05 Dezember 2012 | Branche

Die Kunst, ein Tier wieder auferstehen zu lassen

Mit aufgerissenem Maul stürzt sich die Löwin auf das Zebra. Die Anspannung der beiden Tierkörper ist scheinbar in jedem Muskel zu sehen und fast könnte man glauben, diese Jagdszene spiele sich in diesem Moment vor den Augen ab. Doch die Tiere sind nicht lebendig, sondern eine aufwendige Präparation der Firma Nyati Wildlife Art in Windhoek.

Es ist für einen Laien kaum vorstellbar, wie zeitraubend die Präparation eines Tieres ist und mit wie viel Fingerspitzengefühl und Phantasie man dabei vorgehen muss, um am Ende eine perfekte Trophäe zu fertigen. "Doch genau das, ist unser Ziel", sagt Manfred Egerer, der im nördlichen Industriegebiet mit seiner Frau Marijke die Firma Nyati Wildlife Art leitet und mit zwölf Angestellten Trophäen fertigt. Egerer war selbst viele Jahre als Berufsjäger tätig und kennt damit die Wünsche und Vorstellungen seiner Kunden bestens. Doch bei seiner Arbeit ist nicht nur die Leidenschaft für die Jagd wichtig, sondern auch der Respekt vor dem erlegten Tier. "Auch wenn bei uns der Kunde König ist, erfüllen wir nicht jeden Wunsch. Wir achten wir immer darauf, dass das zu präparierende Tier in einer natürlichen Haltung wiederbelebt wird".
Die angelieferten Trophäen werden zunächst überprüft, ob sie legal erlegt wurden, in dem die einzelnen Teile mit dem Abschusspermit verglichen werden. Dann müssen alle Stücke mit einer Markierung versehen werden, die für den gesamten Vorgang der Präparation befestig bleibt und die Zuordnung zum Auftraggeber sowie die Vollständigkeit des erlegten Tiers sicherstellt. Da die Schädel bei der Anlieferung meist nur notdürftig gereinigt wurden, kommen sie zuerst in eines der großen Becken, die mit Wasser gefüllt sind. Die Schädelknochen werden durch den natürlichen Prozess der Fäulnis vom Fleisch und Fettresten befreit, wobei entsprechende Bakterien das Gewebe zersetzen. Das kann je nach Jahreszeit bis zu vier Wochen dauern. Auch wenn der Anblick der Knochen in den großen Bottichen komisch anmutet, ist es ein sauberer Prozess, der relativ geruchsfrei ist. Anschließend werden die Knochen für einen weiteren Tag gekocht, um alle restlichen Keime abzutöten. Sofern es möglich ist, werden die Hörner vom Schädel abgezogen, zusammengebunden und markiert.

Nach der Behandlung mit Wasserstoffperoxid sind dann die Anforderungen der Europäischen Union erfüllt, deren Veterinärvorschriften genau definieren, in welchem Zustand eine Jagdtrophäe in die Staatengemeinschaft exportiert werden darf. Selbst wenn ein Jäger seine Trophäe nicht von einem hiesigen Taxidermisten veredeln lassen möchte, muss das so genannte Trocknen in dem Land vorgenommen werden, in dem der Abschuss erfolgt ist, denn per Gesetz dürfen Kadaverreste nicht im Nasszustand das Land verlassen. Der gereinigte Schädel der Trophäe kann dann in das jeweilige Heimatland exportiert werden und zu einer Kopf- oder Schultermontage weiter verarbeitet werden.
Das Fell, die sogenannte Decke, kann entweder als Dekoration für Fußboden oder Wand genutzt werden und muss dann in eine Gerberei, die eine gesonderte Bearbeitung vornimmt. Wird die Decke roh verschickt, muss diese lediglich von Ungeziefer und Bakterien befreit werden, in dem sie mit speziellen Chemikalien behandelt wird.

Zur Weiterverarbeitung zu einer Schulter- oder Vollmontage kommen die Felle in die hauseigene Gerberei. Die meisten Jagdführer leisten dabei gute Vorarbeit, in dem sie diese sofort nach dem Abschuss einsalzen. Dadurch zieht sich die Haut zusammen und die Decke verliert keine Haare.
Damit sich das Fell später gut über das Schaummodell ziehen lässt und darunter liegende Konturen sichtbar werden, muss die Innenseite mit einer elektrischen Raspel dünner gemacht werden. Eine schwierige Aufgabe, die viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung erfordert.
Wenn das erledigt ist, beginnt die Arbeit der Präparatoren. Dabei muss zunächst der Schädel wieder vervollständigt werden, da sich beim Reinigen manche Teile lösen. Nun können die Schädel entweder als "Schädel auf dem Brett" dem Kunden überreicht oder weiter verarbeitet werden. Um ein Tier so naturgetreu wie möglich nachzubilden, muss der Präparator aus Bauschaum ein Modell herstellen. Dazu werden zunächst Standardmodelle der jeweiligen Tierart mit Schaum ausgespritzt. Nach dem Aushärten beginnt die Feinarbeit, die je nach Kundenwunsch sehr aufwendig sein kann. Mit scharfkantigem Werkzeug wird aus dem Modell das individuelle Tier geformt. Hier benötigt der Präparator nicht nur handwerkliches Geschick, sondern auch Fantasie und die Fähigkeit zum räumlichen Denken. Besonders beim Kopf ist viel Fingerspitzengefühl erforderlich, weil die Gesichtszüge des präparierten Tieres authentisch wirken sollen. Dabei orientiert sich der Präparator auch an Fotos oder Zeichnungen des Kunden die zeigen, welche Körperhaltung das Tier dabei einnehmen soll.

Anschließend werden spezielle Glasaugen eingesetzt, die handbemalt sind und aus Deutschland importiert werden. "Sie sind für das präparierte Tier besonders wichtig, weil damit der Ausdruck eines Tieres stark beeinflusst werden kann, bzw. die Augen bei schlechter Qualität nicht lebendig wirken", erklärt Manfred Egerer. Das Gebiss, das zumeist nur bei Raubtieren eine Rolle spielt, wird neu angefertigt, jedoch mit den Originalzähnen des Tiers bestückt.
Ist das Bauschaummodell fertig, wird ihm das "Fell über die Ohren" gezogen, festgeleimt und mit Nadeln fixiert. Danach muss das Tier wieder eine gewisse Zeit abtrocknen, was sechs bis acht Wochen dauern kann. Anschließend werden die Trophäen in die "Schminkabteilung gebracht", wie Egerer diesen Arbeitsschritt schmunzelnd nennt. Hier werden beispielsweise die Hautschattierungen der Ohren durch die geschickten Hände der Arbeiterinnen nachgeahmt. Bei der anschließenden End-
kontrolle werden alle Details noch einmal überprüft und ein Foto von der Trophäe dem Kunden zugeschickt. "Manche der Jäger kommen auch direkt bei uns vorbei und schauen sich die Arbeit an. "Wenn alle zufrieden sind, werden die Tiere verpackt und in einer speziell gefertigten Holzkiste an den Kunden geschickt. Die Arbeit von vier bis sechs Monaten ist damit beendet.

Neben Kudus, Oryx, Springbock und Zebra präpariert Nyati auch Leoparden, Löwen oder Giraffen. "Außer normalen Kopf- und Schultermontagen gibt es auch sehr anspruchsvolle Arbeiten", erklärt Egerer und zeigt auf die Jagdszene einer Löwin, die für die Namibia Tourism Expo extra angefertigt wurde. "Das ist für uns immer eine besondere Herausforderung, bei der der Präparator seine Fähigkeiten unter Beweis stellen kann." Ebenso können Vögel und Fische präpariert werden, wobei Fische eine Nachbildung aus Fieberglas sind. "Diese Tiere eignen sich einfach nicht, um eine gute Trophäe herzustellen. Nach wenigen Jahren wäre die Arbeit nicht mehr ansehnlich", meint Egerer.
Als Manfred Egerer 2004 als professioneller Berufsjäger ausstieg und Nyati Wildlife Art gründet, war es sein Ziel, hochwertige Trophäen für seine Kunden herzustellen.
"Da ich mich in der Branche gut auskannte, war es auch kein Problem, qualifizierte Mitarbeiter zu finden". So konnte er sich bereits 2007 erweitern und auf das Gelände im nördlichen Industriegebiet ziehen. Obwohl er zirka 98 Prozent Stammkunden hat, merkt auch er die Auswirkungen der Wirtschaftskrise. "Früher haben wir zirka 3000 Tiere pro Jahr präpariert. Die meisten Kunden wollten eher den "Schädel auf dem Brett". Mittlerweile sind die Kopf- und Schultermontagen in der Überzahl, aber die können sich eben nicht alle leisten." Seine Kunden stammen vorwiegend aus europäischen Ländern wie Deutschland, England und Österreich. Aber auch Skandinavier kann er von seinen Arbeiten überzeugen. "Trotzdem können wir uns über die Auftragslage nicht beschweren." Das liegt sicher auch daran, das Nyati mit vielen namibischen Jagdfarmen schon eine lange Zusammenarbeit pflegt, die ihre Gäste mit ihren Trophäen-Wünschen gern in die zuverlässigen Hände von Nyati geben.
Da Egerer selbst kein Präparator ist, legt er Wert auf ausgebildetes Personal. So ist er besonders stolz auf Stephan Bezuidenhout, der eine Ausbildung als Präparator in Deutschland und Finnland absolvierte und bei Nyati als bester Mann gilt. "Die Methoden und Materialien im Ausland sind anders als hier. Aber ich habe viel gelernt, was ich hier umsetzen kann", erzählt Bezuidenhout. Sein größter Traum wäre es einmal ein Biorama mit möglichst vielen Tieren herzustellen.

So wichtig wie Egerer die Traditionen bei der Jagd sind, so wichtig ist es ihm auch, seine Arbeit in diesem Sinne auszuführen und Präparationen zu fertigen, die nicht nur den Wünschen seiner Kunden entsprechen, sondern auch die Schönheit und Anmut der Tiere zeigen. "Die Trophäenjagd ist für Namibia ein wichtiger Bestandteil, der nicht nur Arbeitsplätze schafft, sondern auch den Tieren einen Wert gibt. Ich bin froh, dass hier die Jagd größtenteils nach ethischen Ansprüchen ausgeführt wird."