14 Juli 2021 | Geschichte

Ein Nebenschauplatz mit Nachwirkungen

Aus verschiedenen Gründen wird die Geschichte, wie der Nationalsozialismus in den schicksalsschweren zwölf Jahren des NS-Regimes zwischen 1933 und 1945 mit dem revisionistischen Kolonialbestreben der Deutschen umgegangen ist, von Historikern übergangen oder ignoriert. Es mag an den erdrückend lastenden Themen des 2. Weltkriegs liegen. Es kann auch deutsch-akademische Berührungsangt sein.

Der Autor Wolfgang Reith zitiert vor Einstieg in das Thema den Politikwissenschaftler Thorben Lütjen, um um dieser Frage einen Rahmen zu verleihen: Der Generationen überspannende Zeithorizont sei abhanden gekommen ... „Wir ... hecheln nurmehr von Zeitgeist zu Zeitgeist, von Mode zu Mode, von Markt zu Markt. Wir verlernen in der Hatz nach dem Morgen, ein Gestern zu haben. Eine Kultur aber ohne Gespür für ihre Herkunft hat auch keine Zukunft.“

Wolfgang Reith geht in dieser Schrift auf das Profil der postkolonialen Akteure in NS-Deutschland und den Verlauf ihrer Aktivitäten ein. Es ist der erste Band eines zweiteiligen Werkes. An zweiter Stelle folgt die Schilderung, wie sich die NS-Propaganda des Dritten Reiches auf das damalige Südwestafrika ausgewirkt hat, wo die größte Gruppe der kolonialen Auslandsdeutschen lebte. Für die Kolonial-Aktivisten in Deutschland aber insgbesondere für die Südwester/Namibier deutscher Herkunft, die im ergänzenden Band „Unter dem Hakenkreuz des Südens“ behandelt werden, sind die knapp 30 Jahre zwischen der Besetzung der deutschen Kolonien während des 1. Weltkriegs und der totalen Niederlage des deutschen Reiches 1945 ein Wechselbad politischer Emotionen gewesen. Das Pendel schwang von der Erwartung mit euphorischem Aufbruch unter der NS-Ideologie, verbunden mit der Hoffnung auf Demontage des Diktats von Versailles, gefolgt von Enttäuschung und Internierung und drohender Deportation durch die Smuts-Regierung Südafrikas. Kein Wunder, dass deutschsprachige Südwester/Namibier auf Jahre wie gebrannte Kinder politische Abstinenz bzw. Konformität im Apartheidssystem geübt haben, bis sie – zumindest einige - sich langsam gesammelt und aus der Starre gerappelt haben.

Unterschiedliche Historiographen

Reith weist den Leser anfangs auf ideologische DDR-Historiographen hin, die sich vor den Historikern der Bundesrepublik mit der Kolonialgeschichte befasst haben. Die Schilderung der restaurativen Kolonialbewegung während der Weimarer Republik, der Hinweis auf zwei Lager in der NSDAP, Fürsprecher und Gegner der Wiedergewinnung der Kolonien sowie das Konzept der „neuen deutschen Kolonialpolitik“ sind aufschlussreich und generell wenig bekannt. Hifreich ist dazu die Einführung in die unterschiedliche koloniale Geschichtsschreibung einmal aus der Warte der Historiker, die die Vorgänge der Vergangenheit lediglich aus dem Bezugsrahmen der Gegenwart und alleinig als Aufstand gegen die Kolonialherrschaft behandeln, gegenüber den Autoren, die versuchen, den Verlauf auch aus dem Kontext der damaligen Zeit aufzuarbeiten und zu erläutern. Damit hat Reith bereits seine Stellung umrissen.

Der Autor hat dem so genannten Weißbuch der deutschen Seite, das als Replik auf das – ebenso - so genannte Blaubuch der Engländer gedacht war, nicht erwähnt. Das propagandistische Blaubuch diente dem Zweck, den Deutschen zu unterstellen, dass sie unfähig wären, Kolonien zu verwalten. Dazu sind im Buch Härten und Gräueltaten sowie Aussagen von Einheimischen aufgeführt. Im Weißbuch sind Gräueltaten und Härten dokumentiert, die den Engländern in britischen Kolonien zugeschrieben werden. Das Blaubuch ist während der vergangenen zwei Jahrzehnte in einer Neuauflage erschienen, das Weißbuch nicht.

Die Alliierten des 1. Weltkriegs hatten die deutschen Kolonien im Verstoß gegen ihre eigene Unterschrift unter der Kongo-Akte der Kolonialmächte vereinnahmt, obwohl sie sich mit dem Kaiserreich 1885 verpflichtet hatten, im Falle eines europäischen Krieges die Gefechte nicht auf Kolonien auszuweiten. Dieser Umstand sowie das Bestreben, die beschlagnahmten Kolonien als Rohstoffquellen wieder zu beherrschen und letztendlich eine „neue deutsche Kolonialpolitik“ zu betreiben, die sich vom britischen Vorbild absetzen sollte, gaben dem Kolonialmodell bis in die Phase der Blitzkriege enormen Auftrieb. Die Hauptakteure waren das Kolonialpolitische Amt der NSDAP sowie der Reichskolonialbund.

Der Kolonialgedanke blieb jedoch stets dem Konzept Hitlers vom Siedlungsraum im europäischen Osten untergeordnet. Kurz vor dem Krieg und während der militärischen Anfangserfolge erfolgte schon Schulung von künftigem Kolonialpersonal und ernannte die NS-Kolonial-Lobby bereits Führungskräfte für die erwartete Übernahme der ehemaligen Kolonien. Auf „nahezu allen erdenklichen Gebieten der Wissenschaft und Technik“ für die Kolonien wurde geforscht. Der Traum ging sogar weiter bis zur Neuordnung britischer und französischer Kolonien in Afrika. „Die Pläne der deutschen Kolonialbewegung waren ... der letzte Versuch in der Weltgeshichte, ein großes Kolonialreich zu errichten“, resümiert der Autor.

Zu einer Zeit, da die ersten nationalen Befreiungsbewegungen in Afrika Gestalt annahmen, muteten solche Ideen anchronistisch an. Der Autor ist nicht auf das deutsche „Weißbuch“ eingegangen, das mit der Schilderung britischer Kolonialgräuel eine Antwort auf das sogenannte „Blaubuch“ sein sollte, das als Propagandaschrift über Härten des kaiserlichen Gouvernements in Deutsch-Südwestafrika für die Alliierten verfasst war, um die „Unfähigkeit der Deutschen als Kolonialmacht“ zu belegen. Das Blaubuch ist während der vergangenen zwei Jahrzehnte in einer Neuauflage erschienen, das Weißbuch nicht.

Mit der deutlichen militärischen Wende im 2. Weltkrieg kam das jähe Ende des Kolonialgedankens. Die informative Schrift „Nationalsozialistische Pläne für eine ,neue deutsche Kolonialpolitik`“ ist ein guter Einstieg für den Folgeband zu dem Thema, wie sich die NS-Politik zwischen den zwei Weltkriegen auf Südwestafrika ausgewirkt hat.

Eberhard Hofmann