11 Februar 2019 | Meinung & Kommentare

Anatomie einer Entfremdung

Wie eine zerrüttete Zwangsehe in der Sprachlosigkeit herrscht: So ließe sich das derzeitige Verhältnis zwischen Medien und Regierung beschreiben.

Seine Minister wollten aus Furcht, falsch zitiert oder redaktionell vorgeführt zu werden, nicht mehr mit der Presse kommunizieren. So hat Präsident Hage Geingob das Ausmaß der Entfremdung zwischen der Exekutive und vierten Gewalt beschrieben und damit die eigentliche Problemstellung auf den Punkt gebracht: Wo nicht gesprochen wird, entstehen Missverständnisse und Vorurteile, gedeihen Gerüchte und Verschwörungstheorien.

Warum ist es zu diesem Zerwürfnis gekommen? Weil eigentlich voneinander abhängige und aufeinander angewiesene Entscheidungsträger und Medienschaffende das Vertrauen in einander verloren haben. Weil sich Reporter von Volksvertretern unzureichend informiert und deshalb verpflichtet fühlen, den Mangel an Fakten mit unzuverlässigen Vermutungen zu kompensieren, oder durch eigene Interpretationen anzureichern.

Und weil sich die Berichterstattung damit inhaltlich einfärbt, entsteht bei Führungskräften der Eindruck, die Medien seien ihr natürlicher Feind, den man auf Distanz halten muss. Wer als Wirtschafts- oder Regierungsvertreter denkt, die Medien würden Meinungsmache betreiben, sei es aus politischen Motiven, einem persönlichen Profilierungsdrang oder um die Auflage und Einschaltquote zu steigern, der meidet sie. Und weil er die Auskunft verweigert bleiben Berichte unbestätigt und gelangen Halbwahrheiten, Spekulationen oder Mutmaßungen an die Öffentlichkeit.

Damit schließt sich ein Teufelskreis aus Trugschlüssen. Je mehr sich Politiker vor angeblich voreingenommenen Medien fürchten und schweigen, desto mehr Falschberichte werden aus Mangel an Information veröffentlicht. Und je mehr sich fehlerhafte Berichterstattung häuft, desto mehr verfestigt sich das Vorurteil einer tendenziösen Presse und desto lauter wird das Schweigen jener, die eigentlich eine Auskunftspflicht haben.

Marc Springer