Das Leben am nördlichen Kap war seit jeher stark durch den Oranje geprägt. Für die Buschmänner, die San, und Hottentotten, die ihn zuerst entdeckten, war er die „Mutter aller Flüsse”, !Garib - der große Fluss. Er entspringt in den grünen Drakensbergen Lesothos und erreicht nach über 2300 Kilometern die Atlantik-Mündung in Namibia. An manchen Stellen hat er eine Breite von bis zu acht Kilometern. Für die Menschen, die im trockenen Norden und Nordwesten lebten, galt er als Wunder aus einer anderen Welt.
Der Oranje oder Orange-River, wie er auf Englisch heißt, begrenzt die Kalahari im Süden und fließt durch harsches, sonnenverbranntes Land. Aber selbst in die Wüsten-Gebiete bringt er Leben und Fruchtbarkeit und hinterlässt an seinen Ufern ein grünes, fruchtbares Band. Mit Hilfe von Wasser-Rädern und -Kanälen werden hier die Böden seit langer Zeit bewässert und genutzt. Luzerne, Baumwolle, Kartoffeln, Obst und Gemüse, Datteln und ungeheure Mengen an Rosinen und Sultaninen, aus Weintrauben gewonnen, werden heutzutage an seinen Ufern angebaut. Auch die Oranjerivier-Weinkeller haben sich in den vergangenen Jahren international einen Namen gemacht. Auf über 300 Kilometern entlang des Flusses werden vielfältige Rebsorten angebaut, die zu qualitativ hochwertigen trockenen Weißweinen, natursüßen und trockenen Roten bis hin zu Dessertweinen und Sekt verarbeitet werden.
Etwa 1780 war der Oranje auch von Europäern entdeckt worden, die ihm zu Ehren des niederländischen Prinzen seinen Namen gaben. Eine weniger royalistische Version lautet jedoch, dass der Name sich von der intensiven Orange-Färbung des Wassers durch den Kalahari-Sand ableitet, die wiederum auf dessen starken Eisenoxid-Gehalt zurückgeht.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts dienten die zahlreichen Inseln im Fluss als geeignetes Versteck für Freibeuter und Banditen, die damals hier ihr Unwesen trieben. Fluss-Piraten wie Kapitän Africaner, sein Leutnant Kapitän Stuurman und andere raue Burschen machten einige Jahre hindurch diese sonst so friedliche Region äußerst unsicher. Die Kapstädter hatten etliche Kämpfe mit ihnen auszufechten, bis schließlich wieder die gewohnte Ruhe einkehrte.
Diese unbeschreibliche Ruhe verspüren auch wir, als wir jetzt mit unserem Paddel-Boot auf dem Oranje unterwegs sind, endlose Harmonie und Frieden umgeben uns. Hier auf dem Wasser erleben wir wirklich das vollkommene Eins werden mit der Natur. Nur das Wispern des Windes im Schilf, die Stimmen der Vögel am Ufer und das Plätschern der Paddel, wenn sie ins Wasser tauchen, sind zu hören. Kormorane mit ausgebreiteten Flügeln nehmen ihr wärmendes Sonnenbad auf den Steinen und lassen sich nicht stören, als wir mit unserem Gefährt an ihnen vorübergleiten. Gelegentlich lassen sich neben unserem Boot auch Fische im glasklaren Wasser erkennen. Der Oranje gilt an manchen Stellen seines Verlaufs schlechthin als das Paradies für Angler und Fischer.
Kurz vor der Grenze nach Namibia, bei Vioolstrift, sind wir mit unserem Camper von der N7 nach Westen abgebogen und noch einige Kilometer flussabwärts gefahren. Hier gibt es einige Camps für Zelte und Wohnwagen, die direkt am Ufer liegen, wo man auf sicherem Wege die Boote zu Wasser lassen kann und den wunderschönen Ausblick über den Fluss genießt. In dieser Gegend ist der Oranje so ruhig und glatt, völlig ungefährlich zu befahren. Nur ein paar ganz kleine Stromschnellen lassen erahnen, dass der große Fluss auch ganz anders sein kann, wie etwa weiter flussaufwärts bei den Augrabies-Fällen, die wir am nächsten Tag ebenfalls besuchen wollen.
Das alte Namawort „Aukoerebis“ - Platz des großen Getöses - beschreibt recht anschaulich das donnernde Brausen des Oranje, der sich hier seinen Weg durch das Granit-Gestein bahnt, mit unvorstellbaren 400 Millionen Litern pro Minute, als sechst größter Wasserfall der Welt. Bis zu 40 Kilometer weit kann man sein Tosen hören. Gewaltige Wassermassen stürzen über 90 Meter in die Tiefe, umgeben von schäumender Gischt, feuchten Nebelschwaden und glitzernden Regenbögen. Darunter begraben, ein sagenhafter Schatz: Tonnen von Diamanten, bewacht von einem schlangenartigen Fluss-Monster, so die Legende.
Um einen ersten Blick auf den Wasserfall zu werfen, verlassen wir unseren Camper, klettern den Weg zwischen meterhohen Steinen hinunter, bis nahe an einen geschützten Felsvorsprung, manchmal sogar auf allen Vieren kriechend. Und dann sehen wir ihn: unglaublich diese Größe und Gewalt, dieses Tosen und Brausen, diese gigantischen Felsmassen.
Der Augrabies-Fälle Nationalpark selbst wurde 1966 eröffnet und umfasst eine Fläche von etwa 48000 Hektar. Ein weitaus größeres Reservat auf diesem Gebiet hatte schon vorher bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts bestanden. Der Oranje mit seinen zahlreichen Kanälen und Kaskaden fließt hier durch das Zentrum des Parks. Der gesamte Höhenunterschied beträgt 90 Meter, der höchste Einzelfall ist 56 Meter. 1778 entdeckt von einem desertierten schwedischen Soldaten, der aus Kapstadt kommend den Oranje hinauffuhr, wechselt Südafrikas größter Fluss hier sein Erscheinungsbild: Von einem breiten, auf sandigem Untergrund träge dahinfließenden Strom wird er unversehens zu einem reißenden, engen Gewässer, das sich tief durch das urzeitliche Granitgestein frisst. Unterhalb der Wasserfälle fließt er dann wieder ruhiger durch einen 18 km langen Canyon, der mit seinen bis zu 200 Metern Tiefe einige wunderschöne Aussichtspunkte zu bieten hat. Dazu gehören der Ararat und Oranjekom, wo Schwarzadler kreisen oder der Echocorner, wo man seiner eigenen Stimme lauschen kann, weiter westlich die Swartrante, mit einem unvergleichlichen Blick über eine bizarre, mit schwarzen Krusten aus Eisenmagnesium überzogene, endlose Mondlandschaft.
Zwischen den Felsen entdecken wir Klipspringer-Pärchen mit Jungen, die für die Augrabies-Fälle so typischen leuchtend-bunten Regenbogen-Lizards, und jede Menge an Rosenquarzen, die an manchen Stellen in Rosettenform aus dem Boden quellen. Die photogenen Köcher-Bäume, alte Sukkulenten, deren Äste bereits den Buschmännern zur Aufbewahrung ihrer Pfeile dienten und auch als „Frischhalte-Boxen“ für Fleisch, finden wir hier ebenfalls.
Mit unserem Camper geht es weiter den Oranje entlang: Kakamas und Keimoes sind unser nächstes Ziel. Es sind bekannte Ortschaften der sogenannten „Grünen Kalahari-Route“. Hier kann man auch den Fluss überqueren, eine weitere Brücke gibt es dann erst wieder in Upington. Auch hier hat man in den vergangenen Jahren begonnen, sich auf den Tourismus einzustellen und einige Gästehauser eröffnet. Etwas außerhalb von Keimoes übernachten wir in einer privaten Ökotourismus-Anlage auf einer Farm, die nur mit Bambus und Naturmaterialien im Rustikal-Stil erbaut ist, und ohne jede Elektrizität funktioniert. Neben 4x4 Touren, Wanderungen und Vogelbeobachtungen ist hier ebenfalls ein idealer Ausgangspunkt für Paddeltouren auf den verzweigten Seitenarmen des Oranje.
Für den nächsten Abend haben wir noch eine ganz spezielle Bootstour auf dem Oranje geplant: Wir buchen Plätze auf „Sakkie´s Arkie“ (Sakkies Arche) in Upington. Bei Musik und Barverpflegung schippern wir auf dem doppelstöckigen Ausflugsboot langsam den Oranje entlang, passieren die herrschaftlichen, alten Villen am Oranje-Ufer, um dann dem ursprünglichen, naturbelassenen Schilfgürtel zu folgen. Hier brüten zahllose Wasservögel, in den Bäumen lärmen Tausende Webervögel in ihren runden Nestern, die Graureiher aber stehen ganz still und warten geduldig auf ihre Fischmahlzeit. Sakkie schaltet die Boots-Maschinen ab. Es wird ganz still. Mit einem Sundowner in der Hand gleiten wir geruhsam in der Mitte des Flusses in einen unvergesslichen Sonnenuntergang hinein, nur die Wellen plätschern leise an den Planken, und auch die bisher so lustige Bootsgesellschaft ist bei diesem Anblick andächtig verstummt. Die Sonne versinkt in einem gleißenden Farbenrausch, vervielfacht durch die spiegelnde Wasseroberfläche des breiten Flusses.
Als wir zurückkommend wieder am Bootssteg anlegen, ist alles schon in samtenes Nachtblau gehüllt und die Straßenlichter reflektieren sich glitzernd in den sanften Wellen des Oranje. Eine Reise der Kontraste liegt hinter uns, trockene Wüste und saftig-fruchtbare Uferregionen, reißende Wasserfälle und ein träger, breiter Strom – der Oranje bietet viele verschiedene Gesichter.
Auskünfte: www.upington.co.za