30 August 2018 | Geschichte

Gedächtnislücke geschlossen

Die Rückgabe der menschlichen Gebeine ist nur ein Teil der Geschichtsaufarbeitung

Nachdem bereits zwei Mal Schädel von Namibiern, die in der Kolonialzeit nach Deutschland verschleppt worden waren, wieder repatriiert worden waren, kehren jetzt die letzten bekannten menschlichen Gebeine von Herero und Namas aus dieser Zeit nach Namibia zurück. Indessen ist die deutsche Regierung bemüht das Kapitel zur allgemeinen Zufriedenheit abzuschließen.

„Während der Kolonialzeit wurden menschliche Gebeine von Mitgliedern namibischer einheimischer Gemeinschaften auf unrechtmäßige Weise, unter Missachtung der Menschenwürde und religiöser und kultureller Traditionen zu pseudo-wissenschaftlicher, rassischer und eugenischer ‚Forschung‘ nach Deutschland gebracht. Zum dritten Mal nach 2011 und 2014 werden nun menschliche Gebeine nach Namibia zurückkehren, begleitet von Vertreterinnen und Vertretern ihrer Gemeinschaften, der Kirchen und der beiden Regierungen“, lautet es in einer Pressemitteilung der Deutschen Botschaft in Windhoek.

Anfang der vergangenen Woche bestätigte die Vize-Staatssekretärin des Bildungsministeriums, Veno Kauaria, dass sich die namibische Bildungsministerin, Katrina Hanse-Himarwa, demnächst mit einer Delegation auf den Weg nach Deutschland begeben werde. Reiseziel sei die Charité Universität in Berlin, in derer Gewahrsam sich bisher 26 angesammelte Nama- und Herero-Schädel befanden. Außerdem sollte laut der deutschen Nicht-Regierungs-Organisation Berlin Post-Kolonial die von Hendrik Witbooi gestohlene Bibel - ein wichtiges Kulturgut von nationaler Bedeutung - ebenfalls an Namibia zurückgegeben werden (AZ berichtete).

27 menschliche Gebeine

Seitdem ging es Schlag auf Schlag und wurde bekannt, dass die deutsche Regierung die anfallenden Reiseunkosten der 25 Interessenvertreter der Herero und Nama tragen würde. Indessen hat die namibische Regierung zehn namibische Beamte auf eigene Kosten entsandt. In der Pressemitteilung der deutschen Regierung wird betont, dass die entsendeten Interessenvertreter von der namibischen Regierung ausgesucht wurden. Bereits im Vorfeld zeigte sich der in Berlin lebende Herero-Aktivist Israel Kaunatjike unzufrieden, weil die deutsche Regierung sich nicht formell bei den Herero und Nama entschuldigt.

Allerdings wurde inzwischen auch bekannt, dass die Bibel Witboois noch nicht ausgehändigt werden kann, da noch nicht alle vorgeschriebenen Formalitäten erledigt worden seien. In der Presseerklärung ist die Sprache von „27 menschlichen Gebeinen“, die aus den „Beständen verschiedener Institutionen in Deutschland, u.a. der Charité in Berlin und der Universität Greifswald“ stammen sollen.

Am 27. August traf die namibische Delegation in Berlin ein und nahm die Gebeine am 28. August entgegen, wonach die Namibier gemeinsam mit geladenen deutschen Gästen an einer Totenwache teilnahmen.

Staatsministerin Müntefering

Die Staatsministerin für Internationale Kulturpolitik im Auswärtigen Amt, Michelle Müntefering, nahm nicht nur den Empfang der Abgesandten in der Villa Borsig des deutschen Außenministers war und nahm an der Übergabe der Gebeine teil, sondern begleitet diese formelle Handlung bis zum Schluss, indem sie gestern an einem gemeinsamen Ehrengottesdienst teilnahm und sich nun auf dem Weg nach Windhoek befindet.

Ferner begleiten der Beauftragte des Auswärtigen Amts für Subsahara-Afrika und Sahel, Robert Dölger, der Sondergesandte der Bundesregierung für die deutsch-namibische Vergangenheitsbewältigung, Ruprecht Polenz, sowie der Deutsche Botschafter in Namibia, Christian-Matthias Schlaga, die namibische Delegation zurück nach Windhoek. Am 31 August werden die Schädel genau wie die bereits in den Jahren 2011 und 2012 ausgehändigten Schädel im Parlamentsgarten ausgestellt, wo ein weiterer Ehrengottesdienst abgehalten werden soll.

Partnerschaft

Laut Müntefering teilen die beiden Regierungen eine „vertrauensvolle Partnerschaft“, die es Namibia und Deutschland ermöglicht die Kolonialgeschichte aufzuarbeiten, wobei der Umgang mit den Gebeinen, bzw. die Rückführung nach Namibia, eine Schließung einer „erinnerungspolitischen Gedächtnislücke“ sei. Für Freitag sind weitere Gespräche geplant.

Von Frank Steffen (Windhoek)