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Reisebericht

 

Auf Tour

 

Air Namibia

 

Vom  4.12.2008

Soweit die Reifen tragen

© Carsten Möhle
Schlussbesprechung des Tages am Abend, was für einen Eindruck hattet ihr, wie konkret waren die Fragen, was waren die Hauptängste, welche Tour ging am Besten, wann wollen die Leute kommen, was müssen wir morgen früh auslegen, was wurde aus dem Shop verkauft. Die Reisemessen bis März des Jahres sind ein gutes Barometer, wie das Tourismusjahr sein wird. Am Abend nach der Messe: E-Mails an die Büros, um schon Flüge und Etoscha-Buchungen zu veranlassen, Adressen weiterleiten, damit Unterlagen ausgesandt werden, Rückfragen, welche Reiseträume eingegangen sind, Pressemitteilungen an die Lokalpresse senden mit ersten Photos von der Messe. Afrika in Europa kommt spät zur Ruhe.

Auslandseinsatz! Der Plan war, nachts einzufliegen in die Schweiz und vor den Messehallen in Zürich zu parken. Dann ist man das erste Fahrzeug, welches durch die Auffahrschnecke in die Hallen kommt. Wenn man einen halben Tag später reinfahren will, muss man den Allradgang einlegen und seine Haftpflichtversicherung aktuell halten, um auf sein Messestandgelände zu kommen. An der Schweizer Grenze steht ein Grenzpolizist: „Was haben denn Sie geladen?“ - „Eisenbahnschwellen, Steine und meinen Messestand.“ - „Dafür brauchen sie ein Carnet, damit sie den Messestand nicht verkaufen“ – „Bergvölker! Wären Schweizer bei uns eigentlich Damaras?“, denke ich still. „Wieso verkaufen, gibt es gerade eine Schwellenknappheit in der Schweiz? Ich habe eine Buchungsbestätigung der Folgemesse in München, ich brauche dort meinen Messestand. Carnet kann ich jetzt nicht. Machen wir doch einen Plan. Ich habe einen Schlepptop dabei, damit erstellen wir eine Inhaltsliste, die stempeln Sie, ich hinterlege eine Sicherheit, komme hier wieder nach der Reisemesse zurück und wir vergleichen, ob ich noch alles dabei habe.“ - „Klingt vernünftig!“ Na also, mit diesem Grenzer kann man doch reden. Dabei hielt ich Schweizer immer für engagierte Bedenkenträger, die ihren Jahresurlaub als Impfhelfer auf Norderney verbringen und Bierdeckel sammeln, deren häufigste Suchbegriff im Internet „Haftpflicht“ ist und die an Wochenenden mit der Familie die Trivial-Pursuit-Steuergesetz-Edition spielen. Beim Aufklappen des Laptops fällt mein Blick auf eine ungewöhnliche Steckdosenform. „Entschuldigung Herr Zöllner, haben Sie einen Adapter von Schweiz auf Welt?“
© Carsten Möhle
Nach acht Stunden Wartezeit bis zum Schichtwechsel winkt mich der neue Schweizer Zöllner durch die Grenze. Nach Zürich ging es nun ab den Rheinfällen schnell bergab. Pauls Winterreifen bringen mich sicher und als erstes zum Messegelände. Das Schweizer Fernsehen steht bereit, um die Ankunft der ersten Messeaussteller zu filmen. Eine Toblerone entschädigt mich für das fünfmalige Aufsitzen und Einfahren in das Messegelände, da die Kamerablende eingefroren war.

Der Aufbau des Messestandes folgte dann Routinen und auch die eigentlichen Messetage waren – mit Ausnahme der langen Hosen - ähnlich. Die Schweizer verstanden es auch, von ihrer Sprache mit den Gutturallauten – man wartete immer auf den Damara-Klick, schnell ins Hochdeutsche zu wechseln. Merkwürdig. Hier zuckte keiner bei unseren Preisen. Und wieso kommen Schweizer eigentlich jedes zweite Jahr zurück nach Namibia und nicht alle drei Jahre, wie der durchschnittliche deutsche Reisegast?
Beim nächtlichen Rausfahren aus der Messehalle nach Ende der Messe kam ich an einem Parkhaus vorbei. Gut, dass ich in Zürich keinen Parkplatz suchen musste und direkt in die Halle hineinfahren konnte. Ein Tag im Parkhaus kostete hier so viel wie zwei Monate das Fahrzeug auf einer Farm in Namibia abzustellen. Die Zeit zum Namibiaforumstreffen wird mit Vorträgen im Verkehrsmuseum und im Pöschtli verbracht - und um die nächsten Reiseangebote zu schreiben. Das Forumstreffen ist ein Wochenend-Treffen von Afrikaverrückten in einer Waldhütte am Faulensee mit Diavorträgen, Internet-Blog-Workshops, Gemsbockbraai, Savanna Dry, Winterpoitje und Feuerzangenpoitje. Man trifft hier auf Namen wie Chrigu, Joli, Bazi, Osket, Savuti, Sammy - also ähnlich wie die Namensliste der Buschmannschule in Grashoek. Flashlens hat mich nach meinem Bildervortrag heute in die Geheimnisse guter Kameraeinstellungen eingewiesen: Während beim Querformat mehr Darsteller nebeneinander ins Bild passen, kriegt man beim Hochformat mehr Leute übereinander drauf. Ein Vorteil, der vor allem Giraffenfilmer interessieren dürfte. Ein täglicher Programmpunkt ist natürlich auch ein Gamedrive im offenen Unimog im Berner Oberland. (http://www.videocommunity.com/pc/pc/display/2924/laurin/ ) Zeitweilig wurden sogar Lamas gesichtet und natürlich auch ein paar Schweizer Büffel.
Auf zur nächsten Messe. In den drei Monaten Januar bis März entscheiden sich ungefähr 70% der Namibiabuchungen für das Jahr. Man darf jetzt also nicht sükkeln. Mit Mautgebühren bis nach Konschtanz, dann mit der Fähre über den Bodensee und in strammer Nachtfahrt durch Schneegestöber nach München. Auf dem Weg werden drei Fahrzeuge aus dem Graben gezogen und das Spritgeld ist verdient. In meinem Buch „Ein Unimog erzählt“ wird dieses Kapitel wohl „Der Khaki-Engel“ heißen. Wenn ich jemals mit diesen klammen Fingern wieder schreiben kann. Die Müdigkeit wird immer stärker. Um nicht am Steuer einzuschlafen, denke ich mir schwierige Wörter aus wie zum Beispiel „Erdmännchenföhndauerwelle“ oder ich überlege, was ich wohl machen werde, wenn ich wieder zurück in Namibia bin: Meine Wohnzimmerwände mit Biltong dekorieren? Regentropfen zählen und nummerieren? Freundschaft mit einer Makalanipalme schließen? Ab Landsberg erzähle ich mir Witze, die ich noch nicht kenne: „Warum haben wir in Namibia soviel Kreisverkehr? Weil die Lenkradschlösser von den geklauten Fahrzeugen noch eingerastet sind.“ Beim Griff zur Coca Cola fällt mir ein: „Die ist ja wie Boxer Harry Simon: Schwarz und schlecht für die Zähne“. Aus Verzweiflung erfinde ich Bauernregeln wie „Will er nach Namibia hotten, muss der Bauer globetrotten“. Langsam überfällt mich der Wahnsinn, im Autoradio höre ich „Anhaltende Regenfälle mit Joghurtgeschmack haben weite Teile der Namibwüste urbar gemacht. An der Wiederunurbarkeitmachung der Touristenattraktion arbeitet eine internationale Expertenkommission aus zwei Finnen und einem Spezialisten“.
Dass man in Namibia normal ist, merkt man da-ran, dass hahahahoho hups hups. Ich fahre auf den Parkplatz und lege mich schlafen. Die Messesaison geht weiter – soweit die Reifen tragen.
Carsten Möhle
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