28 Juni 2021 | Landwirtschaft

Lotterie und Leidenschaft - Namibias Pferdezucht ist ein Geheimtipp

Für Pferdeliebhaber: Eine Farm will ein namibisches Westernpferd züchten

Auf Gross-Okandjou werden Träume eines Westernreiters war, und auch der namibische Nationalstolz wird gleich mit aufpoliert: Die Farmerfamilie Vogel hat eine Pferdezucht aufgebaut, die ein ehrgeiziges Ziel hat: die Züchtung eines namibischen Westernpferdes.

Von Katharina Moser, Windhoek

Wer an Westernpferde denkt, dem taucht zumeist ein Bild vor dem inneren Auge auf: Cowboys, Prärie, der Wilde Westen, und das natürlich in den Vereinigten Staaten von Amerika. Die USA und die Westernpferdezucht sind für die meisten Menschen so eng miteinander verwoben wie Croissants mit Frankreich. Doch dies will eine Farmerfamilie im Namibia seit einigen Jahren ändern: Auf der Farm Gross-Okandjou nordwestlich von Omaruru züchtet die Familie Vogel seit vielen Jahren Pferde, und das mit einem Ziel: einem namibischen Westernpferd.

„Die Zucht war schon immer eine Herzenssache meines Vaters“, sagt Alina Vogel, die Tochter des Gründers der Zucht, und ist noch ganz außer Atem, weil sie gerade von den weit draußen gelegenen Pferdekoppeln zurückkommt. „Wir als Familie sind Westernreiter und lieben Quarterhorses, die typisch amerikanischen Westernpferde.“ Als Familie Vogel damals die Farm in Namibia erwarb, auf der zu dem Zeitpunkt noch kein Pferd zu finden war, überlegte sie, Quarterhorses zu importieren, da es in Namibia nur sehr wenige Blutlinien in der Pferdezucht gibt. Das erwies sich jedoch nicht nur als teuer, sondern auch als äußerst risikoreich für die Pferde. „Aber dann fiel uns auf, dass uns die namibischen Farmpferde, die hier zu finden sind, vom Charakter her genauso überzeugen“, so Vogel. Daraus entsprang dann der Gedanke, die bestehenden Anlagen weiterzuformen. „Wir lieben die Philosophie des Westernreitens, und unser Ziel war, hier das passende Pferd dazu zu entwickeln.“ Die Zucht, die die Vogels betreiben, beruht viel auch auf Glück und Ausprobieren, wie Alina Vogel erklärt. „Mit dem Charakter der namibischen Farmpferde waren wir von Anfang an sehr zufrieden. Sie sind sehr entspannt, robust, ausdauernd und arbeitswillig.“ Die Pferde hier sind zumeist bereits Mischrassen aus Warmblütern, südafrikanischen Rassen und Arabern, die in Namibia vor etwa 100 bis 150 Jahren ankamen. „Uns ging es dann darum, den Körperbau der Pferde zu verbessern. Wir suchen die richtige Größe, den richtigen Körperbau und gute Hufe“, so Vogel. Wie die Familie erklärt, suchen sie stets erst den Hengst aus, der die bevorzugten Eigenschaften in sich vereint, und paaren ihn dann mit einer Stute, die in ihren Charakteristiken dazu passt. „Somit ist die Stute immer ein Farmpferd und der Hengst ein Rassepferd.“ Die Vogels haben bereits Quarterhorse-Hengste, aber auch Warmblüter und Araber in der Zucht verwendet.

Dabei ist die Zuchtmethode auf der Farm Groß-Okandjou eine besondere: Während in Europa zumeist eine künstliche Besamung stattfindet und die Stute ihren Hengst nie zu sehen bekommt, funktioniert es hier in der Savanne Namibias noch auf die ganz natürliche Art: „Wir haben momentan drei Junghengste, die separat gehalten werden. Wenn wir uns das richtige Match überlegt haben, lassen wir die auserwählte Stute zu dem Hengst, den wir ausgesucht haben“, erläutert Alina Vogel. In Europa haben viele Züchter bei dieser Methode zumeist Sicherheitsbedenken, da die rauhe Art des Hengstes der Stute Verletzungen zufügen kann. „Natürlich gibt es zwischen den beiden erst einmal Zoff. Aber auf unseren weitläufigen Weiden ist Platz genug, dass sich die beiden erst einmal aus dem Weg gehen können. Und wenn ein bisschen Zeit vergangen ist, freuen sich beide über diese spannende Abwechslung.“ Die Hengste, die die Vogels nun verwenden, sind inzwischen Nachzuchthengste, die also schon aus der eigenen Zucht stammen. „Wir haben lange überlegt, ob wir auch mit künstlicher Besamung anfangen sollen und es aus Europa importieren lassen sollen. Doch der Transport und die erforderlichen Tests sind sehr aufwändig, und daher haben wir uns vorerst dagegen entschieden“, erzählt Vogel.

„Die Zucht ist zuweiligen ein richtiges Lotteriespiel. Man weiß nie sicher, was für ein Ergebnis man erreichen wird“, so die Tochter des Gründers, und man hört die Begeisterung in ihrer Stimme. „Man kann nie wissen, was in den Stuten drinsteckt, und aus der selben Kombination haben wir schon oft ganz unterschiedliche Fohlen erhalten.“ Auf Groß-Okandjou verwenden die Farmer ihre Pferde für die Rinderarbeit, zum Beispiel für das Treiben der Rinder von Kamp zu Kamp. Aber sie kommen auch vor allem im Gästebetrieb zum Einsatz und stehen Touristen für Ausritte zur Verfügung. Ihr ruhiger, sicherer und verlässlicher Charakter und ihre Geländegängigkeit macht sie zum idealen Begleiter im namibischen Grasland.

Und wie bewerten die Vogels ihre eigenen Zuchterfolge? „Wir sind schon sehr zufrieden mit unseren Tieren. Aber es wird noch viele Jahre dauern, bis wir tatsächlich von einer einheitlichen Rasse sprechen können.“ Das ist allein deshalb noch nicht der Fall, weil noch nicht alle zur Zucht verwendeten Stuten aus der eigenen Nachzucht stammen. Die Vogels haben auch auf keinen Fall vor, ihre namibischen Westernpferde eines Tages tatsäch als Rasse formell einzutragen, wehrt Alina ab. „Aber es wäre sehr schon, wenn man in 50 Jahren unsere Pferde sieht und direkt weiß, dass das Pferde von Gross-Okandjou sind.“ Dabei bleiben die Vogels offiziell ganz unambitioniert, es geht ihnen, so die Familie, vor allem darum, sich an den Pferden und den eigenen Zuchterfolgen zu erfreuen.

In den letzten zwei bis drei Jahren haben die Farmer, die etwa 60 Pferde besitzen, ihre Zucht etwas heruntergefahren, um alle Tiere ohne Gefahr durch die Dürren zu bringen. „Wir mussten einmal Zufutter kaufen und haben auch unsere Rinderzahlen reduziert. Wir haben auch nur mit zwei bis vier Stuten und unseren eigenen Hengsten gezüchtet.“ Auch im kommenden Jahr sollen es erst mal nur etwa fünf Nachzuchten werden, um kein Risiko einzugehen. Doch Dürren und Rückschlägen zum Trotz bildet sich langsam aber sicher auf Gross-Okandjou ein Pferdetyp heraus, der einzigartig ist, und Namibias Charakter widerspiegelt wie keine zweite Pferderasse. „Es ist eigentlich eine Spielerei und Leidenschaft. Aber wir züchten trotzdem immer mit der Hoffnung, eines Tages ein Fohlen zu haben, von dem wir sagen können: Das ist das Pferd, das wir gesucht haben“, so Alina Vogel, und ihre Begeisterung ist deutlich in ihrer Stimme zu hören. Doch dann bellen Hunde im Hintergrund, und die Pflicht ruft – schließlich ist immer etwas zu tun auf einer Farm, die gerade dabei ist, ein eigenes namibisches Westernpferd zu züchten.