23 August 2019 | Kultur & Unterhaltung

Waldorfschüler auf Deutschlandtournée

Der Saal platzt aus allen Nähten, als Simone de Picciotto den ersten Ton anstimmt. Fünfundfünfzig namibische Teenager stehen vor ihr, und sie intonieren das Lied eines Briten. „Imagine there‘s no country / It isn‘t hard to do“, schallt es durch die Waldorfschule in Windhoek. Stell dir vor, es gäbe keine Länder, singt der Chor. Ganz einfach soll das sein.

Es sind Utopien wie diese, die beim Hit-the-Beat-Projekt der Waldorfschule in Windhoek formuliert werden. Drei Konzerte haben die Nachwuchsmusiker der Klassen zehn bis zwölf in der vergangenen Woche in Windhoek gegebenen. 26 von ihnen starten am Sonntag ihre Deutschlandtournée.

„Die jungen Menschen sollen lernen, mitzugestalten; einfach mal auszuprobieren, was möglich ist“, erläutert die Projekt- und Chorleiterin de Picciotto den pädagogischen Hintergrund. „Dabei sollen eigene Werte entdeckt und eigene Urteile gebildet werden. Es geht in diesem Konzept nicht darum, richtige Antworten zu servieren.“ Ganz im Sinne der Waldorftradition verschränkt sich dabei Akademisches mit praktischen und künstlerischen Zugängen.

In einem einwöchigen Workshop haben die Schülerinnen und Schüler die Stücke selbst erarbeitet und wurden dazu ermuntert, ihre täglichen Erfahrungen mit einfließen zu lassen. Rassistische Anfeindung, soziale Ausgrenzung und die Suche nach der eigenen Identität sind einige der Themen, die sich in ihren Werken spiegeln.

Herausgekommen ist ein Potpourri aus Chorgesang, Trommeln, Tanz, Poetry Slam, Solos und Improvisationen, deren Inhalte sich an dem Motto „Unity through cultural Diversity“, Einheit durch kulturelle Vielfalt, orientieren. „Zum einen ist unsere Botschaft, sich als man selbst zu begegnen und nicht primär als Angehöriger einer sozialen oder ethnischen Gruppe“ sagt de Picciotto. Zum anderen solle das Bewusstsein für sich selbst und seine Umwelt geschaffen werden.

In Deutschland werden die Schüler ihre Auftritte anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Waldorfschule zum Besten geben. In knapp vier Wochen wollen sie 14 Auftritte absolvieren – ein strammes Programm, das durch Komplikationen bei der hiesigen Fluglinie noch weiter komprimiert wurde. Ursprünglich hätte es schon am Dienstag losgehen sollen.

Die Tour führt die namibische Delegation unter anderem durch Göttingen, Marburg, Stuttgart, Heidelberg und Berlin, wo die Schüler in Gastfamilien unterkommen und in den dortigen Waldorschulen Auftritte geben. „Wir wollen nicht nur auf Tour gehen. Wir wollen, dass Begegnung stattfindet, dass die Schüler zusammenkommen und zusammenarbeiten. Auch die Waldorfschüler vor Ort werden in unsere Auftritte integriert“, erklärt de Picciotto, die das Projekt bereits 2006 betreut.

Sowohl in Stuttgart als auch in Berlin wird der Hit-the-Beat-Chor zudem bei größeren Jubiläumsfeiern auftreten, bei denen tausende Zuschauer erwartet werden. Die Karten sind bereits ausverkauft.

Von Jan Christoph Freybott