25 April 2019 | Meinung & Kommentare

Die Relevanz der Metaebene

Da sind sie also, in unmittelbarer Nähe der Viehherde; in ihrer geduckten, anschleichenden Haltung, mit ihrem konzentrierten, fokussierenden Blick. Sie sind Jäger, sie wissen genau, was sie zu tun haben, um ihren Hunger zu stillen. Einmal gelernt, ist das Nutzvieh für Löwen eine leichte Beute. Also kommt das Rudel immer wieder und schließlich immer öfter. 15 Tiere der Bevölkerung im Torra-Hegegebiet haben die Raubkatzen in den vergangenen Wochen bereits gerissen. Entsprechend ist die Stimmung und mit der Angst wächst die Wut.

Es ist helllichter Tag und die Löwen sind nur etwa 100 Meter entfernt. Sie haben die Scheu vor dem Menschen und der Zivilisation verloren. Es gibt keine Zweifel an ihrer Absicht, es ist der Augenblick gekommen, in dem es heißt: Alles oder nichts.

Wenn das Rudel jetzt zuschlägt, werden sie womöglich nicht nur ein, zwei oder drei Tiere erlegen. Sie werden eine tiefe Kerbe in eine ohnehin dürftige Farmerexistenz schneiden und eine noch tiefere Narbe hinterlassen. Sie werden Ärger und Verzweiflung weiter vorantreiben, den Mensch-Tier-Konflikt anheizen.

Es kann dem Farmer nicht vorgehalten werden, in jenem Moment zur Waffe zu greifen. In einem Moment, in dem die Löwen mehrere Grenzen überschritten haben. Und es ist ohne Zweifel ein Moment, der nicht nur für die Nutztiere Gefahr bedeutet.

Wer meint, der Farmer habe vorschnell gehandelt, tut ihm Unrecht. Wer sieht, dass er nur einen Schuss tätigt und den Rest des Rudels verschont, erkennt sein Kalkül. Und genau deshalb ist es wichtig, in diesem Fall den richtigen an den Pranger zu stellen.

Das Umweltministerium äußert sich nicht zum Fehlen eines Frühwarnsystems. Es sagt nichts zum Nutzen des Satelliten-Halsbands, das die Löwin trug. Es sagt nichts zu den vorausgegangen Fällen, in denen Vieh gerissen wurde während einer ach so plötzlichen Dürre. „Wir ermitteln“ heißt es nur. Doch eigentlich müsste auf einer ganz anderen Ebene ermittelt werden.

Von Nina Cerezo