14 Juli 2021 | Geschichte

Aus Kolonialherren werden Internierte

Für namibische Leser deutscher Herkunft ist die Geschichte - das Narrativ, wie manche Autoren die Historiographie heute gern nennen – über den Einfluss des Nationalsozialismus auf die Deutschsprachigen zwischen den beiden Weltkriegen eine aufschlussreiche Darstellung. Die Akteure und Leiter der verschiedenen Verbände, die sich – auch nach dem Verbot der NSDAP am 29. Oktober 1934 – weiter aktiv für die Bewegung aus Deutschland engagiert oder in Einzelfällen distanziert verhalten haben, sind fast alle auch heute nicht nur unter Nachfahren sondern auch aus der mündlichen Überlieferung bekannt. Fest steht, dass alle Deutschsprachigen deutsch-national ausgerichtet waren, auch wenn nicht alle das Hakenkreuz an erste Stelle gerückt haben.

Die 1939/40 Internierten - es waren rund 1 600 -, die ab 1946/47 aus Südafrika entlassen wieder nach Südwestafrika heimkehren durften, haben der Generation ihrer Kinder allerhand über Überlistungsstreiche gegenüber der Lagerbewachung sowie über Lehr- und kulturelle Aktivitäten in den Lagern erzählt, aber generell kaum oder nichts über politische Verwerfung und Aktivitäten vor und während der Kamp-Zeit in ihren Reihen mitgeteilt.

Bezeichnend dazu ist die Erfahrung, die der Autor Wolfgang Reith am 12. Juli 1978 bei seinem Vortrag „50 Jahre Deutsch-Südwestafrikanische Beziehungen“ im Biologiesaal der Deutschen Höheren Privatschule (DHPS) in Windhoek machen musste. Aus Gesprächen mit führenden Personen im damaligen SWA/Namibia wie Dr. Hans-Joachim Rust, Geschäftsführer der Wissenschaftlichen Gesellschaft, wurde deutlich, dass das NS-Thema zu der Zeit noch weitgehend tabu war und ausgeblendet blieb. Die Befürchtung bestand, dass es die Gesellschaft spalten könnte, in der viele Zeitzeugen noch lebten. Reiths Vortrag war aus seiner Staatsexamensarbeit von 1971 hervorgegangen, die er zur Erlangung des Lehramts mit dem Titel „Koloniale Interessen in der nationalsozialistischen Propaganda und Politik“ verfasst hatte. Diese Schrift ist denn auch der Auslöser für beide Abhandlungen, die auf dieser Seite angesprochen werden.

Blick aus zeitlicher Distanz

Im Vorwort zu diesem Band, 2021 erschienen, vermerkt Reith: „Der Zeitpunkt für eine Veröffentlichung der über ein halbes Jahrhundert zusammengetragenen Arbeitsergebnisse dürfte nunmehr gekommen sein, ohne dass sich dadurch jemand desavouiert zu fühlen bräuchte.“ Ein anderer Autor, Martin Eberhardt, hat diese Epoche ebenfalls, zusätzlich bis in die Apartheid hinein, aufgearbeitet, unter dem Titel „Zwischen Nationalsozialismus und Apartheid - Die deutsche Bevölkerungsgruppe Südwestafrikas 1915 – 1965“. Reith hat dieses Thema mit vielenchronologischen Details aus persönlichen Recherchen und Gesprächen mit Zeitzeugen vor Ort über 50 Jahre sowie mit zahlreichen Fotodokumenten ergänzt, um mit dem 2. Weltkrieg abzuschließen.

So wird die Lektüre eine Entdeckungsreise in die sich wiederholt wandelnden Strukturen der deutschsprachigen Gemeinschaft der zwanziger und dreißiger Jahre. Der Einfluss aus dem autoritären Deutschland unter dem Hakenkreuz war überwältigend, nicht nur bei der Flaggenhissung auf dem Schulhof der heutigen DHPS,und fand ein leidenschaftliches Echo. Mit der schrittweisen Demontage des Versailler Diktats, der wachsenden Bedeutung und vergreiteten Struktur des Reichskolonialbunds in Deutschland sowie der gezielten Einflussnahme der NS-Gesandten auf die Südwester

und ihre Körperschaften verstärkte sich die Erwartung, dass die britisch-südafrikanische Verwaltung beendet und Südwestafrika wieder in den deutschen Machtbereich zurückkehren würde. Reith schildert im Detail, wie sich Berufskreise, Schule, Gemeinschaften und Jugendverbände in dem Rahmen mit Zerreißproben zu arrangieren suchten. Er geht auch kurz auf die Frage ein, ob, bzw. inwiefern der Hitler-Antisemitismus in Südwestafrika Schule gemacht habe. Die Nationalsozialisten in SWA haben diesem Thema offensichtlich keine Priorität zugewiesen.

Der 2. Weltkrieg samt Internierung deutschsprachiger Männer hat allen verbliebenen NS-Strukturen in Südwestafrika ein Ende gesetzt. Der Krieg hat das Land auch ohne Kampfhandlung auf namibischem Boden tief berührt. Abgesehen von den Internierten haben junge Deutschsprachige, die sich zur Ausbildung in Deutschland befanden an allen Fronten gekämpft, darunter ein Rehobother Baster in Wehrmachtsuniform. Afrikaanssprachige Südwester haben in Nordafrika auf alliierter Seite gekämpft, darunter ein Bure, der als Dolmetscher für Deutsch eingesetzt war, denn er war bei deutschen Missionaren in die Schule gegangen. Deutschsprachigen sind danach etliche Jahrzehnte in die politischer Abstinenz eingetaucht, was anderswo dokumentiert ist. Die NS-Ausrichtung unter damaligen Deutsch-Südwestern war ethnisch auf die Sprachgruppe begrenzt und bildet einen prägnanten Abschnitt und Teil im Gesamtbild der Zeitgeschichte Namibias, die hier in sachlicher Aufarbeitung vorliegt.

Eberhard Hofmann