24 Februar 2021 | Geschichte

NUR 24 ZEILEN (41. Folge)

Eine wahre Geschichte über den Krieg, die Liebe und den langen Weg zurück nach Afrika

Was ist das Geheimnis einer großen Liebe? Wie übersteht sie Trennung und Entfernung? Was bedeutet Heimat und wo ist sie, wenn der Krieg eine Heimkehr unmöglich macht? Eine fesselnde Erzählung die einen neuen Blick auf die Geschichte der Deutschen in Afrika wirft und die zeigt, wie eng verflochten die Fäden sind, die die Kriegsgeneration noch immer mit der heutigen verbinden. Erika von Wietersheim erzählt die Geschichte ihrer Eltern Hildegard und Kurt Falk.

ZERSTÖRTE HOFFNUNGEN (Kapitel 14, Teil 1/4)

In den letzten Kriegsmonaten legt Kurt doch noch einen Garten an. Dieser Garten ist jedoch kein Ausdruck der Hoffnung – eher der Resignation oder, wie es seine Freunde nennen, des Pessimismus: Meine Kameraden nennen mich wegen des Anlegens dieses Gartens einen Schwarzseher, denn die Früchte der Gartenarbeit seien ja erst in einem Jahr zu erkennen.

Am 8. Mai 1945 endet der Krieg mit der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht. Über 50 Millionen Menschen sind in den vergangenen sechs Jahren weltweit getötet worden. In allen beteiligten Ländern herrscht Erleichterung, aber in Deutschland auch politische Ungewissheit und Angst vor einer in jeder Hinsicht unsicheren Zukunft. Zum zweiten Mal wurden die Deutschen in einem von Deutschland ausgehenden Weltkrieg besiegt, zum zweiten Mal ein demagogisch überhöhtes nationales Selbstbewusstsein zerschmettert und damit Ideale, Werte, Ideologien. Und das ganze Ausmaß der Verbrechen des Naziregimes wird vor der ganzen Welt offenbar. Millionen Flüchtlinge und Ausgebombte sind unterwegs auf der Suche nach einem neuen Heim

Das Jahr 1945 ist auch Hildegards letztes Jahr an der Universität, im Anschluss daran wird sie als voll qualifizierte Lehrerin zu arbeiten beginnen. Und eigentlich, so sollte man meinen, müsste nach dem langersehnten Ende des Kriegs die Hoffnung auf ein Wiedersehen zwischen den beiden Liebenden wieder wachsen – aber die Welt, besonders Deutschland, ist ein Trümmerhaufen. Eine baldige Entlassung aus dem Lager ist unwahrscheinlich, zunächst müssen Abkommen unterzeichnet und unzählige bürokratische und praktische Hürden überwunden werden, bevor Kriegsgefangene nach Deutschland rückgeführt werden können.

In Europa wird ein Waffenstillstand unterzeichnet, Deutschland als Kriegsverlierer hat die Forderungen und Beschlüsse der Alliierten zu erfüllen, Kurt wird davon gehört haben. In dem hoffnungslos zerstörten Deutschland nach dem Krieg kann er sich keine Zukunft mehr vorstellen. Allein vielleicht – aber kann er Hildegard ein Leben in Trümmern zumuten? Wie viele andere steht Kurt vor der Tabula rasa seines Lebens: Besitz hat er keinen mehr, das wenige, was er, einschließlich der Dokumente, auf seiner Flucht mitgenommen hat, ist mit der Arandora Star untergegangen, das Elternhaus in Leipzig wird nach dem Krieg beschlagnahmt, seine Heimatstadt steht unter sowjetischer Besatzung, von dem Besitz seiner Familie sieht er außer ein paar Briefen nie wieder etwas. Aber viel schlimmer: Er hat keine Familie mehr. Zwei Brüder sind im Krieg gefallen, im Jahr 1944 ist seine Mutter gestorben, im letzten Kriegsjahr verunglückt auch noch sein dritter Bruder Fritz tödlich bei einem Motorradunfall; Einzelheiten über die letzten Jahre dieses Bruders hat Kurt nie erfahren. Und auch Kurts Zukunftsträume sind geplatzt, seine Ideale und Werte, wie er vermutlich erst gegen Kriegsende genauer erfährt, verraten, verkauft und missbraucht worden.

Am Ende des Kriegs hat er nur noch zu einem Menschen eine lebendige Verbindung: zu Hildegard. Sie ist sein letzter Halt, sein letzter Lebensfaden. Doch auch im Jahr 1945 kommen monatelang keine Briefe im Lager an. Und so versiegt langsam auch diese Quelle der Kraft, der Hoffnung, des Lebensmuts. Ohne einen Brief zu erhalten, kann er irgendwann keinen Brief mehr schreiben. Er weiß nicht, wie es Hildegard geht, er weiß nicht, wann er aus dem Lager entlassen werden wird und unter welchen Bedingungen, und er weiß nicht, was ihn nach einer Rückführung in Deutschland erwartet, als Lehrer, als ehemaliger Kriegsgefangener. Was für ein Leben würde er Hildegard, wenn sie nach Deutschland käme, in diesem zerstörten Land bieten können? Die Hoffnung auf einen gemeinsamen Weg ist am Ende des Kriegs auf den Nullpunkt gesunken. Sechs Monate lang verstummt er nach seinem letzten Brief im Januar.

Im Juli erhält er wieder Post. Hildegard versucht, ihm weiterhin Mut zu machen: Ich denke so viel an Dich. Gerade las ich in einem Buch von zwei Menschen, die 12 Jahre aufeinander gewartet haben. Hoffentlich meint das Schicksal es besser mit uns.

Nach diesem Brief fängt er wieder an zu schreiben, so ehrlich wie möglich, ohne Beschönigung und falsche Versprechungen. Er werde nach Deutschland zurückkehren, vielleicht bald, vielleicht erst nach vielen Monaten, dort erwarte ihn ein kärgliches Leben in Armut und Ungewissheit. Ein schönes Deutschland gebe es nicht mehr, nur Städte in Trümmern und am Boden zerstörte Menschen. Ein gemeinsames Leben unter diesen Umständen sei für Hildegard unzumutbar. Weiter schreibt er:

Wir können noch viele lange Jahre getrennt bleiben, und selbst wenn dann eine Möglichkeit der Begegnung gegeben wäre, dann werden die Gegebenheiten für Dich und mich so adenkbar ungünstig und unsicher sein, daß selbst die letzte Stütze menschlicher Planung zerfällt, die uns die letzten Jahre aufrecht gehalten hat: die Hoffnung. Es wäre töricht, von der Zukunft irgendetwas zu erwarten. So bitte ich Dich, mich zu verstehen, daß ich in dem letzten halben Jahr keinen Brief an Dich schreiben konnte, da mir alles so völlig unsinnig vorkam. Du müßtest die Geborgenheit Deines jetzigen Lebens, an dem Du mich durch Deine vielen Briefe teilnehmen ließest, mit einem unsicheren und kärglichen Leben zusammen mit mir vertauschen, und wir wissen beide nicht, ob wir überhaupt zusammenleben können, denn die Bewährung unserer Liebe haben wir bisher nur in einer langen und fernen Trennung erfahren.

Und doch sind diese letzten sechs Jahre für uns Wirklichkeit gewesen, Du hast mich beschenkt und begleitet durch Dein Dasein, ja Du bist mir nahe bis zu diesem Augenblick. Ich liebe Dich, und doch kommt mir gerade in meiner großen Liebe zu Dir immer wieder der Gedanke auf, Dich vor dem bewahren zu wollen, was uns, Dich und mich, in der Zukunft erwarten wird. Diese Zeit wird ganz und gar anders aussehen als die, in der Du jetzt lebst...

Dein Entschluß, mit nach Deutschland zu kommen, liegt allein bei Dir, da ich nicht fordern kann und will. Mir kommt es nur darauf an, unsere Lage mit aller Härte und Deutlichkeit zu kennzeichnen und darauf hinzuweisen, wie wenig ich Dir auf dieser Welt zu bieten haben werde.

Im September 1945 hat Hildegard diesen Brief noch nicht erhalten und macht sich große Sorgen. Sie weiß nicht, wo Kurt sich inzwischen befindet – ist er schon in Deutschland, ist er noch interniert?