24 Mrz 2016 | Leserpost

Naturschutz ist vorgeschobenes Motiv

Betr.: Leserbrief „Jagd: Tradition statt schneller Profit gewünscht“ von Dr. Matthias Rose (AZ, 4. März 2016)

Sehr geehrter Herr Rose, Ihre Jagdleidenschaft in Ehren. Ich teile sie nicht. Es ist doch so, dass, bevor der Mensch die Fauna und Flora nach seinem Bedarf zu ordnen begann, ein natürliches Gleichgewicht herrschte. Erst dadurch, dass der Mensch begann, den Tieren Lebensraum wegzunehmen, einerseits um sich selbst auszubreiten, andererseits aus wirtschaftlichen Interessen (Anbau von Pflanzen etc.), begann das Ungleichgewicht.

Durch den Menschen wurde und wird der angestammte Lebensraum der Tiere immer mehr vermindert. Früher war es z.B. mit dem Wolf in Deutschland kein Problem, bis der Mensch sich auszubreiten begann. Vor 100 Jahren war er ausgerottet. Jetzt wird er langsam wieder angesiedelt, aber sobald er - auf Futtersuche - in die Nähe von Menschen kommt (was ja nicht verwundert, da der Mensch fast überall ist), geht die Diskussion über Wolf oder nicht Wolf wieder los. Und die hehren Waidmänner sind natürlich dafür, dass der Wolf wieder bejagt - und optimalerweise ausgerottet - werden muss. So kann man das aber nicht angehen, wir brauchen, eben wegen Naturschutz, ein friedliches Zusammenleben zwischen Mensch und Tier. Ständig heißt es, dass die und die Tierart sich vermehrt habe und daher bejagt werden müsse. Eigentlich ist es ja der Mensch, der sich zu stark vermehrt hat, weswegen (welch Wunder) immer mehr Tiere in seinen Lebensraum eindringen.

Ihrer Behauptung, die Jagd und der Naturschutz seien zwei Seiten derselben Medaille, stimme ich nicht zu. Wenn sich z.B. in Deutschland ein Förster beschwert, dass die Bäume von Hirschen angefressen werden und daher die Hirsche zu bejagen seien, dann hat das nichts mit Naturschutz zu tun, sondern mit knallharten wirtschaftlichen Interessen. Die Bäume stellen einen nachwachsenden Rohstoff dar, der ja für gutes Geld verkauft werden soll. Ansonsten müssten die Hasen ja bejagt werden, weil sie Blumen und Gras fressen. Aus diesem Grunde geschieht das nicht, weil eben die Wiesenpflanzen keinen großen menschlichen Nutzwert haben. Es ist also nicht der Naturschutz, weswegen die Jäger ihrer Leidenschaft nachgehen. Das halte ich schlicht für ein vorgeschobenes Motiv. Jeder will sich ja das schönreden, was er tut, und ihm einen Sinn verpassen.

In Namibia wird mit der Trophäenjagd Geld verdient. Nach festgelegten Quoten können Tiere „genutzt“ werden, gut zahlende ausländische Touristen spülen Geld in die namibische Kasse. Wenn das dann dem Kampf gegen die Wilderei zugute kommt, ist es eigentlich ein akzeptables System. Hiergegen habe sogar ich nichts, auch wenn es aus meiner Sicht natürlich besser wäre, wenn keine Tiere gejagt werden müssten. Hierbei sollten Sie jedoch bedenken, dass die von Ihnen so gescholtenen Neuzüchtungen teilweise mehr Geld in die Kasse spülen als „herkömmliche“ Tiere. Darauf kommt es doch an, das ist das System. Und der Jäger hat genauso seinen Spaß. Anpirschen und so weiter, immerhin ist das ein richtiges lebendes Tier, das flieht, und Ihre Flinte ist genauso eingeschossen, und die Neuzüchtung bricht nach dem Schuss genauso getroffen zusammen wie ein herkömmliches Tier. Dann ist doch alles, wie es sein soll. Wenn Sie jetzt genau solche Neuzüchtungen mit Verweis eben auf Naturschutz kategorisch ablehnen, dann hat das schon einen Beigeschmack. Denn aus Naturschutzgründen wäre das ja „gut“, die Neuzüchtung gehört nicht in die Natur, wird also beseitigt. An diesem Punkt widersprechen Sie sich also selbst. Sind Ihnen als Jäger solche Neuzüchtungen (das sind richtige Tiere mit allem Drum und Dran) etwa nicht kultig genug, wollen Sie also nur reinrassige Tiere töten, nur auf Jagd gehen wie zu Neandertalers Zeiten? Oder wollen Sie die teilweise höhere Abschussgebühr für Neuzüchtungen nicht zahlen?

Mit Verlaub, diese Argumentation hat mit Naturschutz nichts mehr zu tun, es geht wirklich nur ums Töten. Man kann ja fast zusehen, wie die Jäger sich mühen, ihren vorgeschobenen Naturschutz-Grund immer weiter auszudefinieren und sich immer neuere Aspekte hierzu aus den Fingern zu saugen.

Thomas Meixner, Bonn