Kindergartens, umringt von im Flussbett strahlenden Sonnenblumen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine der zahlreich zu findenden Sheebens, den kleinen und größeren Wohnzimmerkneipen, deren Geschichte bereits in den Zeiten vor der Unabhängigkeit als nicht ganz legaler Heimausschank für traditionell gebrautes Bieres beginnt.

Anna ist bereits nach den ersten Monaten auf ihrem Fahrrad bekannt wie ein bunter Hund. Bereits über 100 Gäste hat sie seit Juni durchs Township begleitet. Und so wird überall gegrüßt, vom Fahrrad ein nettes Schwätzlein gehalten und geschickt einem herannahenden Taxi ausgewichen. Ganz spielerisch lernen wir ein Brocken Oshivambo: Shilumbu - Weißer - werden wir überall vom Straßenrand begrüßt.
Mittlerweile haben wir die berühmt berüchtigte Eveline Street im Herzen Katuturas erreicht. Hier reiht sich Shebeen an Shebeen, die Musikboxen laufen bereits zu früher Stunde. Die Eveline Street gilt nach Einbruch der Dunkelheit als längste Theke Windhoeks aber auch als unsichere Gegend, die man am Abend lieber meidet: egal ob als in Katutura aufgewachsener Namibier oder als auswärtiger Besucher. Kriminalität und Gewalt sind hier an der Tagesordnung. Jetzt am späten Vormittag liegt ruhige Betriebsamkeit in der Luft. Vorhöfe werden gefegt, Schubkarren mit Baumaterial vorbei geschoben. Und dazu überall so weit das Auge reicht: Autowaschanlagen! Grellbunte Schilder in mehr oder weniger sinnigem Englisch versprechen hochglänzende Karossen, die in Reih und Glied am Straßenrand auf ihre Schönheitskur warten.
Ein paar Straßen weiter dann drei Frauen, die auf traditionelle Weise Mahango, eine Getreideart, die im Norden Namibias in Subsistenzlandwirtschaft angebaut wird, zu feinem Mehl stampfen. In Windhoek, der multikulturellen Metropole mutet diese Tätigkeit selbst in Katutura absurd an. Nicht nur die traditionelle Verarbeitung des Mahangos deutet auf die oftmals ländliche Herkunft vieler Bewohner Katuturas hin, auch die am Straßenrand stehenden Hühnervolieren, die ein leckeres Brathähnchen der lebendigen Art fürs Abendessen anpreisen und die Schubkarren voll mit Maiskolben, die zu jeder Tages- und Nachtzeit ihre Abnehmer finden.

Nächster Stopp - Shebeen - Wasservorräte auffüllen. Dann ab zum ersten Markt - der kleine Hunger ruft. Kapana und vetkoek wollen probiert werden. Entlang der Straße sind mobile Grillstellen aufgebaut, Rindfleischstreifen werden auf der heißen Glut frisch zubereitet. Dazu ein in Fett ausgebackenes Hefebrot und eine scharfe Chiligewürzmischung und fertig ist der namibische Take-Away. Gegessen wird dabei direkt vom Grill. Mit den Händen versteht sich. Alle langen beherzt zu und nach kurzer Skepsis wird festgestellt, wir wollen mehr davon. Und das kriegen wir auch. Denn der nächste Markt ist direkt um die Ecke: Soweto Market. Kleine Geschäfte reihen sich aneinander, in denen emsige Betriebsamkeit herrscht. Man bereitet sich auf die Mittagsessenskundschaft vor. Der Geruch nach Curry und frischem Brot liegt in der Luft. Über die alten Single Quarters, als Ein-Raum-Wohnungen für Kontraktarbeiter aus dem Norden in den 50er Jahre errichteten Einfachstunterkünfte geht es weiter zum nächsten Markt. Es ist der wohl berühmteste und betriebsamste, der Single-Quarter-Markt. Ein großer Bereich des überdachten Marktgeländes gehört hier der Fleischerei, die für den Nachschub an den mittlerweile gut gefüllten Kapanaständen sorgt. Kein Anblick für sensible Gemüter. Daneben gibt es Stände für traditionelle Lebensmittel und Speisen, fachgerecht für die Speisekammer der Großstädter getrocknet, Schuhmacher, Gemüsestände und Schneider. Wir trinken Oshikundu, ein erfrischendes Getränk, serviert im Liter-Messbecher. "Ovambos auf dem Land essen selten öfters als einmal täglich", erklärt Anna, "Oshikundu, das stärkende Getränk aus Getreide, Wasser und Zucker liefert uns die nötige Power für unser Tagwerk." Wir Fahrradfahrer brauchen allerdings zunächst eine ausgiebige Pause unterm Schattenbaum. Katutura hinterlässt Eindruck und somit versuchen wir hier unsere gerade gemachten Erfahrungen in Worte zu fassen. Es sind die Gegensätze, die uns ins Gespräch bringen und die Tatsache, dass wir innerhalb der letzten zwei Stunden Anteil am Leben der Mehrheit der Einwohner Windhoeks bekommen haben. Mit den Fahrrädern gelang es uns, direkter und näher dran zu sein, eben ganz anders als eine Stadtrundfahrt im vollklimatisierten Kleinbus. Mittlerweile ist es Mittag geworden. Die Schule ist aus. Das Leben wird hektischer und betriebsamer, die Straßen sind voller Taxis, die Schüler und Angestellte nach Hause bringen. Grundschüler der Goreangabdamm-Schule beginnen muntere Verfolgungsrennen. Ihr Zuhause befindet sich in den informellen Wohnsiedlungen am Rand Katuturas, nicht alle von ihnen tragen Schuhe an den Füßen. Wir biegen wieder ein auf die holprige Sandpiste, die zum Damm hinunter führt. Die Sonne brennt uns nun ziemlich gewaltig auf den Kopf und wir verstehen Annas Strategie, dass sie nur Vormittagstouren anbietet. Glücklicherweise gibt es in Penduka eine Bar mit einer guten Auswahl an kühlen Getränken. Genau das Richtige. Anna arrangiert noch schnell eine Führung und ein kleines Tänzchen der Frauentanzgruppe vor Ort. Herrlich, denken wir und strecken unsere Beine aus.

Pro Person berechnet Anna 350 N$ für einen halbtägigen Ausflug inklusive kleiner Probierhäppchen an den Markständen. Gruppen erhalten auf Anfrage Ermäßigung. Wer lieber durch das Windhoeker Geschäftsviertel fahren würde, bietet Anna ihre Touren auch dort an. Auf eigene Faust kann die Stadt mit Leihfahrrädern erkundet werden. Touren und Fahrräder können entweder per E-Mail bei [email protected] oder telefonisch unter 081-303 3856 gebucht werden. Weitere Informationen unter www.katuturatours.com.

Simone Schickner

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