Peter am Lagerfeuer 1985
Peter am Lagerfeuer 1985

Der weiße Buschmann

Vom Wilderer zum Wildhüter
Im Jahre 1929 in Windhoek geboren, lernt Peter Stark, wie so viele „Südwester", schon als Kind den Umgang mit einer Jagdwaffe und von einem Farmarbeiter das Verhalten des Wildes. Seine Liebe zur freien Natur, dem Reitsport und vor allem der Jagd, verführten ihn zu Abenteuern, die ihn oft in Schwierigkeiten brachten. Seine Einstellung zur Jagd ändert sich drastisch, als er von der Abteilung Naturschutz der ehemaligen SWA-Administration angestellt wird und er nun die Wilddiebe aufspüren muss, um das Wild im Etoscha-Nationalpark als Wildhüter zu beschützen.
90. Folge

Höhepunkt als Spurenleser 2/3

Ich ging ein ganzes Ende nach Norden bis die Menschenspuren weniger wurden. Dann begann ich, in großen Zwischenräumen, große 360° Zirkel zu laufen. Als ich den dritten Zirkel machte, fand ich eine alte, halbverwehte schmale, lange Männerspur, von der man aber nur die vorderste Schuhhälfte sah. Die hintere Hälfte war durch eine frische Spur übertreten worden und die alte Spur hinten war verwischt. Dem Alter nach, hätte die untere Spur die des Mannes sein können und sie deutete auf eine lange, magere Person. Ich folgte nun der Richtung, in die die Person gegangen sein müsste und fand eine Weile später wieder so eine Spur, die aber vom Wild zertreten war. Es waren auch nur Fragmente einer langen, schmalen Männerspur. Ich war mir jedoch ziemlich sicher, dass es die rechten Spuren waren. Nun brauchte ich aber Hilfe. Ich ging zurück zu Naudé, erbat mir eine Militärperson mit einem Radio für Sprechfunk und bat, dass er mir einen der Hubschrauber zur Verfügung stellte. Naudé gab mir Begleitung mit Radio und versprach, dass der Hubschrauber uns später helfen könnte. Mit dem Truppler ging ich zu dem Platz zurück, wo ich die letzten Spuren gelesen hatte. Als ich sie wiedergefunden hatte, folgte ich mit dem Truppler. Anscheinend hatte der Mann einen Wildwechsel gewählt. Das Wild hatte die Spuren sehr zertreten und nur Fragmente und Teile dieser Spur waren ab und zu sichtbar. Die Spuren führten über einen Berg. Oben auf dem Berg angekommen, sah ich am gegenüberliegenden Berg eine Felsformation, die ein trockener Wasserfall hätte sein können. Am Fuße dieses Wasserfalls standen große grüne Salzbüsche und der Wildwechsel führte darauf zu. „Dort könnte Wasser sein!“ dachte ich. Ich ging sofort auf die grünen Büsche zu. Vor den Büschen lagen klar und deutlich die Spuren des Mannes. Lange, schmale Schuhspuren, weiter Raumgriff, die Spuren zehenweit mit dem Vorderteil der Schuhe nach außen tretend. Ich hatte ein gutes Charakterbild der Spuren des Verirrten und vor allem, ich war sicher, dass ich den richtigen Spuren folgte. Hinter den Büschen flogen Felsentauben empor. Hier war ganz bestimmt Wasser. Als ich die Zweige der Salzbüsche auseinander bog, stand ich vor einer großen Wasserlache. Die Spuren des Mannes führten aber am Wasser vorbei, auf dem nächsten Wildwechsel wieder bergauf. Der Verirrte war also unbewusst, auf knapp fünf Meter, am lebensspendenden Wasser vorbeigegangen, weiter in die Wüste hinein. Nun ließ ich per Sprechfunk den Hubschrauber kommen. Als er bei uns gelandet war, stieg ich mit dem Truppler ein und ließ mich über den Berg bis zum nächsten Trockenrivier fliegen. Ich gebrauchte nun die „leapfrog“ Methode, Überspringungsmethode. Das konnte sehr viel Zeit und Mühe sparen. Alle Trockenriviere fließen von Osten nach Westen dem Meer zu. Wenn der Mann also seine Richtung weiter nach Norden hielt, musste ich die Spuren immer wieder finden können. Im weichen Riviersand waren die überquerenden Spuren jedes Mal klar und deutlich zu sehen. Ein gewagtes Unternehmen, aber wer nicht wagt, gewinnt nicht. Beim nächsten Rivier fand ich die Spuren wieder. Wieder ließ ich den Hubschrauber kommen und mich über den nächsten Bergzug bis zum nächsten Rivier fliegen. Auch dort fand ich die Spuren im folgenden Rivier. Das ging so weiter für die nächsten ungefähr zwanzig Meilen. Der Pilot des Hubschraubers fragte mich verständnislos, was ich eigentlich täte und vorhätte. Er war Leutnant, ich war Major, also musste er tun, was ich befahl. Fünf Uhr nachmittags streikte er endgültig, seine Dienstzeit sei vorbei und er müsste zurück nach Walvis Bay. Ich hätte ihm am liebsten mit bloßen Händen die Luftzufuhr abgedrückt, musste aber nachgeben, weil der Hubschrauber seine Verantwortung war. Daran war nicht zu rütteln. Auch meine Frage, ob er schon einmal einen verdurstenden Menschen gesehen habe, und ob er wüsste, was Durst wäre, ließ ihn nicht bewegen weiterzufliegen.

Er lud mich bei Naudé ab und beide Hubschrauber flogen eiligst in Richtung Walvis Bay. Naudé konnte ich nur berichten, dass ich die richtigen Spuren gefunden hatte und dass er die Hubschrauber am nächsten Morgen bei Tagesanbruch zur Verfügung stellen sollte. Naudé war Feuer und Flamme. Inzwischen hatte man General Verster in Windhoek gebeten, die Suche abbrechen zu dürfen. Nach menschlichem Ermessen müsste der Mann schon lange tot sein. Da von der Ropp aber ein hochangesehener Deutscher war, befahl der General kurz und bündig: „Ihr sucht weiter, und wenn ihr nur seine zerrissene blutige Unterhose findet. Ich will wissen, was aus dem Mann geworden ist!“ Als Naudé mir das berichtete, klangen seine Worte wie himmlische Musik in meinen Ohren! Da ich keinerlei Decken oder Kampausrüstung mitgenommen hatte, ließ Naudé mich in einem Flugzeug, welches auf dem Weg gelandet war, nach Swakopmund fliegen, um bei Immo übernachten zu können. Im Morgengrauen sollte das Flugzeug mich zurückbringen und die Suche sollte weitergehen.

Am nächsten Morgen, es war sonnabends, waren wir mit dem erstem Tageslicht wieder in der Luft und landeten auf dem Wege gegenüber dem Kampplatz. Man hatte in der Nacht bei einem Farmer zwei Hottentotten aus dem Bersebagebiet geholt, die gute Spurenleser sein sollten. Als ich mich mit den Hottentotten in ihrer eigenen Sprache unterhielt, hellten ihre Züge sich sofort auf und eine rege Unterhaltung entspann sich. Ich merkte gleich, dass beide keine Anfänger waren. Ich erklärte ihnen die Überspringungsmethode. Ich würde mich vorausfliegen lassen, sie sollten erst auf den Spuren bleiben. Wenn ich die Spuren gefunden hätte, würden sie von dort aus weiter auf den Spuren laufen, während ich einen Bergzug weiter nach den neuen Spuren suchen würde. Die Männer hatten verstanden.

Kommentar

Allgemeine Zeitung 2023-02-08

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