16 Juli 2021 | Geschichte

Die Guanoinsel auf Bird Rock (10. Folge)

Das Lebenswerk eines Mannes, der durch Fleiß, Ausdauer und den Glauben an seine Idee endlich zum Erfolg gelangt

Im Jahre 1930 begann Adolf Winter auf dem besagten Felsen den ersten „Tisch“, der ca. 4x4m groß und ca. 3m hoch war, zu bauen. Es war ihm klar, daß nur eine Konstruktion, die dem Wasser möglichst wenig Widerstand bot, den Gewalten der Natur standhalten würde. Nachdem sich seine Überlegungen als richtig erwiesen hatten und die Vögel sich auf der Plattform angesiedelt hatten, erweiterte er, sofern es seine bescheidenen Mittel zuließen, diese Plattform bis zu ihrer heutigen Größe von 17000qm.

DIE JÄHRLICHE GUANOERNTE AUF BIRD ROCK

Der Verkauf der Ernte- Kapitel 3 (Teil 4/4)

Während der Anfangsjahre war die Plattform noch klein und die jährliche Ernte dementsprechend gering. Sie wurde in natura unter den Teilhabern der Atlantic Guano Syndicate verteilt, und jeder verkaufte seinen Anteil selbst, hauptsächlich an Firmenvertreter, die den südafrikanischen landwirtschaftlichen Markt belieferten. Da Winter zur dieser Zeit noch nicht wußte, daß sein Guano so viel mehr Stickstoff enthielt als jener der vorgelagerten Regierungsinseln weiter südlich und er somit dessen wirklichen Marktwert nicht kannte, verkaufte er ihn recht billig. Bis 1937 bekam er etwa £ 5 pro Tonne, 1938 £ 7.10.0 und 1939 bis zu £ 11.7.5.

Auf Grund einer Kriegsmaßnahme wurde während des Zweiten Weltkrieges der Verkauf aller Düngemittel von der südafrikanischen Behörde kontrolliert. Auch den Guanoproduzenten in Südwestafrika wurde vorgeschrieben, an wen sie ihren Guano verkaufen mußten und zu welchem Preis. Jeglicher Export nach Übersee war verboten. Sämtlicher Guano mußte der südafrikanischen Handelsvereinigung für Düngemittel (FTA) zur Verfügung gestellt werden. Diese verteilte ihn dann an ihre Mitglieder, die Guano als Zusatz in ihren Düngemittelmischungen verwendeten. Die Behörde war der Meinung, daß dieses wertvolle, hochprozentige Produkt auf diese Weise sparsamer verwendet werden würde, als wenn es direkt an den landwirtschaftlichen Verbraucher ginge. Wenn ein Produzent an ein Nicht-Mitglied der FTA liefern wollte, so mußte er dafür eine schriftliche Genehmigung bekommen. Der Preis für die Tonne Guano wurde von einem Preiskontrolleur festgelegt und von Zeit zur Zeit erhöht.

Auch nach dem Krieg blieben diese Maßnahmen in Kraft, denn Guano war ein rares Produkt, und Südafrika wußte um den Wert dieses unschätzbaren Düngemittels. Die riesigen jahrhundertealten Guanoablagerungen Südamerikas, hauptsächlich Perus, konnten viele Jahre die Weltnachfrage sättigen, jedoch war der Bedarf so groß, daß diese Quelle bald versiegte. So war man in Peru auch auf den periodischen Abbau frischen Guanos angewiesen. Im Jahre 1940 aber wich der Humboldtstrom mit seinem Anschovisreichtum von seiner ursprünglichen Richtung ab, so daß dort große Vogelscharen den Hungertod starben und somit kein Guano produziert wurde. Erst Ende 1947 kehrte der Strom in seine alte Bahn zurück, und Anfang 1949 konnte die erste Ernte wieder eingebracht werden. Für viele Jahre jedoch exportierte Peru keinen Guano mehr, sondern verkaufte ihn nur an seine eigene Industrie.

Nach dem Krieg kämpfte das Atlantic Guano Syndicate vergebens um eine freie Marktwirtschaft für ihr Produkt. Auch in dieser Sache brachte die Fürsprache Dr. Conradies, dem südwestafrikanischen Abgeordneten im Parlament von Südafrika, keinen Erfolg. Im Jahre 1948 erwähnte Winter in einem Brief, daß die 1 500 t Guano, die er in den letzten 9 Jahren gewonnen hatte, den Farmern in Südafrika einen Mehrertrag an Weizen von 15 000 bis 20 000 t eingebracht hatten. Da aber die südafrikanische Union auf eine Weizeneinfuhr angewiesen war, konnte er nicht auf eine Exportgenehmigung hoffen.

Auch der Preis, den man für den hochwertigen Guano bekam, war unzulänglich. Für lange Zeit blieb er trotz der Entwertung des Englischen Pfundes und erheblicher Preissteigerungen ziemlich stabil. So bekamen sie 1944 £ 10.12.6 pro Tonne, 1946 £ 11 und 1948 £ 11.3.0. Dies war wohl u.a. auch der Tatsache zuzuschreiben, daß die Düngemittelfabrikanten die Berater des Preiskontrolleurs waren.

Im Jahre 1948 bot London für die Tonne Guano £ 30, New York sogar £ 32 ex Walvis Bay an. Die Firma Stern, Morgenthau & Co., Inc., New York, war sehr überrascht, daß es solch hochgradigen Guano überhaupt gab, und meinte, in Amerika sei die Tonne US$ 145 bis US$ 160 wert. Wenn sämtlicher Guano aus Südwestafrika nach Amerika verkauft werden wurde, konnte dies für Südafrika ein Einkommen von US$ 200 000 bedeuten, und man fragte sich, ob Südafrika den US-Dollar nicht mehr benötige als die Farmer den Guano. Aber auch durch solche Überlegungen ließ das Landwirtschaftsministerium sich nicht zu einer Änderung der Bestimmungen verleiten.

Im Februar 1948 schrieb ein Partner Winters, daß in Südafrika der Weizen gewöhnlicherweise mit der „F-Mischung“ 4:10:6, d.h. 4 % Stickstoff, 10 % Phosphorsaure und 6 % Kali, gedüngt würde. Durch einen kleinen Zusatz von Phosphorsaure und Kali wäre Bird Rock Guano (16:9:4) viermal mehr wert als die „F-Mischung“. Die „F-Mischung“ koste den Farmer £ 13 bis £ 14 oder vielleicht £ 40, wenn man die Kosten der Phosphorsaure und des Kalis dazurechne. Hieran sei zu erkennen, daß der Guano viel zu billig sei. Außerdem sei Guano viel ergiebiger: 900 t Bird Rock Guano (9 000 Sack @ 100 lbs) würden eine Ernte von etwa einer 1/2 Million Sack Weizen einbringen. Mit zwei Sack „F-Mischung“ könnten ungefähr zwei Morgen gedüngt werden, welche dann 10 Sack Weizen produzieren würden. So würden dann 9 000 Sack „F-Mischung“ rund 45 000 Sack Weizen hervorbringen.

Endlich im Januar 1953 wurde Vogelguano der Preiskontrolle entzogen. Dies galt aber nicht für Düngemittel im allgemeinen. Der Grund für die Aufhebung der Preiskontrolle war der bessere Absatz von Düngemitteln in Südafrika.

Als aber 1953 die Verlängerungen des Pachtvertrages gewährt und die Schürfrechte zugestanden wurden, wurde in dem Vertrag festgelegt, daß das Atlantic Guano Syndicate den Guano, den sie auf Bird Rock ernten, nur in Südwest- und Südafrika verkaufen dürfe. Jeglicher anderer Guano, sowie auch andere Guanoproduzenten, blieben von dieser Bestimmung verschont.

Im Jahre 1954 gründeten Herbert Day und Adolf Winter ihre eigene „organische“ Düngemittelfabrik in Kapstadt. Die Gründung dieser Fabrik brachte eine erhebliche Preissteigerung des Guanos mit sich, da andere Fabriken aus Furcht, daß sie nun keinen Guano mehr von der Atlantic Guano Syndicate bekommen würden, ein besseres Preisangebot machten.

Heute wird der Guano in Swakopmund verarbeitet, d.h. von Federn und anderen Unreinheiten gesäubert, gemahlen und verpackt und dann hauptsachlich nach Belgien exportiert. Der Stickstoffgehalt (16%) bestimmt den Preis.

Obwohl Guano sich als ein hervorragendes Düngemittel bewährt hat, schwankte der Absatz aber die Jahre hinweg sehr. In den Anfangsjahren Bird Rocks war er sehr begehrt, und die Nachfrage war kaum zu decken. Als es der Wissenschaft gelungen war, Nitrate künstlich herzustellen und somit Kunstdünger zu erzeugen, rückte Guano etwas in den Hintergrund. Kunstdünger in Form von Granulaten ist für den Landwirt und Gartner in seiner Anwendung praktischer und einfacher als Guano und kann dem Wasser in Berieselungsanlagen beigefugt werden. Der Boden darf jedoch nicht ausschließlich mit Kunstdünger gedüngt werden, da er über keine Spurenelemente verfügt und auch nicht zur biologischen Durcharbeitung des Bodens beiträgt. Außer den drei wichtigsten Makroelementen, Stickstoff, Phosphor und Kali, versorgt organischer Dünger die Pflanzen mit lebensnotwendigen Spuren- und Mikroelementen wie Kupfer, Mangan, Eisen, Zink usw. Düngung mit organischen Produkten macht den Boden nicht nur fruchtbarer, sondern auch leichter und durchlässiger, so daß er besser belüftet wird und Wasser besser speichern kann. Aus diesen Gründen konnten künstliche Düngemittel die organischen nie ganz verdrängen und werden es auch in Zukunft nicht tun. Vor allem in Europa sind biologisch angepflanztes Obst und Gemüse sehr gefragt, was wiederum die Nachfrage nach organischen Düngemitteln steigert.