28 April 2017 | Kultur & Unterhaltung

Klare Standpunkte erwünscht

Windhoek und Wittenberg sind die Städte, an denen die zentralen Ereignisse anlässlich des 500. Jahrestages des Thesenanschlags Martin Luthers stattfinden. Am Mittwoch wurde die Ausstellung „Here I stand“ zur Reformation in der Namibia Wissenschaftlichen Gesellschaft (NWG) eröffnet, die von diesen beiden Weltereignissen eingerahmt wird.

Die Reformation hat die geistesgeschichtliche und gesellschaftliche Entwicklung vieler Länder, auch Namibias, entscheidend beeinflusst. Namibia, wo die Zentralveranstaltung des Lutherischen Weltbundes (LWB) stattfinden wird, und Deutschland als Ursprungsland der Reformation werden in diesem Jahr im Fokus der Öffentlichkeit stehen. In der namibischen Hauptstadt tagt der Rat des LWBs vom 10. bis 16. Mai 2017, der alle sieben Jahre auf einem anderen Kontinent einberufen wird. In der „Lutherstadt“ Wittenberg in Sachsen-Anhalt findet vom 20. Mai bis 10. September 2017 die Weltausstellung der Reformation statt. In Namibia leben afrikaweit die meisten Lutheraner im Verhältnis zur Bevölkerung: Die drei Lutherischen Kirchen, Evangelical Lutheran Church in Namibia (ELCIN) mit ca. 740000 Mitgliedern, Evangelical Lutheran Church in The Republic of Namibia (ELCRN) mit 420000 Mitgliedern und ELCIN/DELK (Deutsch-Evangelisch-Lutherischen Kirche) mit 5000 Mitgliedern bringen es demnach auf rund 1,16 Mio. Menschen, also etwa jeder zweite Namibier.

„Dass gerade in der Lutherdekade, im Jahr, in dem sich die Thesenanschläge zum 500. Mal jähren, der Lutherische Weltbund nach Windhoek kommt, ist eine außerordentliche Ehre“, sagte der deutsche Botschafter Christian Schlaga am Mittwochabend bei der Eröffnung der Ausstellung „Here I Stand“ in der NWG. Zu dem Weltkongress, der unter dem Motto „Befreit durch Gottes Gnade“ steht, werden rund 1000 Delegierte erwartet.

Nach den einleitenden Worten des Botschafters sprach der Bischof der Deutsch-Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia, Burgert Brand, zu den knapp 150 Gästen. Er hielt eine enthusiastische Rede über Luthers Wirken. Denn was vor 500 Jahren in Wittenberg begann, prägt unser Leben bis heute – unsere Sprache, die Kunst und Musik, unseren Freiheitsbegriff. „Ob Luther nun wirklich ‚Hier stehe ich und kann nicht anders!' gesagt hat, können Historiker nicht mehr nachvollziehen, und doch haben diese Worte in ihrer Wirkungsgeschichte dazu geführt, dass wir nun zusammenstehen“, sagte Brand am Anfang seiner Rede, in der er den Titel der Ausstellung sowohl im historischen und theologischen Kontext als auch im Hinblick auf das protestantische Denken erläuterte. Diese Worte seien Zeugnis einer festen Gewissheit und einer standhaft vertretenen Glaubensüberzeugung. Vor Kaiser und Reich, unter Gefahr für Leib und Leben, blieb Luther bei seiner Lehre. „Solche Standhaftigkeit, solch eine klare Position ist nötig, wenn Gott unsere Füße auf weiten Raum stellt. Im weiten Raum der vielfältigen Erfahrungen, der Gespräche mit vielen Menschen, der Begegnung mit anderen Kulturen und Religionen“, sagte der Bischof. Dennoch habe Luther seine Lehre immer als streitbar angesehen. „Deshalb hat er niemals einfache Antworten auf komplexe Fragen gesucht, wie dies heutzutage zu oft geschieht“, mahnte Brand.

Luther habe sich in diesem Zusammenhang auch nie dem Austausch mit den Naturwissenschaften verwehrt. „Wissenschaft operiert niemals in einem Vakuum“, sagte Erika von Wietersheim eingangs zu den Anwesenden. Gerade deshalb sei der Ausstellungsort in der NWG passend ausgewählt, meinte die namibische Journalistin, die auch an Publikationen des LWF mitgewirkt hat.

Die Ausstellung zeigt Miniatur-Replika deutscher Museen wie beispielsweise ein Schreibset aus Keramik, das Luther vermutlich benutzte sowie neun informative Poster zum Leben um 1517. Es wird die gesellschaftliche und weltliche Ordnung zu Luthers Zeit einerseits und die Veränderung dieser durch die Reformation andererseits dargestellt. Zudem wird die Reformation selbst in ihrem Verlauf und ihrem Ursprung im Leben Luthers beleuchtet. Die Ausstellung in den NWG-Räumen ist bis 5. Mai zu sehen. Finanziert wurden die Poster mit Mitteln des Auswärtigen Amtes, das die Ausstellung „Here I stand“ auch in anderen Teilen der Welt fördert.



Anne Odendahl