Endlich ist das lang erwartete Buch über die vielfältigen Wildblumen der südlichen Namib unter dem englischen Titel „Wildflowers of the Southern Namib“ erschienen. Es beschreibt vorwiegend die Blütenpflanzen in dem Gebiet, das durch die Straße von Aus nach Lüderitz, die Atlantikküste, den Oranjefluss und die Straße von Aus nach Rosh Pinah begrenzt wird, schließt aber auch Arten ein, die bis zum Fischfluss vorkommen.
Der größte Teil dieses Gebietes war früher als „Sperrgebiet” bekannt, ein verbotenes Gebiet, in dem die Diamantpolizei jeden, der es zu betreten wagte, unerbittlich verfolgte. Für Menschen ist das Sperrgebiet sehr lebensfeindlich. Tosende Sandstürme verwischen im Nu alle Spuren und verschleiern alle Orientierungspunkte. Es herrscht extremer Wassermangel, glühende Hitze bei Tage und eisige Kälte bei Nacht und es gibt keine menschlichen Siedlungen, in denen man Wasser und Lebensmittel besorgen könnte. Infolgedessen ist eine fast unberührte Wildnis mit einer einzigartigen Pflanzengesellschaft erhalten geblieben, die mehr als 1000 Arten oder ungefähr 25% aller in ganz Namibia vorkommenden Arten beherbergt. Die südliche Namib ist damit das artenreichste Wüstengebiet der Erde.
Das genannte Gebiet umfaßt Kiesebenen, Wanderdünen, Inselberge sowie zerklüftete Gebirgszüge mit einer Vielfalt an ganz besonderen Lebensräumen, in denen sich ganz besondere Arten entwickeln konnten, deren Verbreitungsgebiet daher häufig sehr beschränkt ist.
Auf 292 Seiten werden über 350 der mehr als 1000 dort vorkommenden Arten beschrieben. Das Buch hat eine handliche A5-Größe und ist benutzerfreundlich, indem Buntaufnahmen und Texte zu den jeweiligen Arten auf gegenüberliegenden Seiten zu finden sind. Ein weiteres sehr zu schätzendes Merkmal ist, dass von der Mehrzahl der Pflanzen sowohl eine Gesamtansicht als auch ein Detailfoto von Blüten bzw. Früchten vorhanden ist. Vereinzelte Diagramme veranschaulichen die erstaunlichen Eigenheiten dieser Pflanzen, zum Beispiel die komplizierte Struktur der Samenkapsel der „Mesembs“ oder Mittagsblüher, die gewährleistet, dass die Samen erst verstreut werden, nachdem ausreichend Feuchtigkeit zur erfolgreichen Keimung und Entwicklung der Pflanzen vorhanden ist. Ein anderes Diagramm zeigt die unterschiedlichen Früchte der verschiedenen Morgensternarten.
Obgleich sich das Buch schwerpunktmäßig mit Blütenpflanzen befasst, werden auch einige Farne, Gräser sowie Bäume und Sträucher beschrieben. Ein besonderes und sehr faszinierendes Kapitel beschreibt einige besonders auf diese Flora spezialisierte Insekten, die zu ihrer Bestäubung unerlässlich sind. Auch diese werden durch Fotos und Diagramme veranschaulicht.
Die Pflanzen sind nach Pflanzenfamilien angeordnet. Vor jeder Familie gibt es eine kurze Beschreibung der besonderen Merkmale. Das gleiche gilt für jede dann folgende Gattung. Viele Pflanzenliebhaber, die keine botanische Vorbildung haben, empfinden botanische Namen als eine große Hürde. Die Verfasserrinnen haben dieser Tatsache insofern Rechnung getragen, als dass sie diese Namen und deren Herkunft erklären. Botanische Namen beziehen sich oft auf die Person, die die betreffende Pflanze zuerst gesammelt und beschrieben hat. So ist die Gattung Jamesbrittenia zum Beispiel nach James Britten (1864 – 1924) benannt, einem britischen Botaniker, der für die botanische Abteilung des „British Natural History Museum“ verantwortlich war. Der Gattungsname Senecio dagegen geht auf „senesco“ = ‚alt werden’ zurück und bezieht sich auf die weißen Härchen, die sich auf den reifen Samen entwickeln. Die ziemlich häufigen Artnamen dinteri und giessii erinnern an Kurt Dinter, den ersten deutschen Regierungsbotaniker im damaligen Südwestafrika bzw. an den Botaniker Johann Wilhelm (Willy) Heinrich Giess (1910 – 2000), einen bedeutenden namibischen Botaniker und Kurator des Herbariums während der südafrikanischen Verwaltung. Der Name einer anderen Art dieser Gattung, S. arenarius, bedeutet, dass diese Pflanze sandige Standorte bevorzugt.
In dem Buch folgen, soweit vorhanden, auf den botanischen Namen ein oder mehrere landesübliche Namen. Oft gibt der Text Hinweise auf weitere Arten derselben Gattung, die in anderen Teilen Namibias vorkommen. Dadurch ist das Buch auch bei Reisen außerhalb des Sperrgebietes nützlich. Das Buch gibt auch Hinweise auf Arten, die eventuell mit der betreffenden Art verwechselt werden könnten und Angaben dazu, an welchen Merkmalen sie von einander zu unterscheiden sind. Außerdem enthält es Angaben über Verwendungszwecke mancher Pflanzen.
Um sich in diesem Handbuch orientieren zu können, sollte man wenigstens einige Pflanzenfamilien und deren wichtigste Merkmale kennen [oder erraten!], um dann die fragliche Pflanze im Veld mit der Abbildung und der Beschreibung vergleichen zu können. Es ist deshalb schade, dass nur die botanischen Namen der Pflanzenfamilien im Index angegeben sind, obgleich auch die englischen Namen der Pflanzenfamilien im Text erscheinen. Für den Laien wäre es einfacher, nach der Oleanderfamilie zu suchen statt nach Apocynaceae.
Eine zusätzliche Hilfe für Nichtbotaniker wäre ein Anhang, in dem die Pflanzen nach der Farbe ihrer Blüten aufgelistet sind, denn in der Regel will man dann, wenn man die schönen Blüten dieser sonst oft sehr unscheinbaren Pflanzen sieht, herausfinden wie sie heißen. Einen derartigen Index könnte man sich immerhin selbst zusammenstellen.
Notfalls bleibt einem nichts anderes übrig als zu raten, zu welcher Familie die fragliche Pflanze gehört, oder eben das Buch so lange durchzublättern, bis man eine entsprechende Abbildung gefunden hat.
Zum Glück sind die Fotos so deutlich und so schön, dass das Ansehen allein schon viel Freude macht. Wenn man an den unablässigen Wind im Sperrgebiet denkt, an den Staub und die Abgelegenheit, begreift man, dass es viele Exkursionen und viel Mühe und Arbeit gekostet hat, diese vielen typischen Fotos zu sammeln. Das Sperrgebiet erhält zwar sehr wenig Regen, dafür aber im Sommer ebenso wie im Winter. Deshalb blühen manche Pflanzen nur im Sommer und andere nur im
Winter. Viele Blüten sind nur in der Mittagszeit geöffnet. Die Mehrzahl der Pflanzen werden höchstens 50 cm hoch. Infolgedessen befindet man sich beim Sammeln und Fotografieren ständig auf den Knien oder auf dem Bauch liegend und muss dann noch abwarten, bis der Wind eine kurze Pause macht, in der ein scharfes Foto möglich wird.
Die Autorinnen dieses Buches sind Coleen Mannheimer, Gillian Maggs-Kölling, Herta Kolberg and Silke Rügheimer. Coleen Mannheimer, schon bekannt als Mitautorin des ebenfalls mit sehr guten Fotos illustrierten Buches über die in der Tierzucht wichtigen Giftpflanzen „Toxic Plants of Veterinary Importance in Namibia” und als Mitautorin des „Namibia Tree Atlas”, hat hiermit eine wunderschöne Dokumentation ihres Lieblingsgebietes in Namibia zusammengestellt. Ein großer Teil des Textes und die Mehrzahl der Fotos stammen von ihr. Gillian Maggs-Kölling, Leiterin des Botanischen Forschungsinstitutes in Windhoek und Sachverständige für Storchschnabelgewächse, hat ebenfalls entsprechende Texte und Fotos beigetragen, ebenso Herta Kolberg und Silke Rügheimer, die beide als Forscher an dem genannten Institut tätig sind. Viele andere haben zusätzliche Fotos zur Verfügung gestellt.
Dankenswerterweise hat der Stromversorger Nampower erkannt, dass die für die Hochspannungsleitungen in der südlichen Namib erstellten Umweltstudien auch für die breitere Öffentlichkeit relevant sind und den Druck des Buches großzügig finanziert. Alle Pflanzenliebhaber, Ökologen und Reiseleiter sollten unbedingt eine Kopie von „Wildflowers of the Southern Namib” mit auf Tour nehmen. Leider wurde der schön illustrierte Umschlag des Buches nicht laminiert – das hätte die Haltbarkeit des Buches auf den langen Fahrten durch das staubige Land wesentlich erhöht.
Die Autoren und Nampower hoffen, dass dieses Buch die Aufmerksamkeit auf die Einmaligkeit der Flora der südlichen Namib lenken und dadurch dazu beitragen wird, Störungen des empfindlichen Gleichgewichts dieser an Wundern reichen Gegend Namibias auf ein Minimum zu beschränken.
„Wildflowers of the Southern Namib” von Coleen Mannheimer, Gillian Maggs-Kölling, Herta Kolberg und Silke Rügheimer, Macmillan Namibia (Pty) Ltd, ISBN 978-99916-0-878-5 , erhältlich bei allen führenden Buchhandlungen und vom „National Botanical Research Institute“, Orban Str 8, Windhoek.