Die Spitzkoppe trägt viele Masken. Mal erstrahlt ihr Antlitz im Licht der aufgehenden Sonne in einem leuchtenden Rot. Dann wandelt sich der Inselberg in der flimmernden Mittagshitze zu einer blassen Erscheinung, die wie eine Fata Morgana aus dem Dunst der Namib-Wüste aufragt, um wenig später wieder scharfe Konturen anzunehmen. Oder sie trägt, der Krone eines Königs gleich, eine der zierlichen Federwolken auf dem Haupt, die sich sporadisch in diese Gegend verirren.
Obwohl die imposante Granitformation nur 29 km von der viel befahrenen Hauptverbindungsstraße zwischen Usakos und Swakopmund liegt und zu den spektakulärsten Sehenswürdigkeiten des Landes gehört, hält sich die Anzahl der Besucher in Grenzen. Das liegt vermutlich auch an ihrer relativen Nähe zum Ozean, der wie ein Magnet auf Erholungssuchende wirkt. Rund 25 Kilometer westlich von Usakos gelegen wird die Spitzkoppe deshalb von den meisten Urlaubern auf dem Weg zu Küste rechts liegen gelassen. Dabei hat die alte Felsdame sehr viel zu bieten.
Zwar zählt die Spitzkoppe, die ihre Umgebung um beachtliche 700 Meter überragt, nicht zu den höchsten Bergen Namibias. Wegen ihrer markanten Umrisse gilt sie aber als der bekannteste und meist fotografierte Berg des Landes. Das hat gewiss auch damit zu tun, dass die Spitzkoppe aus einer flachen Ebene emporwächst und damit als einzige Erhebung in der gleichförmigen Steppe von weitem sichtbar ist.
Geologisch gesprochen besteht die Spitzkoppe aus zwei getrennten Bergen. Der großen Spitzkoppe (im Volksmund auch als namibisches Matterhorn bekannt), deren Gipfel 1728 Meter über den Meeresspiegel liegt und der kleinen Spitzkoppe mit einer Höhe von 1584 Metern. Weiter westlich erhebt sich in Form der so genannten Pontok-Berge (auch schwarze Spitzkoppe genannt) ein weiteres Felsmassiv, das mehrere Granitbuckeln vereint und wegen seiner charakteristischen Höckerform ein beliebtes Motiv für Maler und Fotografen ist.
Die große und kleine Spitzkoppe entstand durch einen Prozess, der in der Geologie als Intrusion bekannt ist. Dabei dringt flüssiges Material (in der Regel Magma) in bereits existierende Gesteinskörper ein. Durch diese vulkanische Aktivität wurden vor etwa 130 Millionen Jahren so genannte Granitstöcke gebildet, die jedoch nicht bis zur Erdoberfläche drangen, bevor sie abkühlten und erstarrten. Im Laufe der Jahrmillionen verwitterte das umgebende Deckgestein durch Winderosion bis nur der harte Granit der Intrusion übrig blieb – also das, was heute als Spitzkoppe bekannt ist.
Der kolossale Inselberg ist aber nicht nur für Geologen interessant, die in seiner direkten Umgebung unterschiedlichste Gesteinstypen und Mineralien wie Topase, Rauchquarz und Feldspatkristalle sammeln können, von denen die lokale Gemeinschaft direkt an der Abzweigung zur Spitzkoppe viele auf kleinen Tischen zum Kauf anbietet. Das gesamte Gebiet um den unwirklichen Riesen mit seinen skurrilen Gesteinsformationen ist auch ein Paradies für Wanderer und Bergsteiger.
Wer zu Fuß das Gelände erkunden will, kann stundenlang durch die bizarre Felslandschaft wandern, kleine Granithügel erklimmen oder Schluchten erforschen. Hinter jeder Ecke tun sich dabei neue Felsformationen auf, die über Jahrmillionen von Wind und Wetter zu bizarren Skulpturen geformt wurden. Bei diesen Verwitterungsprozessen sind auch zahlreiche kleine Höhlen oder Senken geschaffen worden, in denen sich nach dem Regen das Wasser sammelt und Vögel und Insekten tummeln. Für den Geologen ist die Spitzkoppe damit ein Mikrokosmos, in dem sich auf Kleinformat die Entstehungsgeschichte der Erde rekonstruieren lässt.
Auch für Kletterfreunde, vom Laien bis hin zum erfahrenen Bergsteiger hält die Spitzkoppe alles parat. Anfängern bieten sich eine Reihe langer und sanft ansteigender Felswände an, die viel Halt bieten. Fortgeschrittene hingegen können sich an steilen Überhängen versuchen und dort den ersehnten Adrenalinschub holen. Selbst für Könner ist das Besteigen des Gipfels jedoch äußerst schwierig und im Sommer sogar unmöglich, weil sich die Felsen in der Sonne zu sehr erhitzen. Deshalb gelang die Erstbesteigung der anspruchsvollen Westseite auch erstmals im Jahre 1946. Seitdem haben es nur 35 Seilschaften bis auf den Gipfel geschafft.
Neben Geologen, Wanderern und Fotografen lockt die Spitzkoppe auch viele Menschen an, die an Völkerkunde generell und der namibischen Geschichte speziell interessiert sind. Diese Historiker reizt vor allem die Vielzahl an Felszeichnungen, die zu Hunderten an der Spitzkoppe zu finden sind. In dem so genannten Buschmannsparadies häufen sich diese Zeichnungen, die hier unter einem überhängenden Felsen bei den Pontok-Bergen angebracht wurden. Der Weg zu dem Felsvorsprung führt über einen großen Granitbrocken, an dem eine Eisenkette befestigt ist, über die sich Besucher nach oben hangeln können.
Abgesehen von Geologen, Historikern und Kletterkünstlern kommen auch Botaniker an der Spitzkoppe auf ihre Kosten. Hier gibt es eine Vielzahl an seltenen Pflanzenarten, die in der kargen Wüstenlandschaft wachsen. Dazu gehören Gewächse, die sich auf wundersame Weise auf dem scheinbar unfruchtbaren Untergrund aus Stein gedeihen, indem sie ihre Wurzeln tief in schmale Felsspalten treiben, wo sie Feuchtigkeit aufnehmen.
Wer die vielen Facetten der Spitzkoppe erfassen und diesen unwirklichen Ort genau erkunden will, der sollte hier eine Nacht verbringen. Eine Übernachtung unter freiem Sternenhimmel empfiehlt sich schon deshalb, weil die Spitzkoppe ihren Reiz vor allem früh morgens und spät abends entfaltet, wenn der Berg im warmen Licht der aufgehenden bzw. untergehenden Sonne rötlich zu glühen beginnt und lange Schatten auf dem Bergmassiv tanzen. Dieses Schauspiel entgeht all jenen Besuchern, die aufgrund einer längeren Anreise erst verspätet bei der Spitzkoppe ankommen, oder dort auf dem Weg zur nächsten Anlaufstelle bereits mittags wieder aufbrechen müssen.
Für eine Übernachtung bei der Spitzkoppe stehen neben einigen Bungalows eine Reihe Campingplätze zur Verfügung, die in großen Abständen zueinander um den Berg angelegt sind und dem Gast absolute Abgeschiedenheit aber in der Regel keine Strom- und Wasserverbindung bieten. An der Rezeption gibt es Toiletten, eine Dusche, eine kleine Bar und einen Souvenirladen.
Der Campingplatz wir von der lokalen Damara-Gemeinschaft verwaltet und durch Einnahmen aus Eintritts- und Übernachtungsgebühren in Stand gehalten. Für Tagesbesucher werden Abgaben zwischen N$ 15 (Kinder von 6 bis 16 Jahren) und N$ 35 (Erwachsene) fällig und pro Fahrzeug zwischen N$ 5 (Personenwagen) und N$ 15 (Busse und Lastwagen) berechnet. Die Übernachtung auf einem der Campingplätze kostet N$ 22.50 (Kinder) bzw. N$ 45 (Erwachsene). Bei den Bungalows werden je nach Größe und Ausstattung zwischen N$ 120 und N$ 140 für Erwachsene bzw. N$ 60 und N$ 70 für Kinder verlangt. Außerdem ist gegen frühzeitige Vorausbestellung Frühstück, Mittagessen und Abendbrot sowie Feuerholz erhältlich.
Die bizarren Gesteinsformationen der Spitzkoppe, darunter auch der berühmte Felsbogen der in zahlreichen Reiseführern und Kalendern verewigt ist, hat bereits diversen Filmemachern (zuletzt der Hollywood-Produktion „10000 BC“) als Kulisse gedient. Bei dem Konzert „Rock on the Rock“ war die Spitzkoppe vor kurzem sogar Gastgeber einer Großveranstaltung, die sie wie die Witterungseinflüsse über Millionen von Jahren unbeschadet überstanden hat.
Wer also einen Urlaub an der Küste plant, sollte unbedingt einen Abstecher oder besser noch eine Übernachtung an der Spitzkoppe einlegen. Sie wird ihn dafür reich belohnen.