22 April 2021 | Leserpost

Ersatz von Steinkohle in Deutschland durch Buschholz aus Namibia?

Auf Initiative der GIZ prüft die Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Landwirtschaft in Hamburg den Ersatz von Steinkohle durch Buschholz aus Namibia. Der Widerstand gegen dieses Vorhaben von prominenten Umwelt- und Klimaschutzorganisationen ist sehr stark.

Das Eindringen von Buschholz ist ein echtes Problem für Namibias Landwirtschaft, weil es die Kapazität der Weideflächen stark einschränkt und für die Farmer erhebliche wirtschaftliche Einbußen bedeutet. Das Vordringen der Büsche ist unter anderem durch Überstockung der Weideflächen entstanden. Zusätzlich sorgt der steigende CO2-Gehalt in der Atmosphäre für schnelleres Wachstum der Büsche. Während sich der Eindringerbusch negativ auf die Landwirtschaft auswirkt, mildert er als wichtiger CO2-Speicher den Klimawandel. Das Verbrennen von Holz ist nicht klimaneutral, wie weithin angenommen wird. Im Jahr 2018 bestätigten 800 internationale Wissenschaftler in einem offenen Brief, dass die Verbrennung von frischem Holz weder klimaneutral noch nachhaltig ist.

Die Ergebnisse der Studie „Greenhouse Gas Assessment of Bush Control and Biomass Utilization in Namibia“, die von der GIZ in Auftrag gegeben und von UNIQUE (Forstmanagement und nachhaltige Landnutzung) 2019 vorgelegt wurde, werden von mehreren Wissenschaftlern stark angefochten. Die UNIQUE Studie argumentiert, dass die Landschaft nach der Entbuschung mehr CO2 bindet als vorher. Die ebenfalls von der GIZ in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie „Road Map to Biomass Industrial Park“ wurde 2020 von IfaS (Institut für angewandtes Stoffstrommanagement) fertiggestellt. Die Ergebnisse der UNIQUE Studie wurden kritiklos übernommen.

Ein Peer-Review-Gutachten von Prof. Dr. Rabenstein, HafenCity Universität Hamburg, deckte viele Fehler in den beiden GIZ Studien auf. Das Gutachten zeigt, dass die Verbrennung von Buschholz aus Namibia in Hamburg viel klimaschädlicher ist als die Verbrennung von Steinkohle. Umweltverbände fordern, dass die fehlerhaften Studien sofort zurückgezogen werden.

Das Gutachten kommt auch zu dem Schluss, dass die Biomasse in Namibia selbst genutzt werden kann, um Wertschöpfung und neue Arbeitsplätze zu schaffen, von denen das Land mehr profitiert als vom Export des Holzes. NamPower plant, Buschholz zur Stromerzeugung zu nutzen. Viele Materialien können lokal produziert werden, die derzeit von Namibia importiert werden. Alle Möglichkeiten, die Biomasse lokal zu nutzen, nachhaltige Wertschöpfung und Arbeitsplätze zu schaffen, sollten von der GIZ unterstützt werden.

Auf die Frage “wer profitiert von dem Projekt“? erklärt IfaS: “Deutschland ist ein ressourcenarmes Land und nicht in der Lage, seine Versorgungslücke mit Ressourcen aus dem eigenen Land, wie z.B. Biomasse, selbst zu schließen. Mit Namibia besteht die Möglichkeit einer strategischen Partnerschaft, um die zukünftige Versorgungslücke mit Biomasse zu schließen. Gleichzeitig beteiligt sich Deutschland an Investitionen in die namibische Infrastruktur und fördert durch die dadurch entstehenden Industriekomplexe den Wohlstand des Landes. Aus der Zeit des deutschen Kolonialismus in Afrika ergibt sich für Deutschland die Chance, die mit den historischen Ereignissen verbundenen Wunden heilen zu können.“ Diese Aussage wurde in einer späteren Ausgabe aufgrund zahlreicher Proteste entfernt.

Es ist ein Zeichen kolonialer Arroganz, von “Heilung der Wunden“ zu sprechen, während die Forderungen der Nachkommen des Völkermords von der deutschen Regierung nicht entsprechend ernst genommen werden. Der anmaßende Passus der 'Heilung' wird durch den Hinweis verstärkt, dass es sich um ein Geschäft für Deutschland handelt; es kann keineswegs altruistisch als Wiedergutmachung für Fehler der Vergangenheit verstanden werden. Die Verschleierung von Geschäftsinteressen unter dem Deckmantel der 'Heilung' der Vergangenheit ist völlig inakzeptabel.

Angesichts der hohen Arbeitslosenquote in Namibia muss die Schaffung von Arbeitsplätzen oberste Priorität haben. Die von Deutschland benötigten großen Mengen an Buschholz können nur mit vollmechanisierten Techniken geerntet werden, um wirtschaftlich sinnvoll zu sein. Die dafür benötigten Maschinen müssen wahrscheinlich aus Europa importiert werden. Für die Bedienung dieser Maschinen sind nur wenige geschulte Arbeitskräfte notwendig. Das Projekt, wie es in der Machbarkeitsstudie in schönsten Farben dargestellt wird, ist irreführend, es schafft weder echte Wertschöpfung noch eine nennenswerte Anzahl von Arbeitsplätzen noch lokale Gewinne.

Zusammenfassend müssen umweltverträgliche Methoden gefunden werden, um die derzeit von Busch überwucherte ehemalige Grassavanne wieder in einen nachhaltig produktiven Zustand zu versetzen, sei es auf kommunalem Land, in Freehold Tenure oder auf staatlichem Land. Dies muss durch die Schaffung einer Wertschöpfung für geerntetes Buschholz und die Schaffung von Arbeitsplätzen komplementiert werden. Erst nach gründlicher und unabhängiger Forschung, bei der alle relevanten Faktoren berücksichtigt werden müssen, sollte eine Entscheidung getroffen werden, und zwar in Namibia und nicht von anderen Interessengruppen. Die entwicklungspolitischen Interessen Namibias müssen an erster Stelle stehen.

Bertchen Kohrs, Earthlife Namibia

Anm. d. Red.: Die AZ berichtete bereits mehrmals über dieses Thema, bspw.: https://www.az.com.na/nachrichten/-biomasse-diskussion-entfacht-2021-03-05/