27 August 2015 | Polizei & Gericht

Die Fratze hinter der Fassade

Wie muss ein Autofahrer veranlagt sein, der mitten im Stoßverkehr auf der Fernstraße anhält, um dort Frachtgut aufzusammeln, das von einem Lastwagen gefallen ist? Das haben sich am Sonntag hunderte Verkehrsteilnehmer gefragt, die zwischen Okahandja und Windhoek durch das egoistische Verhalten ihrer Mitmenschen fast zwei Stunden zum Stillstand gezwungen wurden. Dass sich ein Lastwagenfahrer mit nachweislich gemessenen 0,91 Promille ans Steuer setzt und durch sein erratisches Fahrverhalten den Verlust seiner Fracht verursacht, ist an sich ein Skandal. Dass dann aber andere Fahrzeugführer anhalten und einen kilometerlangen Stau in Kauf nehmen, um ein paar aus dem Lastwagen gefallene Flaschen mit Speiseöl an sich zu bringen, ist eine Ungeheuerlichkeit. Vielleicht wird in Situationen wie diesen, wo bei der kollektiven Selbstbereicherung eine Art Volksfeststimmung aufkommt, wo sich jeder selbst der Nächste ist und ebenso hemmungs- wie rücksichtlos so viel wie irgend möglich zusammenrafft, der wahre Charakter all jener deutlich, die gerne eifrig nicken, wenn Präsident Geingob von Miteinander und Gemeinschaftsgefühl spricht. Marc Springer