24 August 2020 | Meinung & Kommentare

Wenn Theorie zu Tatsachen wird

Wenn Menschen nicht verstehen, warum etwas passiert, suchen sie nach einfachen Erklärungen und allgemeingültigen Wahrheiten. Wenn kein kausaler Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung besteht, wenn sich ein Ereignis und dessen Folgen nicht rational verknüpfen lassen, beginnt die Sehnsucht nach Sinngebung und der Kampf um die Deutungshoheit.

Das ist bei der Corona-Krise nicht anders. Am Stammtisch hört man dann, die Welt habe den Verstand verloren. Es ist von globaler Hysterie, von Überreaktion, kollektiver Paranoia und Panikmache die Rede. Es heißt Lockdowns, Reisebeschränkungen und Ausgangssperren seien Schwachsinn. Manch Mitbürger fühlt sich durch die Auflagen an Apartheidzeiten erinnert. Warum ist das so?

Wenn uns etwas Angst macht, ist der erste Reflex, es kleinzureden, zu beschönigen und zu bagatellisieren. Das sei alles nicht so schlimm, sagen die Leute dann. Es würden ja nur wenige Infizierte schwer betroffen, die meisten von ihnen seien alt und gebrechlich, oder würden unter Vorerkrankungen leiden. Das werde alles bald vorbei sein. Augen zu und durch, lautet die Devise dann.

Es ist wie das Pfeifen im Walde, das Raubtiere auf Distanz halten und Mut machen soll. Statt uns der Gefahr zu stellen, ignorieren, relativieren und verharmlosen wir sie. Wir verdrängen Erkenntnisse wie die, dass Namibia gemessen an seiner Bevölkerungszahl im kontinentalen Vergleich inzwischen die höchsten Infektionszahlen in ganz Afrika hat.

Corona ist nicht Privatsache. Es geht um unser Gemeinwohl. Weil die Fahrlässigkeit Einzelner der Ausbreitung des Virus Vorschub leistet und damit uns alle betrifft. Wer mit kruden Theorien den Eindruck erweckt, wir könnten einfach weitermachen wie immer, der irrt. Der infiziert andere mit seinem Leichtsinn und begibt sich rein juristisch auf das Terrain der versuchten Körperverletzung. Der animiert andere, ebenfalls die Augen zu verschließen und schadet damit nicht nur sich selbst, sondern uns allen.

Marc Springer