
Carsten Möhle zeigt seinen Gästen Sehenswürdigkeiten in und um Windhoek
Der Unimog ruckelt und dröhnt wie ein alter Traktor. Meter für Meter holpert der Wagen die ausgefahrene Piste den Hügel hinauf, neigt sich bedenklich zur Seite, stampft von einem Schlagloch ins nächste. "Das ist längst noch nicht alles, was der Wagen kann", ruft Carsten Möhle gegen den Lärm seinen Fahrgästen zu, die auf den Sitzen hinter ihm auf und ab hüpfen. "Bei unseren Safaris fahren wir damit manchmal tagelang über solche Wege." Einige Minuten dauert das Geschaukel, bis sich das Fahrzeug den Berg hinaufgekämpft hat.
Die Bremsen kreischen. Möhle stoppt den Unimog und deutet in die Ferne - weit und flach breitet sich Windhoek bis zu den Bergen am Horizont aus. Tief unten liegt der Goreangab-Dam - See und zugleich ein Wasserspeicher der Großstadt. Kaum zu glauben: Eben noch sauste der Wagen über den Asphalt und durch den dichten Straßenverkehr, jetzt stehen die Urlauber in der Einsamkeit draußen vor Stadt, durchgeschüttelt wie nach einer Safari. "Die Leute sollen eben möglichst viel von Windhoek sehen", sagt Carsten Möhle, Chef und Gründer des Reiseunternehmens "Bwana Tucke Tucke", das vor allem auf Safaris und Rundfahrten durch Namibia spezialisiert ist. Namibia ist ein Land mit vielen Facetten, Gegensätzen und Eigenheiten. Das spiegelt sich auch in der Hauptstadt Windhoek wider, und genau das will Möhle den Urlaubern während seiner mehr als zweistündigen Stadtrundfahrt vermitteln. Wer "Sightseeing-Touren" durch Paris, London oder andere Metropolen gewohnt ist, wird staunen, was Windhoek zu bieten hat. Die Rundfahrt führt an den wichtigsten Sehenswürdigkeiten vorbei: der Christuskirche, dem Tintenpalast, dem Sitz der namibischen Regierung, oder der alten Pulverkammer an der Hügelstraße. "Das ist das älteste Gebäude der Stadt", sagt Möhle, "nicht die Alte Feste, wie es in vielen Reiseführern steht." Möhle sitzt locker am ausladenden Steuer seines 1967er-Unimogs, einen Arm auf die Rückenlehne des Beifahrersitzes gelegt. Wenn er erzählt, dreht er sich lange zu seinen Fahrgästen um, und es erstaunt, dass er dabei den Verkehr im Auge behält. Wer gerade erst in Namibia angekommen ist, spürt während der Rundfahrt den ersten Hauch von Draußensein und Abenteuer, wenn der Wagen über die Pisten am Stadtrand holpert. Die Reise führt auch in die "Squattercamps" von Katutura, einen Stadtteil von Windhoek, in denen die Ärmsten Hütten aus Blech und Abfall bauen. Der Unimog ist oben offen - aus gutem Grund: "Erstens kann man dann besser gucken und zweitens findet mit den Leuten auf der Straße so etwas wie Kommunikation statt." In Katutura bleiben die Kinder an den Straßenrändern stehen als das eigenwillige Cabriolet langsam vorbeituckert. Einige der Kleinen quietschen vor Vergnügen, winken und rufen. Und Möhle ruft und winkt zurück. Natürlich bleibt das Gefühl, als neugieriger Zaungast durch diese fremde Welt zu fahren, aber Möhle hat Recht: Wenn der Wind durch die Haare weht, die Sonne auf den Kopf brennt und man den Kindern "Hello" zurufen kann, ist man mittendrin im Leben - das ist anders als im klimatisierten Reisebus. An einem der vielen kleinen Bratenstände im Squattercamp hält Möhle an und steigt aus. Unter einem Schattendach aus Holzbrettern und Plastikfolie brät dort ein junger Mann Fleischstücke auf einem Grill aus Drahtgeflecht. "Will einer einen Happen?", ruft Möhle. Kopfschütteln bei den Fahrgästen. Einige Kinder betrachten neugierig das Gefährt. "Was ist denn das für `ne Marke", fragt ein Jugendlicher, lächelt ein wenig süffisant und staunt nicht schlecht als Möhle auf den Stern am Kühler deutet. Carsten Möhle ist sichtlich stolz darauf einen alten Unimog der Motorenwerke Gaggenau zu fahren. Der Wagen ist mehr als nur ein Reisemobil. Er ist Sinnbild der "Bwana Tucke Tucke"-Idee. Möhle hat seine Firma nach dem Abenteurer, Weltenbummler und deutschen "Indiana Jones" Paul Graetz benannt, der im Jahr 1907 als erster Afrika von Ost nach West mit dem Auto durchquerte - mit einem Gaggenau-Fahrzeug. Graetz war ohne Auspuff unterwegs. Das sparte zwar Gewicht, machte aber einen Höllenlärm und brachte Graetz bei den Einheimischen den Spitznamen "Bwana Tucke Tucke" ein - "Herr Tucke Tucke". Vor einigen Jahren ist Christian Möhle die Afrikaquerung von Dar Es Salaam (Tansania) bis Swakopmund zum ersten Mal nachgefahren und entschloss sich, sein Reiseunternehmen nach Graetz zu benennen. Inzwischen gehört die Afrikaquerung zum festen Veranstaltungsprogramm - ebenso wie die Stadtrundfahrt durch Windhoek.
Am Goreangab-Dam liegt das Selbsthilfe-Zentrum "Penduka". Frauen verkaufen dort Handarbeiten, Kunstgegenstände und erstaunlich stabile Möbel aus Pappmach". Nach der etwa halbstündigen Offroad-Fahrt über die Hügel am Goreangab-Dam wird hier Rast gemacht. Wer Lust hat, kann sich die Handarbeiten anschauen, unter den Bäumen am See ein Glas Bier trinken oder eine Kleinigkeit essen. Carsten Möhle nutzt die Zeit, um ein bischen mehr in Ruhe zu erzählen - zum Beispiel wie er angefangen hat, mit seinen ersten Touren durch Namibia - unter anderem mit einem "Hochzeitsreisemobil" und "Doppelbett ohne Ritze" für Paare, die ihre Flitterwochen auf besonders originelle Weise verbringen wollen. Möhle bezeichnet sich selbst als Safari-Berater und bietet nicht nur komplette Reisepakete an, sondern hilft bei der Planung eigener Unternehmungen. Und wer will, kann Möhle und seine Kollegen eben auch nur für die Windhoek-Tour buchen. Mindestens zwei Leute sollen dabei sein. Bei Bedarf werden die Urlauber am Hotel abgeholt. Ansonsten wird ein Treffpunkt in der Stadt verabredet.